Ri-hi-hi-design
Vernichtende Leserreaktion auf das verunglückte Redesign bei Tamedia.
Sicher ist der Leser ein Gewohnheitstier und steht allem Neuen misstrauisch gegenüber. Aber eine dermassen einhellige Ablehnung, ein Verriss einer neuen Online-Gestaltung ist dann doch beeindruckend. Die Kommentare schwellen an, und abgesehen von zwei, drei positiven Rückmeldungen ist der Grundtenor glasklar: so ein Scheiss.
Auch hier zeigt Tamedia, was Amateurliga beim Moderieren ist:

Also ein erster Kommentar wurde spurlos gespült. Aber der nächste, der darauf hinweist, wird publiziert. Grossartig.

So verschenkt Tamedia den wertvollen Platz ganz oben.
Beim Tagi hat Oberchefredaktorin Raphaela Birrer ihr tiefes Schweigen unterbrochen und das neue Design angepriesen. Vielleicht hätte sie aber den Leser nicht um seine Meinung fragen sollen, denn die ist eindeutig. Natürlich wurde das neue Design für alle Kopfsalatblätter übernommen. Aber bei der BaZ verzichtet man schlichtweg darauf, dem Leser etwas Hilfestellung zu geben. Nimm’s oder lass es, scheint hier die Devise zu sein.
In der «Berner Zeitung» übernimmt Wolf Röcken die Ankündigung «Willkommen bei der neuen «Berner Zeitung»». Der Berner ist bekanntlich langsamer als der Zürcher. Während hier der Kommentar-Bär tobt, haben sich nur eine Handvoll Kommentatoren auf die BZ verirrt. Auch hier ist die Meinung, mit einer einzigen Ausnahme, klar: «mehr Übersicht? Sie belieben zu Scherzen Herr Röcken! Werde wohl mein Digital-Abo nicht mehr verlängern.»
Allerdings hat Tamedia die Gelegenheit benutzt, am gleichen Tag noch eine andere Meldung zu platzieren, die noch skandalöser als das neue Design ist. Es würden nun lediglich 17 Redaktoren entlassen; neun in der Deutschschweiz, acht in der Romandie.
Wieso Skandal, das ist doch eine gute Nachricht, oder? Für die Nicht-Entlassenen sicher, sonst nein. Da wird ein Jahr lang über einer neuen Strategie gebrütet, dann wird ein faules Ei gelegt. Die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi bezieht kräftig Prügel, weil er die Ankündigung von 90 Entlassungen (plus 200 Drucker, wohlgemerkt) mit der Behauptung verbindet, das sei eine Weichenstellung für mehr Qualität.
Man könnte annehmen, dass Jessica Peppel-Schulz lange hat rechnen lassen, bis es unausweichlich klar schien, dass 90 Nasen entlassen werden müssen. Dann aber schon mal Entwarnung; ach, 55 Rausschmisse reichen auch. Und nun, nachdem man die Redaktion über einen Monat auf kleinem Feuer röstete, die völlige Entwarnung: sind dann bloss 17.
Wer dermassen fahrlässig mit den Zahlen in einem so sensiblen Bereich jongliert, wie kompetent ist der dann überhaupt bei Zahlen? Und bei allem anderen?
Die stetige Schrumpfung der Zahl der Entlassungen sei unter anderem auch der Tatsache zu verdanken, dass es zahlreiche «freiwillige Abgänge» gegeben habe. Mit anderen Worten: seitdem das Tandem Peppel-Schulz und Bärtschi die völlig verunglückte «strategische Weichenstellung» verkündete, hat jeder, der auf dem freien Markt noch eine Chance sieht, das Weite gesucht. Also nicht die Schlechtesten. Und der Exodus ist noch lange nicht zu Ende. ZACKBUM weiss mehr, sagt es aber nicht.
Wenn man insgesamt so fachkundig wie bei dem Gaga-Redesign ist, das ja visueller Ausdruck der «strategischen Neuausrichtung» sein soll, dann gute Nacht.
