Konzernjournalismus
Geschichtsklitterung beim «Mord in Kehrsatz».
Ältere Leser haben heute noch Mühe, einen Toast Hawaii zu essen. Der spielte eine entscheidende Rolle, als es um die gerichtliche Aufarbeitung ging, wer im Juli 1985 Christine Z. ermordet hatte. Ihr Ehemann hatte ein Motiv – eine reiche Geliebte –, Gelegenheit und die Mittel dazu.
Deshalb wurde er 1987 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er beteuerte immer seine Unschuld. 1993 wurde er in einem zweiten Prozess freigesprochen. Weil damit seine Resozialisierung behindert würde, darf sein Name bis heute nicht genannt werden, der seines Opfers hingegen schon.
Es war ein veritabler Justizskandal. Aber auch viele Jahre danach ist der Fall für einen weiteren Skandal gut. Marcello Odermatt («seit April 2024 Chefredaktor «Der Bund» und Mitglied der Chefredaktion von Berner Zeitung, Bund, Thuner Tagblatt und Berner Oberländer»») interviewt den damaligen «Bund»-Redaktor Walter Däpp, der neben vielen anderen damals darüber berichtete.
Auf die direkte Frage, ob es der Ehemann war, eiert Däpp herum: «Die Frage stellt sich für mich nicht mehr. Der Revisionsprozess wurde sorgfältig geführt. Seither ist Z. ein freier Mann. Daran gibt es nichts zu rütteln.»
Der «Bund» gehört heute zum Kopfblattsalat von Tamedia. Journalisten reden mit Journalisten. Normale Verluderung.
Der Skandal heute steckt in diesem Absatz:
«Angefangen hatte alles damit, dass vier Geschworene nach dem Schuldspruch von Z. den Prozessverlauf öffentlich kritisierten, und mit Recherchen in der damals linksliberalen «Weltwoche». Der Autor deckte darin primär die Mängel um das erwähnte Gutachten auf.»
Beim «Autor», den Odermatt nicht mal namentlich erwähnt, handelt es sich um Hanspeter Born. Der hatte zuerst eine 16-teilige Artikelserie veröffentlicht. Später die Bücher «Mord in Kehrsatz» und «Unfall in Kehrsatz». Im zweiten Buch beschuldigte er die Eltern des Opfers, die wahren Täter zu sein. Es wurde wegen dieser haltlosen These verboten.
Born verwendete die untaugliche Methode, auf einem Glied der Indizienkette unermüdlich herumzudengeln. Es ging um die Untersuchung des Mageninhalts der Toten, die Überreste eines Toast Hawaii. Damit war der Tatzeitpunkt festgelegt worden, an dem nur der Ehemann in Frage kam.
Wiederholt stellte Born diese Untersuchung in Frage, bis das Indiz zerbrach. Während die Kette einwandfrei auf die Täterschaft des ungetreuen Ehemanns hinwies. Born räumte später ein, in seinem Feldzug, einen mutmasslichen Mörder freizuschreiben, journalistische Grundsätze ausser Acht gelassen zu haben.
Heute lässt Odermatt journalistische Grundsätze ausser Acht, indem er den journalistischen Mitläufer Däpp interviewt, ohne den Hauptakteur auch nur beim Namen zu nennen.
Das ist so, wie wenn man beim «Watergate»-Skandal die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein ohne Namensnennung zu Randfiguren machte.
Das Motiv für diesen Konzernjournalismus liefert Odermatt selbst: die «damals linksliberale «Weltwoche»». Denn Born publizierte weiter in der dann nicht mehr so linksliberalen Wochenzeitschrift. Pfui.
Das tut man im heutigen Elendsjournalismus nicht ungestraft. Ohne die journalistische Leistung Däpps herabwürdigen zu wollen: wie tief muss ein Multi-Chefredaktor gesunken sein, um eine solche Geschichtsklitterung zu betreiben?
