Hass und Lügen

In die heiligen Hallen des NZZ-Feuilletons hat es eine selten demagogische Schmähschrift geschafft.

Im grossen, grossen «Wir hassen Putin und die Russen»-Chor ist eine Stimme fast untergegangen. Ihr Werk trägt den dialektischen Titel «Putin hat den Westen längst besiegt» und erschien in grosser Aufmachung am 30. April 2022.

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko behauptet darin: «Mit ihrer blinden und ahnungslosen Begeisterung für die russische Literatur haben sich westliche Intellektuelle zu Komplizen des Despotismus gemacht.»

Bei Sabuschko ist zunächst sozusagen das Somm-Phänomen zu konstatieren. 1961 geboren, trat sie 1987 in die KPdSU ein, offenbar im Rahmen ihrer Promotion am Philosophischen Institut der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften.

Von dort hat sie den weiten Weg zur Denunziantin und Polemikerin ohne Grenzen oder Hemmungen zurückgelegt. Ihr Thema ist die über Literatur und intellektuelle Blindheit erfolgte angebliche «Komplizenschaft westlicher Intellektueller».

Die äussere sich zum einen ganz praktisch: «So handelte Sartre, wie man inzwischen weiss, im Dienst des KGB, so wurde Hemingway vom KGB bereits in Spanien rekrutiert – was ihn letztlich psychisch fertigmachte.»

Beide Behauptungen sind höchstens von Gerüchten gestützt. So soll sich der bekennende Antifaschist und Unterstützer der spanischen Republik Ernest Hemingway 1941 beim KGB erkundigt haben, ob er in irgend einer Form helfen könne. Nach dem Überfall von Hitler-Deutschland auf die UdSSR, notabene. Ein abtrünniger KGB-Agent publizierte 2009 in den USA ein Buch, dass er entsprechende Einträge 1990 in KGB-Archiven gesehen hätte. 1941 war die spanische Republik längst vom Faschisten Franco besiegt worden.

In diesem angeblichen KGB-Archiv sei aber auch vermerkt gewesen, dass der Schriftsteller ein «dilettantischer Spion» sei, der «keinerlei nützliche Information geliefert» habe. Sein Ansinnen war offenbar so erfolgreich wie seine Patrouillen vor Kuba mit seinem Fischerboot, wo er feindliche Nazi-U-Boote ausmachen wollte.

Dass ihn das «psychisch fertigmachte», ist reine Erfindung, ebenso wie das Handeln Sartres im «Dienst des KGB». Auch Suzanne Massie, Beraterin des US-Präsidenten Ronald Reagan, Bestellerautorin und Besitzerin eines russischen Passes, erregt den Hass von Sabuschko. Die 1931 in New York geborene Wissenschaftlerin hatte im Mai 2021 öffentlich um die Staatsbürgerschaft nachgesucht, um an ihrem «siebten Buch über Russland weiterarbeiten zu können». Oder in den Worten von Sabuschka: «Der Guru der amerikanischen Slavistik» habe das getan, «da sie offensichtlich dachte, dass es angenehmer sei, den Lebensabend in einer eigenen Wohnung in St. Petersburg zu geniessen als wegen Hochverrats im eigenen Land im Gefängnis».

Worin dieser Hochverrat bestehen soll, weswegen die 91-Jährige ins Gefängnis geworfen gehörte – das erklärt die von tiefem Humanismus durchtränkte Sabuschko leider nicht.

Schliesslich erregt natürlich auch der Exil-Russe und Nobelpreisträger Josef Brodsky ihren Hass. Gegen einen kritischen Essay von Milan Kundera sei der «mit wehenden Fahnen herbeigeeilt, um die russische Literatur zu verteidigen, und verkündete im Tonfall eines sowjetischen Agitators «Warum Milan Kundera in Sachen Dostojewski falschliegt». Er geiferte seinen Opponenten an wie ein heutiger Bot in den Social Media.» Also auf einem ganz anderen Niveau als diese geifernde Hasstirade vom ehemaligen Mitglied der kommunistische Partei der Sowjetunion Sabuschko. Allerdings schrieb Brodsky damals: «Soldaten repräsentieren nie die Kultur, geschweige denn die Literatur – sie tragen Knarren, keine Bücher.» Ist das Gegeifer?

