Guckloch-Journalismus

Die letzten Tag im Führerbunker. Pardon, «von Gottsteins Fall».

Das nennt man den Mund Vollnehmen. «Eine Recherche im Umfeld der Bankspitze zeichnet die letzten Tage von Thomas Gottsteins Fall nach.» Meiner Treu, da war Tamedia mal ganz nahe am Puls des Geschehens, der Mantel der Geschichte weht, Redaktor Holger Alich spielt Mäuschen unter dem Tisch der ganz Grossen, wo weltbewegende Entscheidungen gefällt werden. Eine Recherche in die Tiefen und Höhen einer Bank.

Nun ist es aber leider zunächst aufgewärmte, schaler Kaffee. «Vor knapp einem Monat kam es bei der Credit Suisse zum grossen Knall.» Wer’s nicht mitbekommen haben sollte: die CS hatte mal wieder ein desaströses Quartalsergebnis zu vermelden und trennte sich mal wieder vom CEO. Soweit gähn.

Nun aber: «Aus Gesprächen mit einem halben Dutzend Quellen aus dem Umfeld der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrates lässt sich der Verlauf der Ereignisse nachzeichnen.» Wahnsinn, Quellen aus dem Umfeld. Das bedeutet schon mal: kein Mitglied von GL oder VR ist unter den Quellen. Dafür vielleicht die Putzfrau, die Bedienung der Kaffeemaschine, der Parkplatzwächter.

Aber aufgeplustert präsentiert das Alich so: «… heisst es von einem Manager mit Zugang zum innersten Machtzirkel». Mit Zugang? Darf er vielleicht den gleichen Lift wie der innerste Machtzirkel benützen?

Aber es wird noch viel intimer, wir bekommen Einblick in das Innenleben des Menschen Gottstein: «Aufgrund des Dauerstresses hat der einstige CS-Chef einige Kilo Gewicht verloren.» Noch schlimmer: ««Als ich mit ihm einmal golfen war, sah er wirklich schlecht aus», berichtet eine Quelle, die Gottstein länger kennt.» Himmels willen, dabei erfahren wir nicht mal, welches Handicap Gottstein hat. Oder ob er schlecht aussah, weil er ständig Bälle ins Rough oder in den Bunker schmetterte.

Welche intimen Details aus den letzten Tagen der Menschheit, also von Gottstein als CEO, erfahren wir noch? ««Er war nicht in der Lage, harte Themen anzugehen», berichtet ein Topmanager, der eng mit Gottstein zusammengearbeitet hat

Dieser Weichling, Warmduscher, zu sensibel für den Job. Das hat zwar nix mit den letzten Tagen zu tun, aber Alich hat noch andere Quellen erfunden, Pardon, aufgetan: «Quellen aus der Bankspitze monieren dabei aber schon länger, dass der Bankchef «oft mit Problemen ankam, aber nie mit Lösungen»

Das ist natürlich fatal, denn bekanntlich muss man sich entscheiden: ist man Teil des Problems oder der Lösung?

Wir versuchen zusammenzufassen. Die angeblich sechs Quallen, Pardon, Quellen, haben «aus dem innersten Machtzirkel» verraten, dass man dort nicht so ganz zufrieden mit Gottstein war. Sich der Wechsel an der Spitze «seit einiger Zeit abgezeichnet» habe. Wahnsinn, welch ein tiefer Einblick. Aber, wir wollen gerecht sein: wir wussten vorher nicht, dass Gottstein abgespeckt hatte und beim Golfspielen schlecht aussah. Für ihn hat Alich aber immerhin am Schluss einen Trost bereit: «Thomas Gottstein muss sich damit nun nicht mehr herumärgern.»

Wer aber tröstet den Leser, der dafür bezahlt hat, auf diese grosse Ankündigung hereinfallen zu dürfen? Der sich weiterhin mit solchen Luftnummern herumärgern muss?

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