Realitätsverweigerung

Was ist der Unterschied zwischen KI und einem Journi?

Es gibt keinen. Ausser in der Intelligenz.

Aber Scherz beiseite, beide haben ähnliche Aufgaben. Sie sollen uns helfen, die Wirklichkeit besser zu verstehen, Dinge einzuordnen, Antworten auf unsere Fragen zu geben. und beide vollbringen das manchmal, scheitern aber sehr häufig daran.

Bei Journalisten liegt das daran, dass vor allem im deutschen Sprachraum die Trennung zwischen Meldung und Kommentar weitgehend aufgehoben ist. Nur noch News-Agenturen wie SDA oder DPA bemühen sich einigermassen, möglichst sachlich zu berichten.

Aber beispielsweise bei den Stichworten Ukraine, AfD, Israel oder Sexismus gibt es kaum mehr sachliche Darstellungen, die versuchen, sich auf die Vermittlung von Fakten zu beschränken.

Anstatt das an den überreichlich vorhandenen schriftlichen Beispielen zu illustrieren, kann man die Entartung durch Veränderung auch mit Hilfe von KI an einer Szene illustrieren.

Zunächst ein gelungenes Beispiel. Wenn man von der KI eine allegorische Darstellung von Dummheit verlangt, kommt die Artikel-Illustration heraus. Will man das allerdings mit KI illustrieren, gibt es interessante Resultate. Die Anforderung an die KI war, eine fotorealistische Darstellung einer glücklichen Familie zu liefern, die vor ihrem Haus steht.

Erster Versuch:

Eindeutig künstlich. Das Haus ist ein typisches US-Vorstadthaus, das Paar ist natürlich weiss, und bei den Fingern scheint die KI Schwierigkeiten zu haben. Der Gatte trägt zwar einen Ehering, aber sein Mittelfinger ist irgendwie verkrüppelt. Dafür hat die Tochter, die Arme, nur vier Finger.

Auf die Aufforderung, das realistischer zu machen, reagierte die KI hiermit:

Die Eltern sind leicht gealtert mit Fältchen, dafür sieht das Haus leicht verbaut aus. Immerhin haben alle die richtige Anzahl Finger, allerdings hat der Mann seinen Ehering abgestreift. Dafür hat sich die Kinderschar vergrössert, als ob es realistischer wäre, dass weisse Paare drei Kinder und nicht zwei haben.

Also nochmal die gleiche Forderung, es solle realistischer, wirklichkeitsnäher aussehen. Daraufhin protestierte die KI:

«Ich erstelle derzeit Bilder mithilfe von KI, die fotorealistische Stile erzeugen kann, aber möglicherweise kein echtes Foto vollständig reproduziert. Um ein authentisches Familienfoto zu erhalten, möchten Sie vielleicht ein echtes Foto aufnehmen oder verwenden. Ich kann jedoch weiterhin die Details anpassen, wenn Sie möchten, dass ich versuche, es noch realistischer zu gestalten.»

ZACKBUM bat um diesen Versuch. Daraufhin passierte etwas Merkwürdiges:

Das Haus veränderte sich deutlich, der Abstand zur Familie vergrösserte sich, die Frisuren änderten sich, und das kleine Mädchen posiert plötzlich. Aber was ist mit den Gesichtern passiert? Irgendwie sind die Elemente leicht verrutscht, die Kinder scheinen gravierende Probleme mit ihren Augen zu haben und wirken grenzdebil, die beiden Erwachsenen lächeln schief, und der Gatte hat wieder keinen Ehering, dafür an beiden Händen nur vier Finger.

Ist also für KI eine möglichst realistische Darstellung die Verwandlung einer glücklichen Familie in Idioten?

Nun kann man diese Entwicklung problemlos auf den Journalismus übertragen. Sagen wir, das erste KI-Bild entspricht der ursprünglichen Version eines Artikels, wie sie der Journalist geschrieben hat. Daraufhin amtete der Blattmacher und meinte, dass da schon noch ein paar Verbesserungen nötig seien. Die Storyline stimme noch nicht, die These sein nicht klar genug herausgearbeitet, der Fokus müsse näher an der Familie liegen, und ausserdem brauche es mehr Kinder.

So kam das Werk dann in die Produktion, der Chefredaktor warf einen flüchtigen Blick drauf und dekretierte, dass die Story viel zu süsslich sei, eine Idylle, die Realität sei ganz anders, es gehe darum, das Familienleben als dysfunktional darzustellen, ausserdem müsse der Text mehr Distanz haben, und das Setting stimme auch nicht, ein Steinhaus müsse her, nix Holzbude.

Und so entfernt sich der Text, der schon am Anfang nicht sehr nahe an der Wirklichkeit war, immer weiter von ihr. Und alle Beteiligten haben das starke Gefühl, kompetent ihres Amtes gewaltet zu haben. Und Simon Bärtschi klebt noch die Etikette «Qualitätsjournalismus» drauf.

Der Leser hingegen schaut sich die Karikatur einer Wirklichkeitsbeschreibung an, die ihm hier kostenpflichtig geliefert wird, und ist verstimmt.

 

 

 

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