Nachtreten wie im Kindergarten

Wenn das die ersten Signale der neuen Chefredaktorin sind …

ZACKBUM ist es gelungen, mit versteckter Kamera eine Aufnahme von einer Redaktionskonferenz im «Tages-Anzeiger» zu machen. Wir waren perplex …

«Dafür bedankt er sich für die Geduld des Reporters, der seine Tirade bis zum Schluss ausgehalten hat.» So beendet Cyrill Pinto seine Berichterstattung über einen Vortrag des «Weltwoche»-Chefs Roger Köppel. Wie bei seiner grossen Vordenkerin mit kleinem Besteck, wie bei Raphaela Birrer, kann man Pinto als mildernden Umstand zubilligen, dass er wahrscheinlich gar nicht weiss, was das Fremdwort Tirade bedeutet.

Keine mildernden Umstände gibt’s aber für dieses Nachtreten von Tamedia. Als Köppel bekanntgab, dass er bei den nächsten Wahlen nicht mehr antreten wird, titelte das ehemalige Qualitätsorgan: «Roger Köppel will nicht mehr. Oder darf er nicht mehr

Begleitet wurde diese haltlose Spekulation von einem geschmacklosen Kommentar der designierten neuen Überchefredaktorin des Konzerns. Als ob die SVP bestrebt wäre, den mit dem besten Resultat aller Zeiten gewählten Nationalrat eine neuerliche Kandidatur zu verwehren. Absurd, aber hier ist kein Untergriff zu abwegig.

Eigentlich wollte Köppel einen Vortrag über «Krieg und Frieden» halten, leitete den aber mit einer offenbar einstündigen Philippika über die Berichterstattung der «Mainstream-Medien» zu seiner Ankündigung ein.

Zunächst gibt der «Reporter» etwas O-Ton wieder: «Köppel störte sich auch daran, dass SVP-Parteimitglieder anonym zitiert wurden, wonach man ihm den Rücktritt wegen seiner Haltung zum Krieg in der Ukraine nahegelegt habe. Das sei «frei erfunden», hielt Köppel zuvor auch auf Twitter fest.»

Dann macht Pinto das, was Schmierenjournalismus immer mehr auszeichnet. Er tritt nach, weil er als Autor natürlich das letzte Wort behalten kann: «Tatsächlich hatten ihn Parteischwergewichte wie der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker für seine Haltung zum Krieg in der Ukraine kritisiert. An der Delegiertenversammlung im April 2022 kanzelte Stocker die «Putin-Versteher» öffentlich ab.»

Das ist nun voller dummer Perfidie. Denn tatsächlich hatte Stocker diesen Ausdruck verwendet und Köppel wohl mitgemeint. Aber weder Stocker noch andere SVP-Exponenten hatten Köppel den Rücktritt nahegelegt, und darüber regt sich der WeWo-Chef auf.

Dann geht Pinto – sicherlich unbeabsichtigt – zu einer Realsatire über: «In seiner Tirade gegen die «Mainstreammedien» – zu denen er offenbar alle ausser der eigenen «Weltwoche» zählt – zeichnete er das Bild von Redaktionen, in denen nicht diskutiert werde und abweichende Meinungen abgekanzelt würden.»

Nochmal Tirade? Zeichnet er? Das ist nun echt lustig, denn wer wüsste es besser als Pinto, dass es auf seiner Redaktion genau so zu und her geht. Abweichende Meinungen, Pro und Contra, wenigstens eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Zielen der Friedensdemo am nächsten Samstag in Bern? Verständnis für Corona-Massnahmenkritiker, so neben der ewigen Kreische Marc Brupbacher? Bei Tamedia? Niemals.

Eine Stellungnahme der Redaktion zur Affäre Roshani? Grabesstille. Sämtliche Zeugen, inklusive Roshani, stehen im Schweizer Telefonbuch. Da hätte das sogenannte Investigativ Desk für einmal nicht von anderen gestohlene Geschäftsunterlagen ausschlachten müssen, sondern hätte zeigen können, dass es die Grundlagen des Journalismus beherrscht. Ein Konflikt findet vor der Haustüre statt. Eine ehemalige Redaktorin erhebt schwerste Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Chefredaktor. Wie war’s wirklich? Telefonhörer in die Hand nehmen, anrufen, fragen, Indizien sammeln, den Untersuchungsbericht behändigen, banal.

Worin besteht die Berichterstattung über diese Affäre? Werden hier die neuen, skandalösen Entwicklungen wenigstens referiert? Schliesslich entwickelt sich die Anklage eines angeblichen weiblichen Opfers immer mehr zum Rohrkrepierer. Aber der grosse Qualitätskonzern Tamedia hat es im Monat seit dem Platzen der Affäre bei einem einzigen Artikel bewenden lassen: «In eigener Sache. Stellungnahme zum «Spiegel»-Artikel». Gezeichnet von der «Chefredaktion». Da hätte man nun doch vielleicht drüber diskutieren können. Aber da’s bei Tamedia so ist, wie es Köppel beschreibt …

Schlimmer noch: bei Tamedia ist das Handwerk nicht mehr vorhanden. Nicht mal banale Handgriffe werden ausgeführt. Dafür herrscht Banalität im Denken und Schreiben. Aschgrau.

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