Wer erträgt den Zweifel?

Zeichen und Wunder. Schwarzweiss kriegt Grautöne.

Richtig bunt und somit wirklichkeitsnah ist die Berichterstattung über den Ukrainekrieg noch nicht. Aber es gibt ein Heilmittel gegen Schwarzweiss, gegen das ewige Durch-die-Mühle-Drehen der gleichen Narrative. Die Autoren könnten noch wochenlang, aber das Publikum ermüdet langsam. Und wundert sich ab und an, wieso eine fast siegreiche ukrainische Armee immer mehr in die Defensive gerät.

So wie es sich wunderte, dass der Rubel nicht senkrecht in die Grube fuhr, sondern mit 40 Prozent Aufwertung gegenüber dem US-Dollar wieder Vorkriegsstände erreicht hat.

Also lässt auch der eine oder andere Journalist (ausser, er heisst Münger) etwas zu, was er sich ganz lange nicht traute: den Zweifel. Denn eine Fehleinschätzung aufgrund ungenügender Faktenlage oder wegen einer ideologischen Gesinnungsbrille, das ist das eine. Aber wenn der Spalt zwischen Rhetorik, Publizistik, veröffentlichter Meinung und Realität immer breiter wird, muss etwas geschehen.

Der erste Schritt zur Besserung besteht darin, nicht weiter wild Ratschläge zu geben, zu fordern, zu beschimpfen, der eigenen Regierung hinterherhöseln oder sie gar zu energischem Handeln zu drängen. Waffen her, möglichst schweres Gerät, so schaffen wir Putin, dröhnte es noch unlängst aus vielen Löchern, in die die Sonne der Erkenntnis nicht scheint.

Inzwischen beschleicht den einen oder anderen der Zweifel, ob das nicht einfach den Krieg verlängern könnte, noch mehr Opfer unter Soldaten und Zivilbevölkerung fordern würde, noch mehr Schäden an der Infrastruktur anrichte.

Das ist keine kleine Leistung für clevere Mitglieder der Journaille, und längst nicht alle haben die Zeitenwende in der öffentlichen Meinung mitgekriegt. Zeitvergessen wie japanische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg reiten sie immer noch auf der Rosinante im fiktiven Schreibtäter-Feldzug gegen Putin.

All denen, und eigentlich auch allen anderen, sei ein wunderbares Gedicht von Bertolt Brecht (Nora Zukker, googeln!) gewidmet, so an einem nachdenklichen Sonntag:

Der Zweifler

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Die vielen Zweifellosen erreicht man damit nicht. Auch die Haltungsverbogenen nicht. Ebenso wenig die Einfachen im Geiste. Alle, die sich ernsthaft mit Genderfragen beschäftigen, fallen auch weg. Bauchnabelbeschauer und Erforscher der eigenen Befindlichkeit ebenfalls. Dann die vielen, die aus Unsicherheit zu Rechthabern geworden sind. Opportunisten, Konzernjournalisten, die ihre Haltung häufiger als die Unterhose wechseln: auch keine Chance. Bei Karrieristen gehen Zweifel gar nicht. Die alle abgezählt, da bleiben in der Schweiz noch, hm, also durchaus noch, hm, wie viele Journalisten übrig? Braucht man beide Hände zum Abzählen?

2 KOMMENTARE
  1. Ruedi Rudolf
    Ruedi Rudolf says:

    Zitate aus dem Artikel: “Wer erträgt den Zweifel?”

    “Richtig bunt und somit wirklichkeitsnah ist die Berichterstattung über den Ukrainekrieg noch nicht. Wieso eine fast siegreiche ukrainische Armee immer mehr in die Defensive gerät?“

    „Zeitvergessen wie japanische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg, reiten sie immer noch auf der Rosinante im fiktiven Schreibtäter-Feldzug gegen Putin.“

    “Waffen her, möglichst schweres Gerät, so schaffen wir Putin, dröhnte es noch unlängst aus vielen Löchern, in die die Sonne der Erkenntnis nicht scheint.“

    “So wie es sich wunderte, dass der Rubel nicht senkrecht in die Grube fuhr, sondern mit 40 Prozent Aufwertung gegenüber dem US-Dollar wieder Vorkriegsstände erreicht hat.“

    *****

    Wie der Herr Putin über die Selbstgebastelte Traum-Realität der Möchtegerne Wertegesellschafts-Politiker, und denn Schreibtisch-Tätern in ihren Verrichtungs-Boxen des Einseitigen Trans-Atlantisch-Hörigen-Propaganda-Journalismus denkt, kann man in seiner Aktuellen Rede hören.

    Putins Abrechnung mit dem Westen: „Der wirtschaftliche Blitzkrieg ist gescheitert“

    Der russische Präsident Putin, hat auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, in einer über einstündigen Rede, mit dem Westen abgerechnet.

    Rede hoeren:

    https://www.youtube.com/watch?v=19arflaJYxM&ab_channel=AntiSpiegel

    Rede lesen:

    https://www.anti-spiegel.ru/2022/puti

    Ps.

    Wann haben wir mal so eine Innen und Außenpolitisch Themenbezogene und Realitätsnahe Rede, von unseren aktuellen Politikern gehört?

    Die Russen können sich glücklich schätzen, so einen Rückgratstarken Präsidenten zu haben.

    Ein Russischer Präsident welcher ihre Interessen nach Innen und Außen mit klarer Ansage und Realen Zielsetzungen vertritt. Ohne das im Westen bis auf ganz wenige Ausnahmen, übliche Politiker-Geschwurbel mit viel sinnbefreitem reden, ohne wirkliche Aussage, um denn Brei Drumrumredend, in der Hauptsorge nicht mehr gewählt zu werden, Pöschteli, Geld-Bezüge und Goodies zu verlieren.

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  2. René Küng
    René Küng says:

    Wunder und Zeichen,
    auf dass ich als Zeyer-Opportunist gebrandmarkt werde.
    Mir ein Abwasch-Tattoo wünschte, da ich es ab und zu auch wagenwill, dem Meister Zweifel zu senden.
    Selten und schon gar nicht zu diesem Sonntag,
    da er in trüben Zeiten das Licht des Denkens, der Hoffnung tapfer am leuchten hält.
    Als ob er, bei seinen besinnlichen Gedanken, das Zeichen an seine Kommentarschreiber schon vorweg spüren wollte,
    wünsche ich Ihm und uns allen das Wunder, dass immer mehr, Hände, Zehen, Haarmässig viele Journalisten und JOURNALISTINNEN (es gab mal welche, wahrscheinlich abgetaucht vor lauter Scham, was die Quotiodie in die Redaktionen geschwemmt hat) sich befreien von den transatlantischen Fäden und Stricken um ihren Hals&Hirn.

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