Natürlich kann sie Brodsky auch sein Gedicht über die Ukraine nicht verzeihen, obwohl das eigentlich nur für Insider verständlich ist

Die «wahre Scholastik der Moderne»

Aber das sind nur Einzelbeispiele für ein viel grundlegenderes Problem, das Sabuschko entdeckt haben will: «Die unzähligen, verzweifelten Anstrengungen kartesianisch geschulter Hirne, zu dechiffrieren, «was Putin will» – das ist die wahre Scholastik der Neomoderne!»

Scholastik war das Gegenteil der Aufklärung, die sich darum bemühte, mittels Erkenntnis die Welt besser zu verstehen – und zu verbessern.

Dann in einem atemberaubenden Salto hierher: «Mit der Folge, dass, als an der Spitze Russlands schliesslich ein KGB-Offizier stand – Angehöriger einer Organisation, die seit 1918 direkt für die meisten und grössten Verbrechen gegen die Menschlichkeit über eine einzigartig lange Zeitspanne der modernen Geschichte verantwortlich war –, niemand im Westen mehr erschrecken wollte, so wie das etwa bei einem Gestapo-Offizier der Fall gewesen wäre.»

Den Boden dafür bereitet – nun turnt sie wirklich im faktenbefreiten Raum der reinen Demagogie – haben russische Autoren wie Tolstoi, der postuliert habe, dass es «keine Schuldigen auf der Welt» gebe. Wer diesen «russischen Humanismus akzeptiere», «– dann herzliche Glückwunsch: Sie sind auch bereit für den Einmarsch der russischen Armee. Und vor diesem Hintergrund ist es Zeit, die russische Literatur unter einem anderen Blickwinkel zu lesen, denn sie hat fleissig an dem Tarnnetz für die russischen Panzer mitgeknüpft.»

Lew Tolstoi beim Knüpfen eines Tarnnetzes für Panzer.

Was zur Folge habe: «Inzwischen lässt sich wohl kaum leugnen, dass Putins Angriff am 24. Februar pures Dostejewskitum im Sinne Kunderas war, und genau unter dieser Perspektive lässt sich der Feldzug richtig verstehen: Unberührt vom Denken Kants oder Descartes, aber auch von Clausewitz, handelte es sich um die Explosion reiner destillierter Bösartigkeit, eines lang unterdrückten historischen Neids und Hasses, verstärkt durch das Gefühl absoluter Straflosigkeit.»

Wie in biblischer Verdammnis gibt es laut Sabuschko das reine Böse, das nicht verstanden werden kann, dem man sich nicht mit «Scholastik» nähern sollte.

Sie steigert sich dann in einen erschreckenden Ausbruch, den wohl nicht einmal der tiefe Kenner der menschlichen Seele Dostojewski hätte beschreiben können: «Diejenigen, die in Butscha eine Mutter an den Stuhl fesselten, damit sie zusehen musste, wie man ihren elfjährigen Sohn vergewaltigte – das sind auch die Helden der wunderschönen russischen Literatur, die ganz normalen Russen, die gleichen wie vor hundert und vor zweihundert Jahren.»

Das sind die Helden von Turgenew, Puschkin, Tschechow, Gorki, Scholochow, Ehrenburg, Pasternak, Majakowski? Welch ein Wahn.

 

Was kann man gegen diesen Wahnsinn tun? Nein, nicht gegen den von Sabuschko. Sie empfiehlt: «Der Weg der Bomben und Panzer wird immer auch von Büchern geebnet, und wir sind zurzeit Augenzeugen davon, wie die Wahl der Lektüre das Schicksal von Millionen beeinflusst. Es ist höchste Zeit, unsere Bücherregale langen und strengen Blickes durchzusehen

Bücherregale durchsehen – und dann?

