Neues vom Qualitätspapst Bärtschi

Tamedias publizistische Leiter nach unten hat wieder zugeschlagen.

Im Bullshit Bingo ist Simon Bärtschi ganz gross. Mehr Qualität mit weniger Journalisten, das war ein einsamer Höhepunkt. Wenn man ihn quatschen lässt, kennt er keine Grenzen:

«Setzen künftig auf mehr publizistische Kraft … zielgerichteter für die digitalen Kanäle … nahtlose Abläufe auf der Redaktion … kann diesen Verlust nachvollziehen … Teil der neuen Strategie … sehe Potenzial … auf rund 55 Vollzeitstellen reduzieren können … ist und bleibt auch weiterhin eine ganz wichtige Aufgabe … für die Herausforderungen der Zukunft gut aufzustellen … die weniger zur Verfügung stehenden Ressourcen zielgerichteter … geplanten Personalmassnahmen in den Redaktionen sollten in einem gesunden Verhältnis zur Wirtschaftlichkeit … gute Geschichten sollen dort ausgespielt werden, wo sie ihr Publikum finden … jede Sparrunde ist schmerzhaft …»

In konsequenter Verfolgung all dieser Ziele setzt er nun noch einen drauf. Die «Republik» verfügt über gute Beziehungen zu den vielen frustrierten Tamedia-Journalisten. Rund 180 von ihnen sollen ein Protestschreiben gegen Bärtschis neusten Furz unterzeichnet haben.

Per Mail und mit viertägigem Vorlauf informierte Bärtschi laut «Republik» die Redaktionen darüber, dass zur Qualitätssteigerung eine neue Artikellänge eingeführt werde: XS, gleich 1500 A maximal. Das ergänzt die Textlängen S (2500 A), M (4000 A), L (6000) und XL (8000 A). Abweichungen werden nur noch bis zu maximal 150 A toleriert.

Das soll dazu dienen, diese Textbausteine besser herumschieben zu können und die Abläufe im Kopfblattsalat von Tamedia zu optimieren. Dazu also noch Wurstsalat aus Buchstaben.

Nun könnte man das, wenn man könnte, vielleicht so einschenken, dass nicht gleich ein Grossteil der Redaktion aufheult:

«Das neue, starre Modell steht im Wider­spruch zu allem, was das Unternehmen den Redaktorinnen und Redaktoren in den letzten Jahren eingetrichtert hat. Digitales Storytelling, Online First, keine Gedanken an den Print: Das alles gilt offenbar nicht mehr.»

Mutig, denn auch bei Tamedia gilt: nach der letzten Sparrunde ist vor dem nächsten grossen Rausschmeissen.

Wer wie Bärtschi das letzte grosse Abräumen als «Weichenstellung für den unabhängigen Qualitätsjournalismus» verkaufen will, ist völlig schmerzfrei.

Lustig auch die von der «Republik» eingeholte Stellungnahme von Tamedia: «Unsere Umfragen zeigen, dass der überwiegende Teil der Mitarbeitenden den eingeschlagenen Kurs grundsätzlich unterstützt

Das mag wohl unter dem Titel Arbeitsplatzsicherung oberflächlich betracht so sein. Bevor der Journalist, vielmehr der Textschnitzer, der Handwerker mit unbedingtem Willen zur Qualitätssteigerung, überhaupt ans Gerät geht, muss er sich überlegen, in welche Textlänge eigentlich sein geplantes Stück passt. Setzt er bescheiden bei S (2500 A) an und merkt, dass das nicht reicht und er schon um mehr als 150 A überschrieben hat, darf er nun sein Werk auf 4000 A aufblasen.

Dieser Text hat bis hierher 2746 A. Würde ZACKBUM wie Tamedia arbeiten, müssten wir nun das Stück auf 4000 A aufpumpen. Aber so etwas macht man im Qualitätsjournalismus natürlich nicht.

Man muss schon ein Kommunikationsgenie sein, wenn man mit einem kurzen Mail gleich einen geharnischten Protest von rund 180 Mitarbeitern einfängt, obwohl die unter dem Damoklesschwert der nächsten Kündigungswelle sitzen.

Überhaupt kommt es knüppeldick für den normierten Wurstscheibenjournalismus (was nicht passt, wird passend gemacht) bei Tamedia. Wie der «Schweizer Journalist» berichtet, seien die Reichweiten der Tamedia-Produkte letzthin um über 30 Prozent eingebrochen. Stimmt nicht, widerspricht Tamedia.

Unverkennbar ist allerdings, dass immer mehr Seichtes und Banales Einzug hält, People-Storys, dümmliche Tipps und Ratgeber, Belangloses aus Zürich und aus München, von wo grosse Teile der Berichterstattung übernommen werden.

Wenn man dann noch eine publizistische Leiter wie Bärtschi hat, ergänzt durch Jessica Peppel-Schulz samt plapperndem Avatar, dann kann man bei Regen statt Sonnenschein nur sagen: auch das noch.

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