Lest, Leute, lest

Was bleibt angesichts der Weltlage auch anderes übrig.

Man kann Donald Trump zuhören. Oder Karin Keller-Sutter. Zum Ausgleich braucht man geistige Nahrung. Um nicht völlig zu verblöden.

Ein ausgezeichnetes Antidot ist Gabriel Yorans Philippika gegen die Verschlimmbesserung von Produkten:

Elegant-amüsant geschrieben, 174 Seiten, die den Leser beschwingt zurücklassen.

Etwas Intelligentes zu Trump? Muss kein Widerspruch in sich selbst sein:

Ivan Adamovich und Konrad Hummler erklären ihre These, dass es durchaus einen Plan hinter dem Handeln Trumps geben könnte. Nämlich der Abschied der USA von der Rolle des Hegemons. Könnte tatsächlich Peter Thiels Absicht sein.

Nach Kurzstrecken nun der Marathonlauf:

1250 Seiten über das Leiden, Lieben, Sterben und Überleben der Menschen beim Bau der Stalinbahn, eine absurde Idee des Sowjet-Diktators. Muss man sich das antun? Viktor Remizov hat den epischen Atem eines Wassili Grossman, man greift auch mit dem Namen Tolstoi nicht viel zu hoch. Ja, wenn man die Grenzen der menschlichen Belastbarkeit, von Moral und Standhaftigkeit erlesen will, miterleiden, was Menschen damals angetan wurde. Übrigens hat Remizov die gesamten 1500 Kilometer der geplanten und in der Taiga verschwundenen Bahnstrecke abgereist, was dem Riesenwerk zusätzlich authentische Wucht gibt.

Schnell etwas Unterhaltsames, wenn auch nicht ohne Tiefgang. Wer meinte, dass bedauerlicherweise Raymond Chandler, Dashiell Hammet, Cornell Woolrich oder Ross McDonald keinen Nachfolger gefunden hätten, wem James Ellroy (Underworld USA Trilogie) zu brutal ist, kann sich über diese Trouvaille freuen:

Seit 2024 gibt der Berliner Alexander Verlag seine Politthriller in deutscher Neuübersetzung heraus, die der Sprachkraft des Autors gerecht wird. Die Inhalte sind zeitlos, in diesem Thriller geht es darum, wie eine Kleinstadt korrumpiert werden soll. Die gute Nachricht ist: es gibt Nachschub, Ross Thomas hat bis zu seinem Tod im Jahr 1995 ganze 25 Romane hinterlassen.

Man darf auch mal schauen und amüsiert sein:

Hans Magnus Enzensberger ist tot, aber seine «Die Andere Bibliothek» lebt und fördert immer wieder Perlen ans Tageslicht. Zum 100. Geburtstag des Autors und Zeichners präsentiert Walter Moers einen Streifzug durch die Welt des US-Kultautors Edward Gorey, der leider nie im deutschen Sprachraum die Bedeutung erlangte, die er eigentlich verdient.

Bei Louis-Ferdinand Céline scheiden sich die Geister. Für die einen sind «Kanonenfutter» und «Die Reise ans Ende der Nacht» zwei unerreichte Meisterwerke über den Ersten Weltkrieg, für andere ist er durch seine Kollaboration mit den Nazis und seinen Antisemitismus unlesbar. Grosse Literatur sind seine Werke auf jeden Fall.

Sein Oeuvre schien vollständig publiziert. Bis 2021 Tausende von Manuskriptseiten wieder auftauchten, die als verschollen galten. Mit grossen editorischen Aufwand ist als erstes Werk «Krieg» entstanden. Auch dieser Roman spielt im Ersten Weltkrieg. Ein schwerverwundeter Soldat übersteht den Tod, scheitert aber am Leben. Wie immer bei Céline gewaltig.

Wozu ein Buch lesen, das bereits 2002 erschienen ist? Weil die US-Philosophin Susan Neiman sich auch für Laien verständliche Gedanken über eine alternative Philosophiegeschichte macht. Deren Grundthese nicht der Aufklärung folgt, dass die Geschichte der Menschheit ein zögerliches, aber unvermeidliches und vorbestimmtes Hinaufstreben ins Bessere und Gute sei. Zwischen dem Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 und Auschwitz oder dem 11. September versucht sie, dem Bösen näher zu kommen, es nicht einfach als unterliegende Gegenmacht des Guten zu verstehen. Brandaktuell.

Disruption lautet das Modewort für den aktuellen Zustand der Welt. Werteverlust, Kriege, Trump, neue Unübersichtlichkeit, alte Überkomplexität. Im aktuellen Chaos hilft der Blick ins Vergangene:

Der britische Historiker Harold James untersucht sieben Schockmomente in der Geschichte auf ihre Tauglichkeit, das zu verstehen, was gerade geschieht. Englische Historiker wie Adam ToozeÖkonomie der Zerstörung»), Antony BeevorRussland, Revolution und Bürgerkrieg») oder James haben die Fähigkeit, komplexe historische Ereignisse so aufzubereiten, dass sie nicht banal einer These untergeordnet werden, sondern trotz Komplexität lesbar und verständlich bleiben. Natürlich sind die 540 Seiten eine Herausforderung. Der man sich allerdings stellen sollte.

Und wenn schon, denn schon:

 

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