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Wie 15 Minuten zur Ewigkeit werden

7. Juli 2025/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Nora Zukker von Tamedia ist noch im Amt. Manche mögen das bedauern.

Die ehemalige Literaturchefin (jetzt ist sie nur noch «Literaturredaktorin») lässt die Verfasser von Werken weitgehend in Ruhe. Die Literatur dankt es ihr.

Nun hatte Zukker Gelegenheit, 15 Minuten mit Otto Waalkes zu verbringen (ja, den gibt es auch noch, und er malt). Sie melkt aus dieser Begegnung einen ellenlangen Text. Wie man das macht? Na klar, man beginnt mit einem Gespräch mit dem Taxifahrer (immerhin muss sie trotz Sparmassnahmen keinen ÖV verwenden).

Dann braucht es eine  Ortsbeschreibung: «Man betritt das Haus und ist sofort in der Ottifanten-Mania. Auf der Toilette gibt es Ottifanten-Taschentücher, vor fast jeder Tür eine Ottifanten-Fussmatte, alle Gläser, Tassen und Teller: Ottifanten-Geschirr.»

Die Einordnung darf nicht fehlen:

«Loriot, Helge Schneider und Otto haben die deutsche Komik zu einem guten Ort gemacht.»

Dabei vergisst Zukker ungefähr ein Dutzend andere, von Harald Schmidt abwärts. Aber fundierte Kenntnisse waren noch nie ein Kriterium, um bei Tamedia was zu werden.

Dann ein offenes Wort, womit sie sich zufrieden gibt: «15 Minuten bekommt, wer sich angemeldet hat, vielen Journalistenkollegen war das zu wenig.» Aber he, ist doch genug, wenn man mal auf Spesen aus dem Glashaus an der Werdstrasse raus darf.

Dafür kann sie die Kunst, aus 15 Minuten für den Leser eine gefühlte Ewigkeit zu machen.

Sie mäandert zum Gespräch mit dem Künstler: «In wenigen Wochen wird er 77, also müssen wir ihn ansprechen: The Ottifant in the room (nur einmal, versprochen!) – das Alter. Das ist ja so eine Sache mit den berühmten Männern, die in aller Öffentlichkeit älter werden und manchmal lustige Dinge tun, um nicht vergessen zu gehen. Aber Otto sieht einfach immer noch aus wie Otto, das fliehende Haar, die wachen Augen, er spricht schnell und präzise und hat sich das Kindliche bewahrt, einer seiner grössten Schätze vielleicht.»

Routiniert spult Otto ein Best-of seiner Interviewantworten ab, schliesslich hat er sein neustes Werk zu verkaufen. Er malt berühmte Gemälde nach, eine Hammeridee. Aber herrje: «Gleich sind die 15 Minuten vorbei, letzte Frage: An welches Kunstwerk haben Sie sich bis jetzt noch nicht herangetraut, Otto? «Ich möchte irgendwann ‹Die Nachtwache› von Rembrandt malen, aber es sind so viele Leute auf dem Bild.»»

Heissasa, es gab noch einen Nachschlag: «Nach dem Interview sitzen wir zusammen am Tisch, essen Fruchtsalat von Ottifanten-Tellerchen und trinken Kaffee aus Ottifanten-Tässchen. «In der Schweiz gab es noch nie eine Otto-Ausstellung. Haben Sie dort gute Kontakte?», fragt er.»

Cleveres Kerlchen, das muss man ihm lassen. Auch clever von Zukker, dieses 15-minütige Interview (plus Fruchtsalat) zur Selbstvermarktung Ottos zu benützen, um sich einen netten Ausflug zu gönnen.Das sei ihr gegönnt.

Daher ersparen wir ihr die Frage, so als Kulturredaktorin, was sie eigentlich von «Permafrost» von Viktor Remizov hält. Gerade auf Deutsch erschienen und auf der Flughöhe von Wassili Grossman («Leben und Schicksal»), der wiederum in der Liga Tolstoi schrieb.

Aber he, das Werk hat 1253 Seiten, der Schinken könnte einem beim Lesen auf den Kopf fallen, was für Zukker durchaus ein literarisches Kriterium ist. Und dann müsste man ihr erklären, wer Grossman und wer Tolstoi war, die haben auch gewaltige Schinken geschrieben.

Also dann doch lieber Otto Waalkes, dem man wohl nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als begabten Volkskomiker bezeichnet, der aufs Alter die Malerei entdeckt hat. Die wiederum, Kultur ist halt komplex, hat eigentlich wenig mit Literatur zu tun.

Womit sich der Kreis zur Literaturredaktorin Zukker schliesst: sie auch nicht.

Schlagworte: 15 Minuten, Grossman, Harald Schmidt, Literatur, Literaturredaktorin, Nora Zukker, Otto Waalkes, Remizov, Spesenausflug, Tamedia, Tolstoi
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/07/Bildschirmfoto-2025-07-05-um-23.16.42.png 652 1484 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-07-07 05:00:262025-07-06 10:50:38Wie 15 Minuten zur Ewigkeit werden
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8 Kommentare
  1. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:
    7. Juli 2025 um 15:43

    https://www.youtube.com/watch?v=j3plj_Xplus

    Antworten
  2. Niklaus Fehr
    Niklaus Fehr sagte:
    7. Juli 2025 um 11:59

    Ich konsumiere nur zukkerfreie Literatur.

    Antworten
  3. Robert Müller
    Robert Müller sagte:
    7. Juli 2025 um 9:53

    Bei einem harmlosen Text zu Otto Waalkes übernimmt sich die Frau wenigstens nicht. Da ist sie einigen ihrer grandios selbstüberschätzten Redaktionskollegen um ein paar Schritte voraus.

    Antworten
    • Peter Bitterli
      Peter Bitterli sagte:
      7. Juli 2025 um 11:53

      Selbstüberschätzt oder selbstüberschätzend? Könnte es sein, dass das Zweitere ist, wer das Erstere verwendet?

      Antworten
      • Robert Müller
        Robert Müller sagte:
        7. Juli 2025 um 15:19

        Auf sie trifft beides zu, sie kleiner Schlaumeier.

        Antworten
        • René Zeyer
          René Zeyer sagte:
          7. Juli 2025 um 16:56

          Und dann ist Schluss mit Kommentaren über Kommentare zu Kommentaren.

          Antworten
  4. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:
    7. Juli 2025 um 8:05

    Ob der arme Mensch wohl wirklich so geschmacklos eingerichtet ist? Ohne dabei schwerst depressiv zu werden?

    Antworten
    • K. Meyer
      K. Meyer sagte:
      7. Juli 2025 um 9:57

      Sie haben das nicht verstanden, Bitterli. Er hat sich eben „das Kindliche bewahrt“.

      Antworten

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