Das Schweigen der Belämmerten

Gibt es ausser Lukas Hässig noch Wirtschaftsjournalisten?

Da gibt es den Fall des ehemaligen Nestlé-Chefs Laurent Freixe. Der arbeitete 39 Jahre für den Nahrungsmittelkonzern mit dem vertrauenserweckenden Namen.

Neben seiner Tätigkeit fand Freixe allerdings immer wieder Zeit, auf Freiersfüssen zu wandeln. Das zweite Mal brach ihm das allerdings das Genick.

Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» spricht von einer «Mata Hari des Schweizer Food-Multis». Das etwas schiefe Bild sei ihm verziehen. «Corporate Casanova» für Freixe ist hingegen durchaus treffend.

Es ist so, dass wieder einmal IP als erstes Medium im Juli über diese problematische Liaison des Nestlé-Chefs mit einer direkten Untergebenen berichtet hatte.

Zunächst stritt Nestlé jegliches Fehlverhalten auf höchster Ebene ab, das habe eine interne Untersuchung zweifelsfrei bewiesen. Nachdem IP aber nachstocherte, wurde dann Bär & Karrer mit einer externen Untersuchung beauftragt.

«Ein Cover-up fürs Governance-Lehrbuch», kritisiert Hässig in seinem neusten Beitrag. Und rückt den eigentlich verantwortlichen ins Zentrum: Nestlé-VR-Präsident Paul Bulcke. Denn Freixe ist bereits dessen zweiter Fehlgriff in kurzer Zeit:

«Zuerst entwickelte sich Mark Schneider zum esoterischen Milliarden-Vernichter, dann entpuppte sich Freixe als Corporate Casanova

Das ist ziemlich blöd für einen Verwaltungsrat, zu dessen vornehmsten Aufgaben es gehört, die Geschäftsleitung mit fähigen und stabilen Leuten zu besetzen.

Blöd ist das auch für die übrigen Medien, die inzwischen hinterherhecheln. Tamedia vermeldet in ihrem Artikel immerhin: «Ende Juli berichtete der Finanzblog «Inside Paradeplatz» darüber, dass Freixes Beziehung zu einer Mitarbeiterin innerhalb der Firma für Gesprächsstoff sorge.»

Andere Organe, darunter «Blick» und NZZ oder CH Media, verklemmen sich jeden Hinweis auf den eigentlichen Urheber. Der wie im Fall Vincenz ein hohes Risiko einging.

Denn hätte sich seine aus internen Quellen gespeiste Story als Ente erwiesen, und anfänglich stritt Nestlé jegliches Fehlverhalten seines Chefs ab, dann hätte er mit teuren Schadenersatzansprüchen rechnen müssen.

Die Reputation des CEOs des Nahrungsmultis Nestlé. Die Reputation der Firma selbst. Alleine die Abwehr rechtlicher Schritte wäre teuer geworden.

Aber erst, als Nestlé publik machte, dass es seinen schnell verliebten CEO fristlos gefeuert hatte, sprang die übrige Journaille auf und wusste es im Nachhinein mal wieder schon immer.

Aber vorher? Ist da was? Schauen wir lieber mal, ob sich Hässig in die Nesseln gesetzt hat oder nicht, bevor wir uns auch mit dem Riesen anlegen. Der schliesslich als Inserent nicht ganz unbedeutend ist.

So die Haltung der übrigen Wirtschaftsjournaille. Nur Arthur Rutishauser fällt noch gelegentlich durch Sonderleistungen auf. Wie er sich an der verblichenen CS abarbeitet. Oder an der Migros zum 100., wo das Versagen einer ganzen Managergeneration den orangen Riesen ins Wanken gebracht hat.

Aber sonst? Nicht einmal eine kompetente Analyse der US-Zollpolitik kann der Schweizer Wirtschaftsjournalismus liefern.

Vorherrschende Meinung: da sieht man’s; wäre die Schweiz in der EU, wäre ihr das nicht passiert. Die hat schliesslich 15 Prozent herausverhandelt.

Bullshit, würde da Präsident Trump sagen. Zum einen musste die EU absurde Verpflichtungen eingehen, die weder sie noch die USA erfüllen können. Zudem stänkert Trump bereits wieder, dass ihm die EU-Digitalgesetze nicht passen und er deswegen neue Strafzölle erwägt.

Also nichts von Sicherheit und Stabilität durch überlegenes Verhandlungsgeschick.

Wirtschaft ist zentral wichtig für das Wohlergehen. Eine wache Wirtschaftspresse könnte einiges Unheil verhindern oder zumindest verantwortungslose und raffgierige Akteure etwas bremsen.

Aber in der Schweiz? Eine One-man-Show.

 

Packungsbeilage: ZACKBUM-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf IP.

 

 

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