NZZ: geht doch

Journalismus mit Hand und Fuss und Hintergrund? Bitte sehr.

Es ist einfach so. CH Media und Ringier haben sich weitgehend von der hintergründigen Berichterstattung verabschiedet. Tamedia lebt höchstens davon, an der Ausschlachtung gestohlener Geschäftsunterlagen beteiligt zu sein. Das sogenannte «Recherchedesk» recherchiert eigentlich nicht, sondern durchpflügt Datenmeere und wertet Zugehaltenes aus.

Auch wenn sich ZACKBUM wiederholen muss, der einzige Lichtblick in diesem Tal der Düsternis ist die NZZ. Das stellt sie mit diesem Gewaltsartikel wieder einmal unter Beweis: «Der Krieg und der Hunger: Warum die Welt vor einer Nahrungsmittelkrise steht.»

Nun kann Herr Beckmesser einwerfen, dass das Thema nun nicht gerade originell und erst von der NZZ entdeckt worden sei. Das ist richtig, Aber was hier sechs Autoren sachlich, kompetent und rundum ausgreifend zusammengetragen haben, erreicht immerhin das Niveau der angelsächsischen Medien. Was sonst keinem Schweizer Blatt und nur ganz, ganz selten einem deutschen gelingt.

Wenn ein Online-Stück der NZZ mit einer opulenten Startillustration beginnt, kann man darauf gehen, dass nun nicht nur informative 17’000 Buchstaben folgen, sondern auch illustrative Infografiken:

Sicherlich, auch diese Zahlen werden hier nicht zum ersten Mal enthüllt. Aber die Grafiken sind auch nicht einfach per copy/paste übernommen, sondern stellen eine Mischung aus Quellen und eigenen Recherchen dar.

Situation in der Ukraine, Exportmöglichkeiten, die Bedeutung von Russland und der Ukraine bei landwirtschaftlichen Produkten, aber auch als Kali-Produzenten und Exporteure von Rohstoffen für Düngemittel: es ist ein Rundum-Panorama zum Thema, das die NZZ hier abliefert.

Solche Stücke sind die Basis für jede Meinungsbildung zum Thema. Aber in den übrigen Medien werden lieber Luftkämpfe ausgetragen, ob Putin das ukrainische Getreide als Erpressungsmittel missbraucht, ob er höchstpersönlich für eine Hungersnot von «biblischem Ausmass» (SoBli) verantwortlich ist. Auch bei solchen Fragen hilft dieser Artikel zur Einordnung.

Auslegeordnung, ein schönes Schweizer Wort, das hier von der NZZ mit neuem Leben erfüllt wird.

Wären die Redaktoren bei CH Media und Tamedia inzwischen nicht völlig schmerzfrei, müssten sie einen Moment lang innehalten und sich was schämen.

2 KOMMENTARE
  1. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Köstlich formuliert: Die Tamedia durchpflügt Datenmeere…….

    Ganz klar, die pflügenden Recherche-Storyteller schreiben aus diesem Fundus ganz neue Geschichten…….als wären sie dabei gewesen.

    Journalismus 2022.

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  2. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Der aktuell laufende Krieg hat ein Grundsatzproblem beschleunigt in den Fokus gestellt.
    Mittel und langfristig ist das nach wie vor das fast ungebremste Bevölkerungswachstum die Kernursache für zukünftige verheerende Hungerkrisen.
    Die Ausweitung der Anbauflächen sowie Ertragssteigerungen stossen zunehmend an Grenzen.
    Dazu gibt es weitere Faktoren die negativ wirken Zb. Versalzung und auslaugen der Böden.
    Den grössten Vogel haben die Grün-Bios während rund 20 Jahren mit ihrem Biosprit-Hype abgeschossen.
    Wer erinnert sich noch, das ist gar nicht sooooo lange her da verfügte die EU die Beimischung von Biosprit zu den Erdölbasierten.
    Tja diese Grün- Bio-Helden der Klimarettung, brauchten sage und schreibe rund 20 Jahre, um zu schnallen das für die Biospritproduktion hochwertige Agrargüter draufgehen.
    Sicher kurzfristig kann man mit einer Reduktion der Fleischproduktion das Problem auffangen langfristig bleibt nur die Begrenzung des WeIt-Bevölkerungswachstums.
    Wenn nicht dann werden massieve Hungerkatastrophen lediglich in die Zukunft verschoben.

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