Walter Mayr: Relotius Reloaded

Spieglein an der Wand, wie hässlich ist das Schweizerland?*

Claas Relotius ruinierte den Ruf des «Spiegel», indem er Geschichten erfand, die Realität dichterisch ausschmückte. Walter Mayr ruiniert den Ruf des Nachrichtenmagazins, indem er weglässt, einseitig einäugig einen Zerrspiegel der Schweiz als Reportage verkauft.

«Schweizer Willkommenskultur: Schatzkammer der Oligarchen». Titel und Einstieg lassen keinen Zweifel daran, dass das Ergebnis der Reportage schon feststand, bevor sich Mayr auf den Weg nach «Zug, Basel, Luzern und Zürich» machte. Denn er weiss: «Russlands Reiche, unter ihnen Kleptokraten und Kriegsverbrecher, fühlen sich wohl in der Schweiz. Es locken Villen, Briefkastenfirmen, Staatsbürgerschaften

Zum Beweis hat Mayr mit einer handverlesenen Schar von Unterstützern seiner vorgefassten Meinung gesprochen. «Zug ist ein Oligarchenparadies und, wenn man so will, die Verkörperung des Geschäftsmodells Schweiz». Zitat von Luzian Franzini, Grünen-Vize und «so etwas wie der oberste Ruhestörer im verschwiegenen Steuersparer-Dorado südlich von Zürich».

Zum Chor der Schweiz-Beschimpfer gesellt sich auch «Balz Bruppacher, Autor des Standardwerks »Die Schatzkammer der Diktatoren«.» Das Buch des pensionierten Journalisten ist bereits 2020 erschienen. Die regierungsnahe «Helsinki-Kommission» der USA darf nicht fehlen, die faktenfrei über die Schweiz ablästerte. Die NGO «Public Eye», das internationale Recherchenetzwerk OCCRP, da hat eine Gegenstimme schlechte Karten: «»Zug ist ein Standort mit Willkommenskultur, ein Teil unseres Erfolgsmodells«, sagt in seinem Büro mit Seeblick treuherzig Heinz Tännler, der Finanzdirektor des Kantons.» Wieso spricht der treuherzig, Franzini hingegen nicht?

Und wie geht’s so den Oligarchen in der Schweiz? «Russen sitzen mit Blick auf Lugano in der italienischen Exklave Campione d’Italia und lassen sich in der »Taverna« bei Michel Walser Hummer servieren. Andere zeigen sich drüben, am Schweizer Ufer, beim Aperitivo im »Boatcenter« in Gesellschaft von Damen mit überdurchschnittlich voluminösen Lippen.» Leider traute sich der rasende Reporter nicht, auch nur einen von denen anzusprechen.

Und in Zürich? «Selbst im noblen Hotel St. Gotthard an der Bahnhofstraße, wo die als »Zarin von Zürich« gerühmte Eigentümerin Ljuba Manz sich vom Chauffeur im Audi A8 W12 vorfahren lässt … Vorbei die Zeiten, da die ehemalige Austernverkäuferin Manz hier Hof hielt … Die aus Charkiw stammende Hotelière hüllt sich derzeit in Schweigen.» Oder einfacher ausgedrückt: sie will nicht mit Mayr sprechen.

Dann noch Thomas Borer, ein weiterer «Antikorruptionsexperte» und schliesslich gegen Schluss der unvermeidliche Mark Pieth, der vielfach gescheiterte «anerkannte Kämpfer gegen Korruption». Der darf dann als Schlusspointe den Daumen senken: «Jahrzehntelang habe die Schweiz unter dem Deckmantel der Neutralität aus akuten Krisen Profit geschlagen – im Zweiten Weltkrieg wie auch später während des Kalten Kriegs und des südafrikanischen Apartheid-Regimes, urteilt der Basler Jurist. Nun stehe einmal mehr die Reputation des Landes auf dem Spiel, denn: »Rein rechtlich gesehen sind Sanktionsverletzungen schwere Verbrechen.«»

Fertig ist der Relotius Reloaded. Dass die Schweiz die EU-Sanktionen copy/paste übernimmt, dass in der Schweiz bereits Milliardenwerte beschlagnahmt wurden, dass immer noch legal arbeitende Firmen mit Verbindungen zu Russland zunehmend Probleme mit ihren Schweizer Bankverbindungen haben, dass die Schweiz als Rechtsstaat nicht einfach auf Verdacht oder Vermutung die Eigentumsgarantie ausser Kraft setzen kann – das alles interessiert Mayr nicht.

Relotius wurde von seiner Redaktion unter Druck gesetzt, immer knalligere Storys herzustellen, die den vorgefassten Meinungen in Hamburg entsprachen, den dort gepflegten Narrativen, der dortigen Überheblichkeit, doch tatsächlich «Trump wegzuschreiben» (Originalzitat). Das wurde immer mehr zu einer Mission Impossible, also flüchtete sich Relotius ins Reich der Erfindungen, der Fake News. Mayr ist seine modernere Ausgabe. Er fügt nichts hinzu, er erfindet nichts. Aber er lässt alles weg, was nicht ins Narrativ passt. Nur im Vorspann wirft er die Ansage etwas zu weit ins Reich der Fantasie: er ist keinem einzigen «Kleptokraten und Kriegsverbrecher» auf die Spur gekommen. Stattdessen hat er die Briefkästen von Briefkastenfirmen besichtigt und dem Treiben von Russen (oder waren es gar Ukrainer?) in der Schweiz zugeschaut.

Damit setzt der «Spiegel» seine Selbstdemontage als ernstzunehmendes Nachrichtenmagazin fort. Er hat aus dem Relotius-Desaster offenbar nur gelernt, dass man es vermeiden sollte, die Realität so hinzudichten, wie sie sein sollte. Aber durch Auslassen so hinschreiben, das geht.

*Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Form zuerst in der «Weltwoche».

 

0 KOMMENTARE

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.