Wahres Märchen

Es gilt, einen journalistischen Schatz zu heben.

Geh hin und schreib das auf. So einfach kann’s sein im Journalismus. Wenn’s einer kann. Im Jammertal des Schweizer Elendsgeschreibsels ragt ein Werk von Michael Schilliger wie ein wahres Märchen heraus. Er ist NZZ-Reporter. Wo denn sonst.

Wegen solchen funkelnden Juwelen verzeiht man der alten Tante manch Hastiges und Unausgegorenes. Schilliger hat einen Schatz gefunden, gehoben und ein funkelndes Juwel von Story draus gemacht:

«Sie handelt von der 84-jährigen Ileana Ivascu, die ganz im Norden des Landes, in einem kleinen Tal, am Ende des Dorfes allein in einem Häuschen lebt und einsam war, bis sie zu lesen begann, ihr Enkel sie filmte, als sie über die Bücher redete, und diese Videos auf Tiktok stellte. Grossmutter Ivascu wurde berühmt. Zehntausende folgten ihr, Hunderttausende schauten ihre Videos. Und so war sie nicht mehr allein

Per Zufall im seichten Meer von TikTok gefunden und sich auf die Suche gemacht. So entstehen wahre Geschichten, die Welt ist voll von ihnen. Erzählen muss man sie allerdings können:

«Irgendwann brachte ihr der Enkel ein paar Bücher, und sie begann einfach zu lesen. «Um mir die Zeit zu vertreiben, dann wurde es mehr als das. Ein Weg durch die Stille, eine Therapie, ein Gebet.» 360 Bücher habe sie gelesen, sagt sie. In fünf Jahren.»

««Ich weiss ja nicht, was ihr mich fragen werdet, wenn ich die Antwort nicht weiss, werde ich nicht antworten, und wenn ich etwas sage, das ich nicht hätte sagen sollen – nun gut, dann habe ich es gesagt», beginnt die Grossmutter und wartet dann, bis mir der Enkel oder meine Fotografin übersetzt haben. Meistens aber redet sie einfach weiter, ich nehme auf, was sie sagt, manchmal verstehe ich einen Satz, ein paar Worte und muss lachen, weil sie lacht, laut und aus dem Bauch heraus.»

Wie kann man ein Lob des Lesens besser formulieren als diese Grossmutter: «Wenn du ein Buch liest, ein richtiges Buch liest, dann findest du dich im Buch wieder. Vielleicht nur in einem Satz oder zwei, aber du findest ein Stück von dir dort, und du hältst inne und sagst dir: Das bin ich, das ist genau das, was mir widerfahren ist. Es ist ganz und gar unmöglich, dass du liest und dich nicht wiederfindest

Ergänzt wird die Reportage durch Hintergrund über die Bedeutung von TikTok in Rumänien, wo Erzähltes immer noch wichtiger ist als Geschriebenes. Der Aufstieg von Calin Georgescu bei den Präsidentschaftswahlen via TikTok, der gewann und dann um seinen Sieg gebracht wurde.

Dann noch ein paar Pinselstriche Ambiente und Analyse: «Die Bäume blühen weiss. Ich bin glücklich. Die Grossmutter war keine Influencerin, die etwas tat, weil es ihr Aufmerksamkeit und Geld brachte. Sie las und besprach die Bücher, weil es ihr Freude bereitete, ohne dass sie wusste, wer ihr alles zuhörte. Wer der Grossmutter auf Tiktok folgte, erfuhr Geschichten so wie früher – als Trost, nicht als Täuschung. Ihre Videos zeigten, was das Internet einst war, wieder sein könnte. Vielleicht manchmal, wenige Sekunden lang, immer noch ist

Wegen solchen Trouvaillen lohnt sich das Lesen, weil sie zeigen, was Journalismus einst war, wieder sein könnte. Das wäscht den Schlamm und Unflat von der Seele, wenn man die Sumpfgebiete der Kopfsalatblätter durchmisst, Mediokrität, schlecht Verdautes, schlecht Geschriebenes einen malträtiert. Lest das, um Euch zu erheben, weil es Erhabenes gibt.

Grosse Verbeugung, es gibt noch einen Funken Hoffnung.

2 Kommentare
  1. René Küng
    René Küng sagte:

    In Basel lassen sie wöchentlich einen Trämmli-Piloten schreiben, weil der die Orientierung noch nicht total abgegeben hat, selber denkt und das weitergibt. Hin und wieder sogar ‚gegen den Strom‘ und nicht gekänselt – weil es zum Wenigen gehört, das gelesen wird.

    Ob Perle oder seltene Lichblicke: die tägliche, üble, blattfüllende Propaganda-Brühe aller Art, die aus den Zeitungen quillt, ist traurige, dominierende Realität.
    NZZ voran, die schreiben auf Befehl oder Kalkül nicht nur einen Cassis und die marode EU schön, Krieg&Aufrüstung ist dort geil, der Medien-Markt macht alles mit.
    Auf gehoben-akademischem Niewo wie bei der NZZ ist das alles nur noch verwerflicher, als in den andern Armseligblättern für Volksverdummung.

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  2. Petra Hartmann
    Petra Hartmann sagte:

    Die Literatur hat die gleiche Wirkung wie ein Streichholz,
    das man in der Nacht auf einem Feld entzündet.
    Ein Streichholz spendet nur wenig Licht,
    aber lässt uns erahnen,
    wie gewaltig die Dunkelheit ist,
    die uns umgibt.

    William Faulkner nach Javier Marias

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