Der Sex-Anzeiger

Statt Nabelschau mal Vulvaschau. Wie tief will Tamedia noch unten eindringen?

Wenn die Aussenwelt dem Journalisten oder dem Schreiber im Allgemeinen zu kompliziert oder bedrückend wird, dann geht er in sich. Das gilt auch für weibliche Exemplare.

Denen, wir leben schliesslich in einer Männergesellschaft mit Männersprache, Sexismus, Exklusion, Unterdrückung und dominierenden Pimmeln, fehlt immer irgendwas.

Gleichberechtigung, Gleichstellung, Equal Voice, Frauensprache neben Männersprache, mein Bauch gehört mir, wieso können Männer keine Kinder kriegen, Menstruationsferien, Gratis-Abgabe von Tampons oder Binden, es gibt so viele Kampffelder.

Schon seit Wochen beschallt Tamedia seine Leser mit dem redaktionellen Inhalt täuschend ähnlich aufgemachten Ratgebern, wie Männer in fünf Minuten ihre Erektions- oder Potenzprobleme in den Griff bekämen. Das ist natürlich sexistisch, denn da fehlt doch was:

Richtig, der weibliche Orgasmus. Beziehungsweise sein Ausbleiben. Gut für das Füllen eines Spätsommerlochs. Dieses Frauenthemas nimmt sich eine anonyme Autorin auf «Republik»-verdächtigen knapp 32’000 A im «Magazin» des Tagi an.

Unter dem etwas ausgeleierten Titel «Orgasmuss» fragt sie provokativ: «Ich bin zweiundvierzig und hatte noch nie einen Orgasmus. Ist das ein Problem

Um mit Radio Eriwan zu antworten: Im Prinzip ja und nein. Zunächst wäre die Frage, ob dieses individuelle Problem einer 42-Jährigen von allgemeinem Interesse ist. Da wäre die Antwort im Prinzip nein. Ausser vielleicht für Selbsthilfegruppen von Frauen, bei denen keine körperlichen Gründe für das Ausbleiben des Orgasmus verantwortlich sind.

Für alle anderen haben solche wohl unter «schonungslos offen» segelnden Sätze eher etwas zum Fremdschämen: die Dame «wäre von alleine auch nicht darauf gekommen, zu masturbieren. Nur, weil meine Freundinnen darüber sprachen, probierte ich es ein paar Mal aus, fand es aber langweilig». Der Leser kann das Gefühl nachempfinden, beim Lesen.

Die Dame wurde älter, hatte Beziehungen aber weiterhin keinen Orgasmus. Warum? Zwischenbilanz: «Ich bin schlicht zu faul, so wie man zu faul ist, das Matterhorn zu besteigen, auch wenn es sicher eine fantastische Erfahrung ist. Ausserdem möchte ich mich deswegen nicht unzulänglich fühlen. Es ist wohl auch ein bisschen Selbstschutz. Ich geniesse Sex, genauso wie ich es geniesse, zu kochen, zu essen, zu trinken, zu tanzen, zu diskutieren oder zu lachen.»

Na, dann ist doch alles gut. Oder nicht? Nicht gut, denn so kann ja kein ellenlanger Artikel entstehen. Also gibt sie den bohrenden (Pardon) Fragen einer Freundin nach, die nicht verstehen kann, wieso die anonyme Autorin nicht wissen will, wie sich ein Orgasmus anfühlt.

So macht sie sich auf den Weg mit hohem Originalitätsfaktor: «Ich beginne meine Recherche im Internet. Was ich habe, heisst offiziell Orgasmusstörung. Die Ursachen können kulturell, psychisch, situationsbedingt oder körperlich sein. Fangen wir bei der Kultur an.»

Was der Leser befürchtet, kommt natürlich. Die vier Themen werden Stück für Stück abgearbeitet. Unterfüttert mit den üblichen Interviews mit Mitbetroffenen und Fachleuten. Und der Verallgemeinerung: «Je nach Quelle haben zwischen fünf und zehn Prozent der Frauen nie einen Orgasmus

Was den Leser hier vom Einschlafen abhält, ist tiefer Ärger. Wäre es hier, bei aller Selbstverliebtheit und Schweiz-Zentriertheit, nicht erwähnenswert gewesen, wieso über 200 Millionen Frauen auf der Welt nie einen Orgasmus haben? Weil sie Opfer der grauenhaften Praktik der Genitalverstümmelung sind.

Aber die Autorin hat andere Probleme: «Auch als Feministin komme ich in Bedrängnis: Wenn mein Partner fast immer kommt und ich nie, besteht offensichtlich ein krasses Ungleichgewicht. Kann ich das einfach so hinnehmen?»

Wie zu befürchten ist, werden dann die unterschiedlichen Prozentzahlen des Orgasmus beim Sex zwischen Frauen und Männern runtergeleiert und die überraschende Erkenntnis wiederholt:

«Frauen können – anders als Männer – auch ohne Orgasmus Kinder bekommen.»

Das ist auch noch in Zeiten so, wo man auch Sex haben kann, ohne Kinder zu bekommen.

Nun muss aber auch der längste Artikel mal, Pardon, zur Klimax kommen. Und die besteht, Überraschung, darin: der Autorin kommt’s. Oder vornehmer: «Ein wohliges Gefühl breitet sich zwischen meinen Beinen aus, ich japse und muss plötzlich lachen. War es das etwa

Offenbar schon: «In den nächsten Tagen und Wochen lerne ich meine Orgasmen besser kennen und finde: Ja, es ist wirklich ein sehr schönes Gefühl. Ich verstehe jetzt, dass ein Orgasmus eine starke Motivation für Sex sein kann. Und doch ist er nur eine von vielen Zutaten

Wunderbar, und zu welcher Erkenntnis führt die Autorin die wenigen Leser, die noch nicht erschlafft sind? «Was bleibt, ist die Erkenntnis: Ich bin gar nicht so anders, wie ich immer dachte. Ich hatte einfach wenig Geduld und Interesse.»

Soll man das nun einen Höhe- oder einen Tiefpunkt der Leserverarsche nennen?

2 Kommentare
  1. Petra Hartmann
    Petra Hartmann sagte:

    Laut Studie täuschen rund 70 % Frauen einen Orgasmus vor…

    Der anonymen Kampfemanze würde ich wohl ein Vibrator schenken. Wenn das nicht fruchtet, sollte sie zum Psychiater gehen. Vielleicht ist sie ja frigid? Oder hat sie damals nicht die Bravo gelesen?

    Meine Empathie bezieht sich auf alle Menschen, die die aufgrund von Verstümmelung, Erkrankungen und Geschlechtsumwandlung, die Libido verloren haben.

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  2. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:

    Um Ihre Schlussfrage gleich zu Anfang zu beantworten, Meister: Es wird wohl ein Tiefpunkt sein. Da dieser Text nun schon einmal vorlag und ich noch im Bett, sagte ich mir: „Come on, probieren wir es ein Mal aus!“ Ich und mein Seppli nämlich. Ich fand es aber langweilig. Leserverarsche ist das somit allemal. Ganz anders, sozusagen vornehmer, die Reaktion der charmanten Gattin. Beim Gipfeli [sic!] schilderte sie ihre Reaktion auf mein befremdliches Treiben: „Ein wohliges Gefühl breitete sich zwischen meinen Beinen aus, ich japste und musste plötzlich lachen. War es das etwa?“ Sie ist es halt einfach nicht gewöhnt, mir bei der Lektüre des „Thaaagi“ zusehen zu müssen.
    Das war einer der lustigsten Mörgen in meinem Leben!

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