Hitler-Tagebücher, Part II?

Auch «Bild» kämpft gegen das Sommerloch.

Besser als das deutsche Boulevard-Blatt kann man die Story nicht anteasern:

«Es ist Stoff wie aus einem Thriller von Dan Brown: Nazi-Nachkommen, internationale Top-Anwälte und das jüdische „Simon-Wiesenthal Center“ sind gemeinsam auf der Jagd nach einem seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Nazi-Schatz.»

In Kürze: Argentinien, Zufallsfund in einer Bank. Auf vergilbten Papieren stehen 12’000 deutsche Namen. Das soll der Schlüssel zu einem Nazi-Geheimvermögen in Milliardenhöhe sein. Das bis heute angeblich unentdeckt – auch auf Konten der SKA (heute Credit Suisse) schlummere.

Gefunden wurde diese Liste bereits 1984; der Finder soll selbst lange ermittelt haben, dann habe er 2019 die Dokumente dem Simon-Wiesenthal-Centre übergeben.

Und 2022 trötet die «Bild» die Story raus, fleissig kopiert vom kleinen Bruder «Blick» in der Schweiz. Haben wir es mit einem weiteren Skandal um Nazi-Vermögen in den tiefen Kellern einer Schweizer Bank zu tun?

Die CS – was denn sonst – ««mauert»», schreibt «Blick». Allerdings vorsichtig in Anführungszeichen, denn die offizielle Antwort der Bank lautet: «Ein Sprecher zur Zeitung: «Bisher haben wir kein Konto gefunden.»» Obwohl laut «Bild» immerhin «bis zu 40 Mitarbeiter nach einem womöglich getarnten Geheimkonto im eigenen Haus suchen sollen».

Es gibt bei dieser «Enthüllung» nur ein paar kleine Probleme. Das erste: Bereits 2020 veröffentlichte das Wiesenthal-Centre eine entsprechende Meldung:

Die Papiere seien laut den Boulevard-Medien so entdeckt worden: «Die Jagd begann mit einer Liste, die ein gewisser Pedro Filipuzzi 1984 bei Aufräumarbeiten in einem Lagerraum der Banca National de Desarollo in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires fand

Hört sich irgendwie konspirativer an als die Darstellung des Wiesenthal Centre: «Mr. Filipuzzi, working in the former Buenos Aires Nazi headquarters, discovered, in an old storage room, an original copy of the 12,000 lists, now shared with the Wiesenthal Centre.»

Ariel Gelblung, der in Argentinien ansässige Direktor für Lateinamerika des Wiesenthal Centre, hat auf Anfrage, was denn an der «Bild»-Story dran sein könnte, «zurzeit keinen Kommentar» abzugeben.

Aber unabhängig davon, dass der Fund seit mehr als zwei Jahren bekannt ist, dass der Finder angeblich 35 Jahre lang vergeblich selbst recherchierte, dass es eigentlich nur einen Fundort geben kann, bleibt die Frage, wieso «Bild» – abgesehen vom Sommerloch – ausgerechnet jetzt mit diesem Nazi-Krimi an die Öffentlichkeit geht.

Abgesehen davon, dass Dan Browns Verschwörungsthriller zwar Beststeller sind, aber grottenschlecht konstruiert und geschrieben.

Jeden Tag eine bunte Mischung, serviert von «Bild».

 

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