Normalerweise geht einer solchen visuellen Veränderung ein ausführliches Testing voraus. Zielgruppenorientierte Umfragen, plus jede Menge A/B-Tests. Wenn die durchgeführt wurden, wie kann es dann sein, dass die Leserschaft, repräsentiert durch tobende Kommentatoren, den Neuauftritt so massiv ablehnt?
Das führt zum düsteren Verdacht, dass eine solche Markforschung gar nicht stattfand. Sondern das Design aus Deutschland, die Programmierung aus Belgrad und das Reinreden der Ober-Chefredaktion genügte sich selbst.
Dabei hätte man nur einen Blick auf die Webseite der NZZ werfen müssen. Die hat nämlich all die Probleme, unter denen der Neuauftritt von Tamedia leidet, längst gelöst. Nur wäre ein copy/paste natürlich zu peinlich gewesen. Aber immer noch besser als gewollt, aber nicht gekonnt:

Eigentlich ist es typisch Journalismus. Dass das Gericht dem Gast und nicht dem Koch schmecken muss, das hat sich hier noch nicht herumgesprochen. Jeder Anbieter eines Produkts macht umfangreiche Markttests, wenn er daran etwas verändern will. Angefangen bei der Frage, ob das überhaupt nötig ist. Dann wird getestet, ob die neue Verpackung auf Zustimmung oder Ablehnung stösst. Kein zurechnungsfähiger Verkäufer würde sagen, wenn die Ablehnung einhellig ist: pah, gewöhnt euch dran, oder lasst’s halt, ist mir doch egal.
Publizistische Spitzenkräfte sagen das aber. Das hat mehrere Gründe. Kein Mitglied der Chefetage auf Zeitungsebene bei Tamedia hat auch nur die geringste Ahnung von Marketing oder Verkaufe. Der Redaktor noch viel weniger, der will dem Leser einfach seine Meinung und Weltsicht aufs Auge drücken. Und CEO Peppel-Schulz hat auch noch nie in dieser Liga gespielt.
Aber da gäbe es noch einen weiter oben, der eine Notbremsung hätte vornehmen sollen. Aber Pietro Supinos Problem ist: er muss von schwachen Figuren umgeben sein. Nur so fällt weniger auf, wie inkompetent er selbst ist. Oder aber, das wäre ihm zuzutrauen, seine Absicht ist eine ganz andere.
Indem er Tamedia inhaltlich verludern lässt, zusieht, wie der einzige kompetente Chefredaktor seiner Redaktion beraubt wird, dieses Krüppel-Redesign durchwinkt, beschleunigt er den Niedergang dieses Profitcenters innerhalb von TX, das nur minimalen Gewinn erwirtschaftet. Je schneller es bergab geht, desto schneller kann Supino mit dem Ausdruck höchsten Bedauerns verkünden, dass TX leider nicht mehr in der Lage sei, seine gesellschaftlich bedeutende Funktion als Vierte Gewalt weiter auszuüben.
Das täte nun wirklich weh, aber alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Also Ende Gelände für Tagi & Co., so sorry. Dann wischt er sich ein paar Krokodilstränen ab, lässt sich in seine Villa kutschieren und öffnet eine Flasche Krug. Oder zwei.









Auch wenn ich mich wiederhole, Supino ist erfolgreich. Geschäftsbericht lesen «piltet». Weniger erfolgsverwöhnt, aber umso selbstverliebter sind die «Schreibsenden» von TA und so.
Das mit dem schmecken und dem Koch kann ich aus eigener Profession bestätigen.
Bei mir war’s anno dazumal die Geo App.
Schwupp weg war sie, inklusive Abo.
Ist halt schade, dass es in der Schweiz keine wichtigen/richtigen Media-Objekte mehr gibt.
Wo findet ein Chefredakteur/Journalist noch ein geeignetes Blatt?
Wie Tamedia Peinlich immer neu definiert, Leserkommentar zum Artikel im TA und den RZ: «Wie schlimm ist es wirklich in San Francisco?»