Wenn wir sie richtig verstehen, sollten wir also neben der gesamten russischen Weltliteratur auch Sartre, Hemingway, Massie, dazu den angesehenen Politwissenschafter John J. Mearsheimer, auch Exil-Autoren wie Josef Brodsky aus unseren Bibliotheken entfernen. Ob es mit der Übergabe ins Altpapier getan ist, oder ob es doch besser wieder zu Bücherverbrennungen kommen sollte, das lässt die Autorin offen.

Im Unterschied zur vollständigen Zensur in der Ukraine oder in Russland ist es im Westen, in der Schweiz, glücklicherweise möglich, dass auch solche Stimmen publiziert werden. Keine These sollte zu absurd sein, um nicht auf die öffentliche Schlachtbank geführt zu werden.

Allerdings gibt es hier zwei Probleme. Ob es wirklich dem Niveau des NZZ-Feuilletons entspricht, einen solchen mit hasserfüllten Denunziationen erfüllten Artikel unkommentiert zu übernehmen? Das zweite: es hat sich bislang keine Stimme erhoben, um auf die unzähligen Ungereimtheiten, demagogischen, unbelegten Behauptungen zu entgegnen. Und vor allem darauf hinzuweisen, dass es nicht angehen kann, die Weltliteratur eines ganzen Kulturkreises dermassen bösartig, undifferenziert als schuldhafte Vorbereitung eines Angriffskriegs zu beschimpfen.

Das ist ungefähr so abgründig dumm, wie wenn man Goethe, Schiller, Lessing, Heine und viele andere leuchtende Sterne der deutschen Literatur als Wegbereiter von Hitler-Deutschland mit seinen Jahrhundertverbrechen denunzieren würde. Traute sich das einer, massive Gegenwehr wäre gewiss. Aber Russland? Da ist alles erlaubt. Selbst das Infame.

5 KOMMENTARE
  1. Dave V.
    Dave V. says:

    Als Lektüre bleibt dann wohl nur noch «Mein Kampf». Dieser Schunken widerspiegelt dann wohl am ehesten die ukrainische Seele, wo Bandera-Statuen in mehreren Städten stehen, dieser als Nationalheld verehrt wird und tausende alljährlich an Fakelzügen durch Grossstädte teilnehmen und Fahnen mit Nazi-Symbolen schwenken. Die Frau macht es sich zu einfach. Erstaunlich das man so etwas dann auch noch veröffentlicht.

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  2. René Küng
    René Küng says:

    Wochenende-Aufgabe:
    sich freuen, dass es noch Nichen gibt, wo Geist sich bewegt und abmüht?
    Oder staunen, wie erfolgreich das Ukraine-Drama zur Ablenkung Aller, Hirn-Toten und Hirnenden, einmal mehr prächtig funktioniert?
    Der Aufwand ist zwar, wie immer, massiv und grässlich, auf dem Buckel jener, die zur falschen Zeit am falschen Ort leben, möchten….

    Aber in Zeiten, wo es offensichtlich ist, dass sich Mächte global ihrer $kratisch (lest Rubel, Yuan oder was ihr wollt) implementierten Regierungen, Institutionen, Behörden bedienen, um die unnützen Fresser und Fremdgedenkten weltweit in die Schranken zu weisen – build back better & greener – da ist einiges an Grauen notwendig.
    Russland bashen, anstatt zu sehen, dass Russland & Peking Mentalität überall, rasant zunehmend am Ruder ist.

    Kriegsgrauen, um jene Verbrecher nicht in den Focus zu nehmen, die in den letzten Jahren die westliche Demontage minutiös planen, testen, durchziehen.
    Funktioniert bis jetzt prächtig, im Herbst werden die Affen, Elche und Freiheitslügen dann wieder losgelassen – Propaganda, Manipulation, Angst-Hypnosen werden rasant mit Zensur, materieller Erpressung und anrollender Verknappung aufgerüstet.
    Ne, nicht schwarz maler.
    Wer sich hier nicht nur an den Regenbogen erfreuen will, da zieht einfach aschgrau auf, vor der Haustür hinsehen wär angesagt, nicht nur fernsehen, wo uns himmelblaues und goldgelbes Elend übergezogen wird – das noch weiter befeuert werden soll.

