Fürio auf der Halbinsel Au

Soll man den Preis «Deppen der Woche» verleihen?

Feuerlaufen. Teambuilding. Mutprobe. Geht doch. Wer Kohle machen will, muss Kohle aus dem Feuer holen. Oder mindestens drüberlaufen.

Wie unter anderen Tamedia vermeldet, gab es auf der Halbinsel Au (Zürichsee, nomen est omen) 25 Verletzte, als ein Gang über heisse Kohle angetreten wurde. 13 von ihnen mussten sogar ins Spital. Rahmen war ein sogenanntes «Teamevent» des Werbevermarkters Goldbach, der wie der Tagi zur TX Group gehört. Wie der Tagi verschämt meldete, als sich in der «Weltwoche» Christoph Mörgeli darüber lustig machte, dass auch Mitarbeiter der TX Group nicht über physikalische Gesetze erhoben sind.

Das wiederum wurde ihm natürlich sofort als typische Häme ausgelegt.

Wie verhält es sich denn nun eigentlich mit dieser Mutprobe? Natürlich geht ausser ZACKBUM niemand dieser wichtigen Frage nach. Der Frage, ob der Mensch in der Lage ist, über glühende Kohlen zu laufen, ohne sich dabei die Fusssohlen zu verschmürzeln. Wenn ja, wie und vor allem: wie weit? Da es sich bei dieser merkwürdigen Betätigung nicht um einen anerkannten Sport handelt, sind Zahlen und Angaben naturgemäss mit Vorsicht zu geniessen.

Daher muss man sich natürlich auf die höchsten Ansprüchen genügende Quelle Wikipedia verlassen können. 2003 soll der noch heute gültige Weltrekord aufgestellt worden sein: 250 Meter! Der Versuch fand allerdings in Österreich statt, also sind Zweifel geboten.

Zum einen gibt es die gesamten esoterischen Versionen. Also Menschen versetzen sich in Trance oder in einen Geisteszustand, der angeblich verhindern soll, dass sich Brandblasen bilden. Wer’s glaubt, wird selig.

Dann gibt es die mehr naturwissenschaftliche Variante. Die brennende Holzkohle sollte von einer Ascheschicht bedeckt sein, die Füsse gut durchblutet, die Geschwindigkeit nicht zu schnell und auch nicht zu langsam. Dann sollte ein solcher Lauf möglich sein, ohne dass es wie hier zu gröberen Verletzungen käme.

Rein empirisch gesehen hat das was, sonst gäbe es ja ständig Meldungen, dass bei solchen Events anschliessend eine Anzahl Teilnehmer die Füsse ins Spital verlegen mussten. Natürlich melden sich auch gleich die Besserwisser zu Wort; Tamedia zitiert einen, der seit 36 Jahren Feuerläufe durchführe, aber natürlich nicht diesen hier.

««So etwas darf nicht passieren», sagt er. Verbrennungen dürften noch nicht einmal bei einer einzigen Person vorkommen – geschweige denn bei 25.»

Worin nun allerdings der Gewinn bestehen soll, wenn man über rund 700 Grand heisse Kohle latscht, erschliesst sich dem ansonsten feuerfesten ZACKBUM nicht. Was wir aber im Bericht von Tina Fassbind und Daniel Schneebeli vermissen und was wir von Recherchierjournalisten eines Qualitätsmediums erwarten könnten: der Selbstversuch.

 

2 KOMMENTARE
  1. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Mögliches Szenario: Dier Oberguru geht vor, 24 Lemminge folgen. Lerneffekt: Zero. Sagt viel über die «Führungskultur» dieser Firma aus.

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  2. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Früher waren bei den Pfadfindern teilweise abstruse Mutproben zu bestehen. Damit musste man sich für den eigenen Pfadi-Namen als würdig erweisen. Heute verdienen sich ominöse Event-Veranstalter eine goldene Nase damit. Dazu gehört mit verbundenen Augen durch den Wald zu laufen und Sackgumpen für mittlere Kader. Das Allermeiste davon ist hahnebüchener Unsinn ohne jeden pädagogischen Wert. Aber der firmeninterne Druck führt dazu, bei jeder Idiotie mit geheuchelter Begeisterung mitzumachen. Passt irgendwie zur verrückten Schweiz, wo die Flugsicherung wie in einer Bananenrepublik total ausfällt und die „Dienstfahrten“ eines Bundesrates mit Chauffeur und staatlicher Limousine für sexuelle Ausschweifungen im Ausland völlig OK sind.

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