Glaubwürdigkeit

Systematische Probleme in den Medien.

Ohne Häme und Polemik gefragt: warum berauben sich viele Medien freiwillig ihrem wichtigsten Asset, ihrer Existenzgrundlage?

Nähern wir uns der Antwort in vorsichtigen, kleinen Schritten. Die Kernaufgabe eines Newsmediums ist es, News herzustellen. Das ist keinesfalls banal. Denn zu 99 Prozent sind diese Informationen vom Leser nicht überprüfbar. Oder wenn, nehmen sich 99 Prozent der Leser nicht die Zeit dafür. Genau aus diesem Grund halten sie sich doch ein Qualitätsorgan, das für seine Tätigkeit zudem happige Preise fordert.

Was auch immer wo auch immer auf der Welt stattgefunden hat, der Leser muss darauf vertrauen können, dass ihm kein X für ein U vorgemacht wurde. Dass Präsident Biden tatsächlich schärfere Waffengesetze fordert und nicht etwa der Waffenlobby zujubelt. So brandschwarz lügt nun allerdings kaum ein Medium, zu leicht wäre das durchschaubar.

Und dann wäre weg, was die Existenzberechtigung ausmacht. Die Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit heisst, dass sich der Leser oder Konsument darauf verlassen kann, dass zumindest das Faktische stimmt. Dass die Gewichtung stimmt. Dass die Auswahl der News stimmt. Dass dem Satz audiatur et altera pars nachgelebt wird, man höre auch die andere Seite. Das alles gehört zur Glaubwürdigkeit.

Besonders in Kriegen ist es völlig klar, dass alle Kriegsparteien in Propaganda-Modus verfallen und sich bemühen, sich selbst möglichst gut und edel und siegreich, den Gegner möglichst schlecht, heimtückisch und als Versager hinzustellen. Das ist normal und erlaubt. Sowohl in der Ukraine wie in Russland herrscht Zensur, die Massenmedien geben natürlich nur die offizielle Sichtweise wieder.

Nicht kriegsbeteiligte Medien, insbesondere noch in der neutralen Schweiz, sollten hingegen beide Seiten zu Wort kommen lassen. Sie sollten versuchen, hinter die Nebel der Propaganda zu schauen, im Dienst und Auftrag ihrer Konsumenten. Tun sie das nicht, haben sie über kurz oder lang ihre Existenzberechtigung verloren.

Medien haben Haltungen, Redaktoren haben Meinungen. Das ist kein Verbrechen, sondern unausweichlich. Es gibt kein «objektives» Newsblatt, keine völlig ausgewogene Nachrichtensendung. Diese Haltung, diese Meinungen können vertreten, ausgewiesen, in Editorials, Kommentaren und Redaktionsstatuten vertreten werden. Wenn es allerdings offenkundig wird, dass dadurch die Fähigkeit beeinträchtigt ist, in erster Linie Hilfe bei der Meinungsbildung des Konsumenten zu leisten, verliert das Medium sein wichtigstes Asset. Und ist zum Untergang verurteilt.

Der Konsument ist ein geduldiges Wesen, das sich auch überraschend lange und kräftig quälen lässt. Schrumpfende Umfänge, nachlassende Qualität, Rechthaberei, unqualifizierte Schreiber, Einäugigkeit, Voreingenommenheit, Haltungsjournalismus pur, ruppiger Umgang mit abweichenden Meinungen – all das verträgt der Konsument mit wahrlich bewundernswerter Engelsgeduld.

Aber es stauen sich in ihm Bedenken auf. Weniger Umfang als Qualitätssteigerung? Sparmassnahmen als Verbesserung des Angebots? Kolumnitis und Meinungen und Kommentare und Beschreibungen persönlicher Befindlichkeiten oder gar Betroffenheiten als Ersatz für Reportagen, Berichte, Analysen? Schwarzweiss-Malerei statt Wiedergabe der bunten Welt? Gar im Befehlston geschnarrte Handlungsanweisungen an den Konsumenten, wie der sich zu verhalten habe? Was er zu tun und zu lassen habe, um nicht als fahrlässig, uneinsichtig, unmenschlich, moralfrei, bequem, unsolidarisch zu gelten?

Es ist wohl nicht ein einzelner Vorfall dieser Art, sondern ihre Akkumulation, begleitet von einer zunehmenden Kreischigkeit in der Tonlage, mit der der Bedeutungsverlust der Massenmedien kompensiert werden soll, die dann beim Konsumenten den Entschluss reifen lassen: es reicht. Wieso soll ich ein paar hundert Franken dafür ausgeben, damit ich einseitig informiert, dünn dokumentiert, ständig belehrt und beschimpft werde? Was interessieren mich die Meinungen der Redaktoren, ihre Befindlichkeiten, ihr Leiden, ihre persönlichen Probleme? Wieso soll der Konsument dafür bezahlen?

Dann, nun dann folgt auf den Verlust der Glaubwürdigkeit der Verlust des Zahlers. Weil zunehmend aus dem Fokus gerät, dass Newsmedien keine Anstalt für Eigentherapie und das Hinausposaunen der eigenen Meinung sind. Bei der das zahlende Publikum und dessen Interessen eigentlich keine Rolle spielen. Es wird höchstens wahrgenommen als zu belehrende, anzuweisende und natürlich zu kritisierende Masse, die sich allzu oft leider nicht so verhält, wie sie es nach Meinung des Journalisten tun sollte. Sie wählt falsch, hat falsche Ansichten, ist schnell einmal fremdenfeindlich, rassistisch, unsolidarisch, verklemmt, konservativ, egoistisch.

Da sagt sich dann der Konsument: Wenn zur dünnen Suppe des Inhalts, dem starken Tobak der Meinung auch noch Publikumsbeschimpfung dazukommt, dann reicht’s: ich kündige.

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