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  3. Heribert Seifert
    Heribert Seifert says:

    Die Rußland- Berichterstattung der NZZ ist nicht nur im Feuilleton unerträglich, ich überschlage sie seit Wochen. Dummer, aggressiver Propagandaramsch unter Aufgabe aller journalistischer Prinzipien.
    Nur:es stimmt nicht, daß die Zeitung keine Gegenstimme publiziert habe. Am 8.5. erschien dies:

    https://www.nzz.ch/feuilleton/was-kann-denn-tolstoi-dafuer-replik-auf-oksana-sabuschkos-polemik-ld.1682695

    Was kann denn Tolstoi dafür? – Eine Antwort auf Oksana Sabuschkos Polemik zur Abwertung der russischen Literatur
    08.05.2022, 05.30 Uhr
    In einer scharfen Anklage hat die bekannte ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko die These aufgestellt, Europa habe sich durch einen als Leidenskult getarnten vermeintlichen «Humanismus» in der russischen Literatur blenden lassen. Dieser habe letztlich mit zum Massaker von Butscha geführt. – Eine Replik.

    Am 28. April erschien in der NZZ ein Beitrag, in dem die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko vor dem Hintergrund der Verbrechen von Butscha mit der russischen Literatur abrechnet. Diese habe durch ihren moralischen Relativismus und ihre «Sympathie für die Verbrecher» den Boden bereitet für die Untaten der russischen Soldateska, so die Autorin. Ihr Text möchte ein für alle Mal klarstellen, dass Russland und die russische Kultur nicht zu Europa gehören, ja dass sie strenggenommen nicht einmal zur Welt der Menschen gehören.

    Denn Russland ist das Reich des Bösen. Schon der «Versuch, den Standpunkt des Verbrechers einzunehmen, seine Motive und Ziele zu verstehen», ist laut Sabuschko moralisch verwerflich. Genauso wie wohl auch jeder Versuch der Differenzierung, der etwa darlegen würde, dass viele der Soldaten der russischen Armee selbst Opfer eines strukturell rassistischen autoritären Regimes geworden sind: Denn sonst hätten wohl kaum entlegene und unterprivilegierte Regionen wie Burjatien und Dagestan den höchsten Anteil an Gefallenen zu verzeichnen.

    Mythisches Weltbild

    Sabuschko denkt nicht historisch, sondern mythisch; ihrem Weltbild entziehen sich Prozesse in der realen historischen und politischen Welt, in der selbst Putin und seine Schergen Menschen mit Motiven und Interessen sind, die sich beschreiben und analysieren lassen. In ukrainischen sozialen Netzwerken werden die russischen Soldaten wahlweise als «Orks» oder als «Nichtmenschen» beschrieben, und es wird davon schwadroniert, dass man mit ihrem verbrannten Fleisch die «ohnehin schon sehr fruchtbare ukrainische Erde» düngen wolle. Eine solche Rhetorik mag emotional nachvollziehbar sein, aber sie bleibt doch menschenverachtend.

    Oksana Sabuschko nimmt in ihrer Polemik rundweg die ganze russische Literatur in Haftung. Denn die russische Literatur hat sich den Herrschenden verkauft, sie hat sich prostituiert – genau wie die weibliche Heldin in Tolstois letztem Roman «Auferstehung». Damit verfällt Sabuschko in das patriarchalische Bewertungs- und Erniedrigungsmuster, das Tolstoi in seinem Roman gerade attackiert: Nicht die junge Frau, die sich verkauft, ist schuldig, sondern der junge Adlige Dmitri Nechljudow, der sie zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs in diese Situation gebracht hat. Der Roman erzählt davon, wie er Einsicht in seine Schuld gewinnt. Soll das Erzählen davon, dass Menschen Fehler begehen und diese später bereuen, moralischer Relativismus sein?

