Gibt es die halbe Wahrheit?

Sind die getöteten Journalisten im Gazastreifen gar keine?

Teil eins.

Daniel Rickenbacher beklagt in der NZZ vom 22. September ein «falsches Spiel mit getöteten Reportern». Die sind nämlich eigentlich keine, beziehungsweise: «Die Hamas hat ein Medienimperium aufgebaut und stellt ihre Anhänger als «Journalisten» dar

Reporter, Journalisten sind die erste Quelle unserer Informationen über Ereignisse, von denen wir nicht Augenzeuge sein können. In modernen Kriegen sind Siege bei Wortkriegen, vulgo Propaganda, für die Beherrschung der öffentlichen Meinung extrem wichtig.

Was für denen einen eine «militärische Spezialoperation» ist, ist für andere eine völkerrechtswidrige Invasion. Häufig werden Kriegsanlässe herbeigelogen. Dann wird «zurückgeschossen». Der Zwischenfall im Golf von Tonking, der Anlass für das Eingreifen der USA in Vietnam, durch die Pentagon Papers als Lüge entlarvt. Genauso wie die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak. Eine aufwendig produzierte Lüge, Schritt für Schritt enttarnt.

Aktuell tobt eine Informationsschlacht über die israelische Invasion im Gazastreifen. Ein Minenfeld im aufgeladenen Diskurs.

Dabei geraten nicht nur die Informationen ins Kreuzfeuer, sondern auch ihre Beschaffer. Organisationen wie das Committee to Protect Journalists (CPJ) werfen den israelischen Streitkräften (IDF) vor, Journalisten im Gazastreifen gezielt und systematisch zu ermorden.

Das CPJ wurde 1981 gegründet, hat seinen Sitz in New York und gilt als verlässliche, unabhängige Referenz zum Thema Pressefreiheit. Seine Daten werden weltweit als massgeblich genutzt.

Dieser Vorwurf gegen die IDF ist ungeheuerlich. Wenn er zutrifft. Das bezweifelt Rickenbacher stark. Geschickt beginnt er seine Verteidigungsrede mit zwei Einzelfällen, den am Tag des Hamas-Massakers getöteten Journalisten Roee Idan, israelischer Fotograf, und Mohammed Yarghun, Palästinenser. Der sei aber nicht in erster Linie Journalist gewesen, sondern laut Nachrufen von «Hamas-Unterstützern» sei es so gewesen: «Der Kommandokämpfer (Yarghun, Red.) ist beim Angriff auf die Siedlungen im Osten Rafahs als Märtyrer gestorben

Vom Einzelfall zur Verallgemeinerung, der geschickte journalistische Klimmzug: «Das israelische Intelligence and Terrorism Information Center beispielsweise schrieb im Februar 2024, von 131 aufgelisteten Journalisten seien mindestens 67 mit Terrororganisationen verbunden. Der umfangreiche Bericht enthält zahlreiche Indizien, die sich leicht nachprüfen lassen.»

«Den Bericht halte ich für relativ zuverlässig. Er deckt sich mit meinen eigenen Recherchen», unterstreicht Rickenbacher seine Verwendung von Informationen des ITIC. Über diese Quelle später mehr. Allerdings sagt der Bericht auch noch etwas anderes:

53 der getöteten Journalisten hatten auch laut dem ITIC keine «organisatorische Zugehörigkeit». Waren das auch keine «echten» Journalisten? Ausweichende Antwort: «Ich kann mich nur auf Fälle beziehen, die ich selber überprüft habe. Tatsache ist, dass zahlreiche Journalisten auf diesen Listen für Medien der Hamas des Islamischen Jihads arbeiteten

Gleiche Antwort auf die Frage, wieso er bei den letzten gezielten Liquidierungen der IDF nicht erwähnt, dass dabei unbestreitbar auch nicht der «Verbindung» mit Terrororganisationen verdächtige Journalisten ermordet wurden: «Ich kann mich nur auf Fälle beziehen, die ich selber recherchiert habe. Ich verlasse mich nicht auf die Angaben der NGOs oder anderer Institutionen. Auch bei Beschreibungen wie „unbestreitbar“ wäre ich vorsichtig. Im Gazastreifen herrscht ein „fog of war“

Dieser Logik folgenden wären dann auch Mitarbeiter von rechtsradikalen israelischen Medien, die eine völlige Zerstörung des Gazastreifens, die Vertreibung der Bevölkerung und die Annektierung samt Vertreibung der Palästinenser des Westjordanlands fordern, keine Journalisten, sondern Propagandisten – und vogelfrei.

Zweifellos ist, dass die Hamas mit ihrem Medienbüro oder mit dem Smart Media Center, für das auch Yarghun gearbeitet haben soll, die internationale Öffentlichkeit mit Berichten beeinflussen will, die die israelische Armee unzähliger Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigen. Sowie der gezielten Tötung von Journalisten.

Diese Berichterstattung findet auch deswegen statt, weil die israelische Regierung konsequent die Einreise und Berichterstattung durch unabhängige Journalisten verbietet. «Das stimmt so nicht», widerspricht Rickenbacher. «Wie ich im Bericht schreibe, kontrolliert das Regierungsmedienbüro der Hamas die Berichterstattung aus dem Gazastreifen schon lange. Auch zahlreiche Journalisten, die für internationale Medien tätig waren, wie BBC etc., liessen sich vom Regierungsmedienbüro lizenzieren und folgten deren Richtlinien.»