Born hatte damals fast im Alleingang dafür gesorgt, dass es eine Wiederaufnahme des Prozesses gab. Der «im Zweifel für den Angeklagten» mit einem Freispruch und einer üppigen Entschädigung endete. Tatsächlich kamen dabei unglaubliche Schludrigkeiten der Ermittlungsbehörden und skandalöse Umstände des ersten Prozesses vor einem Geschworenengericht in Bern zum Vorschein. Das wurde im Anschluss abgeschafft.
Born muss mit der Last leben, dass er einen mutmasslichen Mörder freigeschrieben hat. Das Opfer geriet während der damaligen Medienhysterie (der Fall erregte internationale Aufmerksamkeit) in den Hintergrund, seine Eltern mussten sich gegen die ungeheuerliche (und widerlegte) Behauptung wehren, sie hätten ihre eigene Tochter umgebracht.
Die Anwältin Trix Ebeling ging dann dem Fall nach, erwarb sogar den VW Golf des Freigesprochenen und stellte fest, dass der Radmutterschlüssel ersetzt worden war. Sein Vorgänger könnte, wie eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, das Tatwerkzeug gewesen sein. 1996 erfolgte ein Antrag auf erneutes Verfahren, das vom Berner Kassationsgericht abgeschmettert wurde.
1998 wurde der Fall ad acta gelegt. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Aber indem Odermatt ihm eine weitere Schludrigkeit hinzufügt, erhebt er sich wie ein Zombie aus seinem Grab. Da er Chefredaktor ist, traute sich keiner vom nächsten grossen Rausschmeissen bedrohten Untergebenen, darauf hinzuweisen, dass man schlecht über diesen 40 Jahre zurückliegenden Mordfall (Jubiläum!) berichten kann, ohne einen der Hauptakteure mit mehr als einer Fussnote zu erwähnen.
Aber nichts ist heutzutage unmöglich. Womit sich die Journaille weiter unmöglich macht. Indem sie hinter der Bezahlschranke für diese Verluderung auch noch Geld verlangt.










Walter Däpp eiert nicht herum. Er war nicht Augenzeuge der Tat, also kann er die Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten. Der Entscheid der Justiz steht – causa finita. Ich kann mir keine vernünftigere Antwort vorstellen.
Der Name des Täters – B. Z. – ist im Internetz überall zu lesen.
Hier aber nicht.
https://www.srf.ch/play/tv/rundschau/video/der-stuhl-studiogast-trix-ebeling-stanek?urn=urn:srf:video:3aa131a5-56be-4f1f-9abb-ed4a7fb9c324
Ich habe das Buch «Mord in Kehrsatz» vier mal gelesen und wurde nicht schlauer. Fand es doch sehr speziell, dass ein Gerichtsmediziner, ein Toast Hawaii selbst gegessen hat, den dann erbrach und danach analysiert hat.
Interessant war damals auch die mediale Hetze gegen RA Ebeling.
https://www.srf.ch/play/tv/rundschau/video/mords-geschichte-zwahlen?urn=urn:srf:video:3fd08ae5-c81f-46ac-9507-e9c999232785
Der wohl größte Mordfall, der bis heute nicht geklärt ist, ist im Buch von Robert Siegrist «Der Mordfall Seewen» beschrieben. So hat die Stawa damals in zu Unrecht verdächtigt.
Wenn man das Buch von Peter Holenstein ließt «Der Unfassbare» wird sehr deutlich, wie damals die Polizei, Stawa und Gerichte, unprofessionell gearbeitet haben.
Was sich zum positiven gewendet hat, ist die Unterstützung der Angehörigen. So wurden sie damals völlig allein gelassen. Es gibt ein ungeklärter Fall von Spreitenbach. Die Eltern vom Mordopfer? haben sich das Leben genommen, weil sie eben keinerlei Informationen und Unterstützung erhielten.
Es bleibt Borns ewiges Verdienst, den Toast Hawaii ein für allemal erledigt zu haben. Diese Grosstat wiegt den Freispruch eines möglichen Mörders locker auf; man hört, dass deren ohnehin viel mehr frei herumlaufen als man denkt.