Was wollten Sie immer schon sagen?

CH Media rollt für Cédric Wermuth den roten Sprachteppich aus.

Der Co-Präsident der SP Schweiz und Mitglied des Hobbyflieger-Clubs der Sozialdemokraten hat ein Problem. Trotz seines zarten Altes von 36 Jahren sitzt Wermuth bald einmal seit 12 Jahren im Nationalrat. Um Sesselkleber zu verhindern, hat seine Partei eine Amtszeitbegrenzung beschlossen. Aber es wäre keine sozialdemokratische Position, wenn sie nicht ein «im Prinzip, aber …» enthalten würde.

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Im Prinzip ist Wermuth, wie auch der andere Vielschwätzer Fabian Molina, wie wohl auch deren Bundesrat Alain Berset, gegen unnötige Fliegerei. Aber so im Privaten oder für einen schnellen Besuch bei Genosse Scholz in Berlin …

Auf jeden Fall muss sich Wermuth nun einer Abstimmung der Delegierten der SP Aargau stellen, wo er eine Zweidrittelmehrheit braucht, um den Nordmann machen zu können. Also nochmal vier Jahre dranhängen, sollte er wiedergewählt werden. Das ist für ihn ziemlich existenziell, denn der Familienvater und Zeuger zweier Kinder hat sonst nicht viel gelernt im Leben, ausser Politik.

2005 machte er an der Kantonsschule Wohlen die Matur, zehn Jahre später wurde er «lic. phil./MA in Politikwissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Bern.» Jobmässig ist’s eine typische Funktionärskarriere. Zentralsekretär Juso Bern, Mitarbeiter eines SP-Parlamentariers, «Mitarbeiter Kampagnen und Kommunikation», «Beratung Kommunikation und Strategie», Juso-Präsident Schweiz, Vize-Parteipräsident, Co-Parteipräsident.

Sollte er seine Einkommensquelle Nationalrat verlieren, wäre er wohl ein Fall fürs RAV. Aber so weit will er es nicht kommen lassen, also frisst er in CH Media öffentlich Kreide. Dabei hilft ihm Rolf Cavalli mit Fragen nach dem Muster: dazu wollten Sie doch immer schon etwas sagen.

Wie steht es denn nun mit dieser Amtszeitbegrenzung? «Gut, dass wir das klären können – denn es ist eigentlich nicht so kompliziert: Nach 12 Jahren braucht man 2/3 der Stimmen, um nochmals antreten zu können.»

Ach so, das hat also Tradition bei den Genossen: «Es ist kein Zufall, dass die grossen Figuren in der Sozialdemokratie lange Amtszeiten haben: Helmut Hubacher war 34 Jahre im Parlament, Susanne Leutenegger Oberholzer auch 30 Jahre. 80 Prozent der Politik ist Erfahrung.»

Und welche Auswirkungen hat dann diese Erfahrung, diese zunehmende Reife, wie war Wermuth früher?

«Ich war wie die meisten jungen Männer: oft arrogant, oft ein Macho. Ich habe viele Menschen mit dieser Art auch brüskiert und verletzt, gerade auch Frauen. Das sehe ich heute klarer.»

Das ist mal eine Selbstkritik, wie man sie auch im Sozialismus nicht besser hinkriegte. War denn der Anfänger Wermuth gar überfordert? «Ja, und ich war ungeduldig. Es ging mir alles zu langsam. Ich fragte mich: Was soll ich da? Aber ich kam zum Schluss: Nein, du kannst nicht nach nur einer Legislatur wieder aufhören. Ich habe mich dann in die Details der Arbeit in der Finanzkommission reingekniet. Da habe ich enorm viel gelernt.»

Wermuth weiss, warum er sich als geläuterten Macho outet. Denn was naheliegend wäre, sich Cavalli aber nicht zu fragen traute: da gab es doch die hässlich Episode, als Frauenversteher und Feminist Wermuth 2019 den Ständeratssitz von Pascale Bruderer erobern wollte – und sich damit gegen die Mitbewerberin Yvonne Feri stellte. Da eierte er dann wirklich belustigend herum: «Ich greife keine Frau an, wir beide bieten der Partei eine Auswahl.» – «Was mich an der aktuellen Debatte stört, ist, dass nur noch die biologische Frage interessiert.» Und nach dem Sieg über seine Konkurrentin:«Ich muss jetzt beweisen, dass ich feministische Themen im Wahlkampf einbringen kann.»

