Inflation? Ach ja.

Inflation läuft. Galoppiert sie dann mal?

Daher gibt es immerhin 675 Treffer in der SMD für den Begriff – in den letzten drei Tagen. Fast gleichviel wie über Queen Elizabeth, aber ein Klacks gegen 3550 zu Ukraine. Man muss Prioritäten setzen.

Inflation, das ist in der Geldwirtschaft ungefähr so wichtig wie die Gravitation in der Wirklichkeit. Die Gravitation sorgt dafür, dass nicht alles in der Luft schwebt. Die Inflation sorgt dafür, dass es anständige Zinsen gibt und Geld vernünftig allokiert wird.

Soweit die Theorie. Nun war es aber lange Jahre so, dass es kaum Geldentwertung gab. Zinsen auch nicht. Im Gegenteil, in der Schweiz herrschen bis heute sogenannte Negativzinsen.

Das ist so wie negative Schwerkraft. Schwer vorstellbar, aber real. Zinsen sind normalerweise die Risikoprämie für den Gläubiger. Sie halten den Schuldner vor allzu wildem Gehabe ab, denn er muss geliehenes Geld nicht nur zurückzahlen, sondern auch noch mit Zinseszins.

Bei Negativzinsen ist es umgekehrt. Der Gläubiger zahlt etwas dafür, dass er sein Geld verleihen darf. Soweit schwer verständlich, aber klar.

Inflation oder Geldentwertung heisst, dass im Verhältnis zwischen Geld und Waren oder Dienstleistungen eine Veränderung stattfindet. Teuerung heisst, dass man mit der gleichen Menge Geld weniger kaufen kann. Nun schrumpfen nicht einfach die Geldnoten im Portemonnaie, was kleine Inflationsraten nicht dramatisch spürbar macht.

Die klassische Erklärung für Inflation ist einfach. Wird bei gleichbleibendem Angebot mehr Geld hergestellt, entwertet es sich entsprechend. Platt vereinfacht: ein Ei kostet einen Franken. Nun wird ein zweiter Franken von der staatlichen Notenbank hergestellt, dann kostet das Ei zwei.

Erklärungen funktionieren seit Jahren nicht mehr

Die klassische Erklärung funktioniert spätestens seit der Finanzkrise eins 2008 nicht mehr. Seither haben die Notenbanken Neugeld wie Heu hergestellt und ihre Bilanzen aufgebläht. Rekordhalter ist die Schweizerische Nationalbank (SNB). Ihr Bilanzvolumen ist inzwischen viel grösser als das BIP, also alles, was die Schweiz in einem Jahr an Wertschöpfung betreibt. Dennoch gab es lange Jahre keine nennenswerte Inflation.

Warum? Da murmeln die Geldspezialisten etwas von Umlaufgeschwindigkeit, verschiedenen Geldmengen, inflationäre Wirkung nur im Konsum, Blabla. Man könnte auch einfacher sagen: da wir uns seit Langem in nicht kartografierten Gebieten der Geldwirtschaft bewegen, weiss niemand so genau, wieso es trotz gigantischer Aufblähung der Geldmenge kaum Inflation gab.

Wer davor warnte, dass eine Inflation zur Anhebung des Zinsniveaus führen muss (womit klassischerweise Inflation bekämpft wird), was aber bei über beide Ohren verschuldeten Staaten gar nicht mehr möglich ist, weil die dann ihre Zinsdienste nicht mehr leisten könnten, wurde als Schwarzseher ausgelacht. Geht doch, kein Inflationswölkchen am Horizont zu sehen, geniessen wir den Sonnenschein.

Negativzinsen for ever, Inflation ist nicht mehr im Angebot, kein Problem. Das hat sich in den letzten Wochen und Monaten dramatisch geändert. Man muss noch ergänzend hinzufügen, dass die Messung der Inflation eine sehr fragwürdige Sache ist. Dafür wird nämlich ein sogenannter Warenkorb zu Hilfe genommen, der weder in den Proportionen noch in seinem Umfang der Wirklichkeit nahe kommt. So sind zum Beispiel Immobilienpreise oder Versicherungen (Krankenkasse!) nicht enthalten.

Wie steht’s mit der Inflation aktuell?

Daher spricht man neben der offiziell gemessenen auch noch von der gefühlten Inflation. Aber bleiben wir bei den offiziellen Zahlen. Bei den Verbraucherpreisen beträgt die in den USA bereits 8,3 Prozent. Was das die Schweiz angeht? Sehr viel, denn die USA sind immer noch Wirtschaftsmacht Nummer eins der Welt; die meisten Geschäfte werden überall in US-Dollar abgeschlossen.

In der EU beträgt die durchschnittliche Inflationsrate zurzeit 8,1 Prozent. In den baltischen Staaten kratzt sie bereits an der Schwelle von 20 Prozent. Was das die Schweiz angeht? Die EU ist nach wie vor einer unserer wichtigsten Handelspartner.

Und in der Schweiz? Auf Monatsbasis 0,7 Prozent. Ach, putzig. Nein, das wären aufs Jahr hochgerechnet 8,4 Prozent. Schluck. Kann ja sein, dass ein Monat nicht signifikant genug ist, also nehmen wir die vier zurückliegenden Monate. Da sind wir dann bei einer Jahresinflation von 7,2 Prozent. Schluck.

