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«Es überfordert mich wahnsinnig»

17. Januar 2025/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Soll man mit einer Grinsbacke Sterbende besuchen und filmen?

Wäre SRF ein Mensch, würde man sagen, er spürt sich nicht mehr. «Mona mittendrin», die Serie mit Mona Vetsch, spielt diesmal in einer «Palliativakademie». Oder weniger vornehm formuliert: in einem Gebäude, in dem Menschen sterben.

Unser Umgang mit Sterben und Tod ist von Hilflosigkeit und Tabus umstellt, am liebsten würden wir die letzte Phase eines Menschenlebens verdrängen. Ein Versuch, das Verhältnis zum Tod zu entkrampfen, wäre sicher begrüssenswert. Aber so?

Da Vetsch – so geht die Story – vorher nicht weiss, wo sie diesmal mittendrin sein wird, muss sie so tun, als dämmere es ihr erst, als sie auf einen Klingelknopf der «Palliativakademie» drückt. «Das werden drei intensive Tage, das weiss ich jetzt schon», sagt sie, und schaut getragen tapfer in die Kamera. Von dem Moment an weiss man schon, dass das fürchterlich in die Hose gehen wird.

Und so entwickelt es sich dann auch zum Sozialporno, zur tapfer die Tränen unterdrücktender Betroffenheitskiste. Ein sterbender 45-Jähriger, der nicht sterben will, das Zimmer mit einer Toten drin. Vetsch geht rein, kommt raus und sagt: «Es überfordert mich wahnsinnig.» Spätestens da fragt man sich ernsthaft, was eigentlich ins SRF gefahren ist, so etwas auszustrahlen.

Schlimmer als das ist eigentlich nur die gesülzte TV-Kritik im «Tages-Anzeiger». Der Satz von Vetsch trifft auch haargenau auf Denise Jeitziner zu. Sie schwankt zwischen Banalitäten («Es ist selten, dass man das Sterben auf diese Weise zu Gesicht bekommt –am Fernsehen, aber auch in der Realität»), Geschmacklosem («Der Ehemann der Verstorbenen ist fürs Organisatorische ins Hospiz gekommen. Er entscheidet sich zwar für ein günstiges Sargmodell – das habe sich seine Frau für die Kremation gewünscht –, aber für den Aufpreis von 140 Franken fürs Aufpolstern des Sargs, «das hat sie verdient»») und Pseudo-Reflektierendem («Man kann darüber diskutieren, ob man den Tod und das Sterben so nah und relativ unvermittelt am Fernsehen zeigen soll»).

Tja, soll man oder soll man nicht? «Vielmehr kann einem die Auseinandersetzung mit dem Tod helfen, sein Leben bewusster zu leben.» Was für ein blühender Unsinn; niemand lebt sein Leben deswegen bewusster. Das sind alles die üblichen Worthülsen, mit denen man die Begegnung mit dem Sterben zuschütten will.

Sicherlich ist es wohl möglich, einen Dokumentarfilm über Sterbende zu machen. Aber so? «Auf nichts vorbereitet, aber auf alles gefasst: Mona Vetsch wird ins kalte Wasser geworfen», teasert SRF die Sendereihe «Mona mittendrin» an. Vielleicht wäre selbst ein Kurt Aeschbacher an der Moderation einer solchen Sendung gescheitert. Vielleicht wäre es etwas geworden, wenn man nicht dieses unpassende Gefäss dafür gewählt hätte.

Und vielleicht könnte eine TV-Kritik im Tagi auch mal den Namen verdienen und nicht aus unverbindlichem Geplauder bestehen. Denn diese Sendung mit einer überforderten Moderatorin und einem Thema, das viel zu schwer für sie und das Format ist, stellt einen neuen Tiefpunkt im TV-Schaffen von SRF dar. Sozialpornos als angebliche Wiedergabe der Wirklichkeit. Unglaublich, wenn man bedenkt, wie viele Instanzen ein Film durchlaufen muss, bis er dann ausgestrahlt wird.

Mit einem Gesamtbudget von 1,5 Milliarden kriegt das Schweizer Farbfernsehen nichts Besseres, Wertiges, Würdiges, mehr als billige Betroffenheit Auslösendes hin?

Wohl ein subversiver Beitrag zur Unterstützung der Gebührenreduktionsinitiative.

Schlagworte: Denise Jeitziner, Mona mittendrin, Mona Vetsch, Sozialporno, SRF, Sterbehospitz, Tagi, TV-Kritik, überfordert
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-09-um-18.58.46.png 530 906 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-01-17 05:00:452025-01-16 22:22:53«Es überfordert mich wahnsinnig»
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7 Kommentare
  1. Guido Kirschke
    Guido Kirschke sagte:
    17. Januar 2025 um 15:36

    Nach dem Motto: Nichts muss, alles kann. Sozialporno – made my day 🙂

    Antworten
  2. Niklaus Fehr
    Niklaus Fehr sagte:
    17. Januar 2025 um 14:52

    Etwas Werbung für das Sterben wäre schon nicht schlecht, denn schliesslich ist es der Höhepunkt des Lebens. Ich weiss nicht, ob ich das hier schreiben darf. Ich habe es auch nie jemandem gesagt, weil ich mich einfach schämte. Vor vielen Jahren hat eine ältere Frau aus Südafrika, sie war nicht schwarz, hatte aber eine dunklere Haut und lange schwarze Haare, zu mir gesagt: «Weisst du, das Leben ist das Liebesspiel mit Gott, und der Tod ist der Orgasmus».

    Antworten
  3. Ernest Marchel
    Ernest Marchel sagte:
    17. Januar 2025 um 11:43

    Wäre ich doch nur in Mexiko oder einem Land aufgewachsen, wo der Tod mit Freude und Musik gefeiert wird.
    Wo die Traurigkeit mit vielen Umarmungen weggedrückt wird, wo man im Leben geführt wird, dass Sterben kein Ende bedeutet.
    Beim plötzlichen Krebstod meiner Frau, ist mir bewusst geworden, wie viel Liebe sie mir gegeben hat.
    Sollen meine Tränen nun Freude und Dankbarkeit zeigen?
    Oder einfach Shyze, dass sie so früh in die ewigen Jagdgründe gerufen wurde?

    Antworten
    • C.Rickenbacher
      C.Rickenbacher sagte:
      17. Januar 2025 um 16:48

      Kenne diese Themen beruflich und privat bestens von innen…
      Einfach nur noch peinlich…

      Für einen normalen Menschen wie sie Herr Marchel, fast unerträglich. Manchmal fehlen ganz einfach die Worte…

      Antworten
  4. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:
    17. Januar 2025 um 8:54

    Die Verdrängung des Todes hat die Corona-Hysterie erst möglich gemacht. Jetzt profitiert die Journaille schon wieder davon.

    Antworten
  5. Jürg Streuli
    Jürg Streuli sagte:
    17. Januar 2025 um 7:59

    Mona Vetsch mit ihrer naiv-fröhlichen Art besitzt ihre Qualitäten. Aber für eine ernsthafte Reportage über sterbende Menschen war Vetsch eine komplette Fehlbesetzung. Insofern war es eine Entwürdigung des Sterbehospitzes. Der Sauglattismus hat dort nichts zu suchen. SRF kann es einfach nicht.

    Antworten
  6. Rolf Karrer
    Rolf Karrer sagte:
    17. Januar 2025 um 6:16

    Gut auf den Nenner gebracht mit dem Begriff Sozialporno.

    Antworten

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