Die Antwort geht, gelinde gesagt, an der Frage vorbei. Zudem ist es überall auf der Welt so, dass sich Journalisten akkreditieren müssen, wollen sie auch mit offiziellen Gesprächspartnern in Kontakt kommen. Wer schon mal ein Journalisten-Visum für die USA beantragt hat, weiss, wie kompliziert das selbst im Land der Meinungsfreiheit ist. Wer schon mal dabei war, wie der begleitende Fotograf (ohne Visum) vom Immigration Officer in den Flieger zurück gesetzt wurde, weil der ihm nicht glaubte, dass die Fotoausrüstung für ornithologische Zwecke diene, weiss, wie schwierig Berichterstattung überall ist.

Die Hamas will die Berichterstattung aus dem Gazastreifen kontrollieren, die israelische Regierung will das auch. Gibt es da also nur halbe Wahrheiten? Oder wird eine halbe Wahrheit, wie sie Rickenbacher auftischt, zur ganzen Lüge?

Fortsetzung folgt.

12 Kommentare
  1. Martin Arnold
    Martin Arnold sagte:

    Der 7.Oktober war ohnehin ein kleiner 11.September. Die Parallelen sind frappant:
    -Vorgängige Warnungen von aussen ignoriert/dementiert.
    -Der beste Geheimdienst der Welt hat angeblich gar nichts mitbekommen von den Vorbereitungen der Hamas.
    -Gemäss Aussagen israelischer Grenzschutzsoldaten wurden kurz vor dem Überfall die Überwachungsmassnahmen an der Grenze reduziert.
    -Die Hamas war in der Lage, eine der bestbewachten Grenzen weltweit an 15 Stellen zu durchbrechen und danach stundenlang zu morden.
    -Auch sogenannt demokratische Regierungen schrecken vor keinen noch so scheusslichen Verbrechen zurück, um gewisse Ziele zu erreichen.
    Tote in der eigenen Bevölkerung spielen dann überhaupt keine Rolle.
    Sie sind sogar beabsichtigt.
    Viele Israelis wissen, dass da etwas oberfaul ist.
    Doch im Mainstream wird kaum darüber berichtet. Auch kein Zufall.

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  2. René Küng
    René Küng sagte:

    Das Veto des Kriegspartners USA im UNO-Sicherheitsrat betreffend sofortigem Waffenstillstand in Gaza (inklusive Geisel-Freisetzung!) sagt alles: für Bodenschätze (bzw Gasflder im Mittelmeer), Immobilien-City Gaza und totale ‚Säuberung‘ gehen die über alle Leichen. Zivilisten, Kinder und Journalisten erst recht und systematisch.
    Die Hamas-Rebellen und ihre Taten sind der Vorwand, lange genug haben sie die Banden ja hochgepäppelt, finanziert, instrumentalisiert.
    Die Bandera-Banden und hoch-korrupten Eliten in Kiew lassen grüssen.

    Wie die absaufenden Mächte jetzt im Endkampf um sich schlagen, um das Raffen & Beherrschen noch eine Weile hinaus zu zögern, ist grauenhaft.
    Aber niederträchtig und beschämend ist es, wie die Klima-Vergifter in Zürcher Redaktionskäfigen ihren feigen Beitrag zu all den schändlichen Kriegen der kriminellen Heuchler & Gierigen dieser End- oder Wende-Zeiten abliefern.
    Feige und feisse Schreiberlinge, die weitab vom Schuss auf erbärmlichste Weise das schreckliche Treiben der ‚ihren‘ schönschreiben.
    NZZ, die gehoben abgedriftete Dekadenz der Druckerschwärze.

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  3. Basil Weiss
    Basil Weiss sagte:

    Die NZZ berichtet seit Ausbruch dieses Krieges absolut einseitig, beschönigt die Taten und Aussagen Israels und bezichtigt die restliche Welt des Antisemitismus. Ich frage mich seither: kann ein Medium in anderen Themen glaubwürdig sein, wenn es hier die Wahrheit zurechtbiegt? Ich denke nicht.

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    • Ast
      Ast sagte:

      Geht mir genauso. Unvergessen das Framing der NZZ (und gewisser Restmedien) zu der juristisch windigen Verhaftung und Ausweisung des amerikanisch-palästinensischen Aktivisten Ali Abunimah im Januar, dies mit dem von RR Fehr gelieferten billigen Totschlag-Argument, er sei ein «Judenhasser» und «Islamist». Ein Klick und die Verleumder hätten gesehen, dass sein Mitarbeiter-Team auch aus antizionistischen Juden besteht. Aber für das Volch reicht das und der Speichel tropft.

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    • Andreas Zurbuch
      Andreas Zurbuch sagte:

      Geht mir gleich, aber ich lese die NZZ weiterhin, weil vieles ist gut. Ich lese die NZZ halt selektiv. Das sollte man bei allen Medien machen. Selber denken wird immer wichtiger.

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  4. H.R. Füglistaler
    H.R. Füglistaler sagte:

    Der Zionistenstaat macht die beste Propaganda. Die
    raffinierteste Zensur kann da natürlich nicht fehlen.
    Die Bilder allerdings täuschen nicht. Zackbum auch nicht.

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