Was sagt der reifere, erfahrenere Wermuth zu Kritikern, die ihm vorwerfen einfach eine grosse Klappe zu haben und noch nie etwas Anständiges gearbeitet? «Ich bin glücklicher Vater zweier Töchter und bis zur Wahl als SP-Co-Präsident habe ich neben dem Mandat als Nationalrat auch in anderen Jobs gearbeitet. Mit 36 vertrete ich heute einen Teil der Bevölkerung, der im Parlament sonst kaum noch abgebildet wird: eine junge Familie, die in einer normalen Wohnung in einem Block in einer Schweizer Kleinstadt wohnt.»

Also der nette Nachbar von nebenan, Familienvater, Blockbewohner, trägt sicher den Abfall selber runter, nachdem er beim Abwasch geholfen hat. Natürlich nur dann, wenn ihn seine zahlreichen Ämter und Ämtchen dafür Zeit lassen. Denn das läppert sich:

 – Mitgründer und Co-Präsident des Komitees «Bahnanschluss Mittelland»
– Organisationskomitee «Fest der Solidarität» im Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Solifonds für die SP Schweiz
– Vorstand des Unterstützungsvereins der «Archive der Aargauer Arbeiterbewegung»
– Siedlungskomitee der Wohnbaugenossenschaft Trilogie, Zofingen
– Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppen Schweiz-Kosovo (mit Nationalrätin Doris Fiala, FDP und Nationalrat Alfred Heer, SVP) und Schweiz-Suryoye (mit Nationalrat Lukas Reimann, SVP)

– Diverse Patronats- und Unterstützungskomitees, darunter: Swiss Comittee on Reparations for Slavery SCORES; Verein «Doppeltür – lebendig vermittelte Schauplätze jüdisch-christlichen Zusammenlebens in der Schweiz», etc.
– Moderation einer eigenen Radiosendung auf Kanal K «Wermuth fragt»

Also, liebe SP-Delegierte: habt ein Einsehen, ihr wollt doch nicht etwa dieser glücklichen Durchschnittsfamilie schnöde die Existenzgrundlage entziehen?

 

4 KOMMENTARE
  1. Guscht Chrummenacher
    Guscht Chrummenacher says:

    Die Delegierten haben also dem glücklichen Vater die Existenzgrundlage nicht entzogen, mit 0 (!) Gegenstimmen, der Wermuth kann also getrost den Nordmann machen, die «festgeschriebene» Amtszeitbeschränkung bei der SP ist das Papier nicht Wert! In St. Gallen ist SR Rechsteiner seit 36 Jahren im nationalen Parlament, es ist noch nicht auszuschliessen, dass er sozusagen mit 40 Jahren den Rekord-Rechsteiner in der SP ansrtrebt…

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    4 Jahre reichen nicht, um die Familie auf dem gewohnten Level durchzubringen. Die Übung dürfte sich also wiederholen. Die aufgelisteten Ämtli geben nichts her. Der berufliche Skill ist in der Privatwirtschaft nicht gefragt. Bleibt einzig ein Buddy, der ihn baldmöglichst irgendwo installiert. So, wie der Levrat installiert wurde. Der Vergleich mit Ikone Hubacher ist etwas anmassend. Die SLO soll auch nach 30 Jahren NR noch immer nerven. Einfach auf lokalem Level, wie man hier in der Gegend so mitkriegt.

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    • Ludwig Detusch
      Ludwig Detusch says:

      Ich kann nur hoffen, dass sich Wermuth an der «Ikone» ein Vorbild nimmt. Unter Parteipräsident Hubacher (1974-1990) ging es wähleranteilsmässig wenigstens noch ordentlich bergab (1975: 24.9%; 1991: 18.5%). Von solch grandioser Abfahrt kann der gipfelunerfahrene Jüngling Wermuth nur träumen – er startet auf dem lausigen Niveau von 16.8%, wird sicher nicht 16 Jahre lang Präsident bleiben und wird sich die von seinen Gegnern verliehenen Lorbeeren erst noch mit seiner Co-Präsidentin teilen müssen. Immerhin ein Anfang ist gemacht: bei Wermuths Antritt 2020 hatte die SP noch 465 Sitze in kantonalen Parlamenten, im Mai 2022 waren es noch 439.

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