«Krass. 1996 bin ich noch die Lombardstreet runterfahren und fühlte mich wie Karl Malden und Michael Douglas und San Franzisco war ein Inbegriff vom kalifornischen Lebensstil. Irgendwie ist dort kein Stein auf dem anderen geblieben. Da bleibt nur die Hoffnung, dass die Stadt Lösungen findet».
Mein Kommentar der nicht frei geschaltet wurde:
“Sie können heute noch die Lombard runterfahren und wie Douglas und Malden fühlen!”
Begründung der Zensurstelle:
«Guten Tag,
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Leider müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass Ihr Kommentar nicht veröffentlich werden kann.
Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen. Dazu gehört die Verwendung von polemischen und beleidigenden Ausdrücken. Ebenso persönliche Angriffe auf andere Diskussionsteilnehmer sowie Dritte oder auch ein grundsätzlicher Ton «unter der Gürtellinie». Als beleidigend gelten auch Verunstaltungen von Namen, entweder von anderen Diskussionsteilnehmern, aber auch von dritten Personen oder Einrichtungen».
Bei Tamedia scheinen alle bekloppt zu sein!
Schrecklicher Verdacht: Das aktuelle Design mit dem Charme einer Beta-Version ist eine infantile Trotzreaktion von Tamedia gegenüber dem verordneten Sparkurs des Konzerns. Seht her, das ist nun der Standard, das habt ihr nun davon. Ätsch.
Ähnliche Reaktionen folgen jeweils zuverlässig von linken Stadtregierungen nach der Forderung, den Steuerfuss doch mal um 1-2% zu senken. Es wird dann gleich mit der Apokalypse gedroht: Die nächtliche Beleuchtung werde abgestellt, der öV heruntergefahren, der Müll nicht mehr abgeholt. Kahlschlag überall, erodierte Sicherheit, soziale Kälte, menschliches Leid… fürchterlich!
Kommt die Halbierungsinitiative (200 Franken sind genug!) durch, wird sich auch unser Staatssender so trotzig verhalten.
Man kann es wirklich nicht besser schreiben. Grossartige Analyse René Zeyer, ich gratuliere sehr. Ihre Bestandsaufnahme dürfte wohl auch an der Werdstrasse auf immense Resonanz stossen.
Die Zerfallserscheinungen auf der Redaktion scheinen omnipresent zu sein. Gute Journalisten werden diesen beratungsresistenten Saftladen nun rasch verlassen. Nicht wunderlich, wird ZACKBUM tagtäglich aus internen Quellen der Redaktion über diese Vorkommnisse ins Bild gesetzt. René Zeyer als dargebotene Hand für einen ganz schwierigen Fall.
Wenn dieses selbstdeklarierte Qualitätsmedium von einer verbesserten Übersicht und Lesbarkeit ihres Redesigns spricht, so frage ich mich, unter welchem toxischen Medikamenteneinfluss diese Aussage gemacht wurde. Runden wir 2-3% auf. 100% der Leserschaft finden diese Gesichtsstraffung (facelifting) des online-Auftritts eine Zumutung.
Die überforderte Raphaela Birrer müsste umgehend durch Arthur Rutishauser ersetzt werden. Der verlorene Kompass braucht eine sofortige Neujustierung.
Nein, nein. Arthur Rutishauser ist doch kein Pingpongball. Aus Gründen der Selbstachtung darf er diesen Oberchef-Posten nie mehr annehmen.
Bin ohnehin überzeugt, die A-Truppe (inklusive Rutishauser) der Tamedia wird rasch neue Herausforderungen ausserhalb des Hauses annehmen. Supino will es doch so.
Der langjährige TA-Bundeshauskorrespondent Markus Häfliger, der im Jahre 2015 zum Journalist des Jahres gekürt wurde, machte es ganz richtig.
Er hat soeben die Anstellung als Public-Affairs-Verantwortlicher bei der Heilsarmee Schweiz angetreten. Er wird dort bestimmt mehr Erfüllung und Wertschätzung antreffen. Der nervenaufreibende Schatten von Pietro Supino dürfte nun weit weg sein.