Obendrauf kommen noch die 0,75 Prozent Minuszinsen, die die SNB als Leitzinsen vorgibt. Nochmal schluck.

Einfache Kreisläufe und Abhängigkeiten

Im Konsumbereich gibt es ein ganz einfaches Kriterium. Wer annimmt, ein von ihm begehrtes Produkt wird in naher Zukunft billiger, wartet mit dem Kauf. Weniger Nachfrage, eher sinkende Preise. Herrscht nennenswerte Inflation, kaufe ich lieber heute, bevor das Produkt morgen deutlich teurer ist. Steigende Nachfrage …

Bekomme ich für angelegtes Geld einen anständigen Zins, der mindestens deutlich über der Inflationsrate liegt, lasse ich mein Vermögen eher auf dem Konto. Kann ich dabei zusehen, wie es weniger wird, haue ich es lieber raus.

Dabei kommt es nicht auf die absoluten Zahlen an. Wenn die Inflation 12 Prozent beträgt und der durchschnittliche Zinsertrag 16 oder 17 Prozent, ist eigentlich alles soweit in Ordnung, die Inflation kommt dann auch wieder runter. Dafür gibt es in den 80er-Jahren genügend Beispiele. Aber damals gab es noch nicht diese exorbitante Staatsverschuldung von bis zu 100 Prozent des BIP – und darüber hinaus. Damals konnte die Notenbank die Leitzinsen brutal hochfahren, um die Inflation runterzuholen.

Aber heute? Schon aktuell machen die Schuldendienste einen der grössten Ausgabeposten in den Staatshaushalten aus. Schwachbrüstige Kandidaten wie Griechenland, östliche EU-Mitglieder oder auch Italien müssten Staatsbankrott erklären, würde das Zinsniveau allgemein und deutlich angehoben.

Inflation hat allerdings einen Vorteil, der den hochverschuldeten Staaten durchaus zu pass kommt. Umso höher, desto schneller kann sich der Schuldner seiner Schulden entledigen. Hat er sie zum Wert von 100 aufgenommen, betragen sie nach 10 Prozent Inflation nur noch 90. Man rechne.

Wo soll das alles also enden? Ist der Sparer, der Rentner mal wieder gekniffen, der Schuldner, ob gross oder klein, fein raus? Oder gerät alles ins Rutschen, schlägt vieles unsanft auf dem Boden auf, wenn die Gravitation in der Finanzwelt, der Zins, wieder eingeschaltet wird?

Wie wird denn die Zukunft?

Das ist das Schöne an nicht kartographierten Gebieten. Niemand weiss es. Wer es zu wissen behauptet, ist ein Scharlatan, ein Kaffeesatzleser, behauptet, im Besitz einer Glaskugel zu sein. Was soll also der Leser der «Ostschweiz» tun, dem logischerweise sein Portemonnaie näher sitzt als Fragen nach Staatsschulden oder weltweiten Verwerfungen? Da wir auch nicht über die Fähigkeit verfügen, in die Zukunft zu blicken: keine Ahnung. Betongold, echtes Gold, konsumieren, verbuddeln, diversifizieren, über Währungen, Anlageformen streuen? In Scheinen aufbewahren? Zu Hause? Im Schliessfach?

Da sagen wir doch einfach: gute Fragen. Sehr gute Fragen.

 

 

2 KOMMENTARE
  1. Guido Kirschke
    Guido Kirschke says:

    Die Renter wird’s wohl am härtesten treffen. Einen klassischen Sparer mit Sparbüchlein kenne ich keinen mehr. Ein Fragezeichen setze ich bei den Mieten. Bei 8,4% Jahresteuerung und einer zu erwartenden Zinswende werden diese spätestens ab dem 4. Quartal anfangen zu steigen. Ein gefundenes Fressen für unsere Internationalsozialisten, einmal mehr nach stattlichen Eingriffen in einem eh schon komplexen System zu schreien.

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  2. Giordano Bruno
    Giordano Bruno says:

    Die Inflation war schon immer da, in der Schweiz sind die Immobilienpreise explodiert, nicht nur aufgrund der Zuwanderung, genauso die Preise für Wertschriften. Die Versicherungen, Gebühren, Abgaben und Steuern sind ebenso gestiegen. Oder der Preis ist gleichgeblieben nur der Packungsinhalt oder die Dienstleistung ist weniger und schlechter geworden.
    Der grösste Teil des neuen billigen Geldes ist an die Börse geflossen, um das durch Spekulation erlangte Geld weiter zu beschäftigen. Es wurden leider nicht genutzt, um reale Investitionen zu tätigen, wie Forschung, Entwicklung und Produktion, somit wäre auch ein Teil in die Löhne geflossen. Nur jetzt wo die Inflation täglich an der Tankstelle abzulesen ist, bemerkt es halt auch der hinterletzte. Die Politiker und Notenbanken können es darum nicht mehr so einfach weglächeln und wegleugnen oder auf besondere Umstände verweisen.

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