    Oksana Sabuschko unterstellt der russischen Literatur, sie zeige Sympathie für die Verbrecher. Und das sei hoffnungslos uneuropäisch. Nun waren Tolstoi und Dostojewski bei weitem nicht die einzigen europäischen Autoren, die sich im späten 19. Jahrhundert mit Fragen der sozialen, psychologischen oder gar genetischen Ursachen des Verbrechens auseinandersetzten. Sie waren auch nicht die einzigen, die sich für Gerichtsprozesse und Haftbedingungen interessierten. Das als uneuropäisch abzutun, verrät ein schiefes Bild von Europa. Oder sollte es die Empathie mit dem Sünder sein, die hier gebrandmarkt wird?

    Tolstoi war Autor pazifistischer Traktate und wurde de facto exkommuniziert, weil er sich über die Dogmen und liturgischen Rituale der orthodoxen Staatskirche lustig gemacht hatte – und das auch noch in einem Roman mit dem Titel «Auferstehung», der am Ende in Bibelzitaten ausläuft. Mit dem Erlös aus dem Verkauf dieses Romans finanzierte er übrigens die Übersiedlung der Angehörigen der Sekte der Duchoborzen (Geisteskämpfer) aus dem Zarenreich nach Kanada: Die Duchoborzen wurden verfolgt, weil sie es ablehnten, Kriegsdienst zu leisten. Deshalb verwendete sich Tolstoi für sie.

    Tolstois Welt ist komplex

    Im achten und letzten Teil seines grossen Romans «Anna Karenina» beschreibt Tolstoi, wie eine Gesellschaft der Kriegspropaganda anheimfällt: Es war die Zeit der Aufstände der Serben und Bulgaren gegen die Osmanen. Die russischen Zeitungen waren voll von Berichten über Greueltaten der osmanischen Soldaten an der slawischen Zivilbevölkerung. In Russland solidarisierte man sich mit den Slawen auf dem Balkan. Man sammelte Hilfsgelder, junge Männer schlossen sich Freischärlerregimenten an.

    Konstantin Lewin, neben der Titelheldin die zweite Hauptfigur des Romans, hat allerdings Zweifel an der moralischen Erpressung, der die russische Öffentlichkeit ausgesetzt ist. Er verspürt kein unmittelbares Mitleid mit den Slawen auf dem Balkan, daher möchte er sich auch nicht für sie engagieren. Anders sein Halbbruder. Der ist Publizist; sein letztes Buch war ein Flop, und nun sieht er den Krieg auf dem Balkan als willkommene Gelegenheit, um seine Karriere neu zu lancieren. Wronski wiederum, der Geliebte Annas, schliesst sich nach ihrem Selbstmord den russischen Einheiten in Serbien an, weil er nicht weiss, was er sonst mit seinem Leben anstellen soll.

    Tolstois Welt ist komplex: Die Solidarität mit Kriegsopfern dient als Vehikel für persönliche Eitelkeiten, die Teilnahme am Krieg wird zum Alibi für junge Männer in der Krise. Michail Katkow, der Herausgeber der Zeitschrift, in der «Anna Karenina» als Fortsetzungsroman erschien, und ein überzeugter Nationalist und Imperialist, war natürlich empört. Er lehnte es ab, den letzten Teil des Romans zu drucken. Stattdessen erklärte er in einer kleinen Notiz den Leserinnen und Lesern, der Roman sei mit dem Tod der Heldin ohnehin zu Ende: Was folge, seien irgendwelche belanglosen Gespräche über die Situation auf dem Balkan, ohne Relevanz für die Handlung. In Zeiten nationaler Aufwallung wird eben selektiv gelesen.

    Im Chor derer, die die russische Literatur abwerten wollen, wie Oksana Sabuschko, oder gar zu ihrem «totalen Boykott» aufrufen, wie das ukrainische PEN-Zentrum in einer Verlautbarung vom 1. März 2022, klingt wohl nicht zuletzt Ärger darüber an, dass Tolstoi und Dostojewski auch heute noch so viel gelesen werden. Als verdanke sich ihre anhaltende Popularität nur der früheren Grossmachtstellung Russlands. Als sei es irgendwie stossend, dass einige der grössten Romane der Weltliteratur in russischer Sprache geschrieben wurden.

    Das ist nationales Besitzstanddenken im Geiste des 19. Jahrhunderts. Der Sinn des Begriffs Weltliteratur liegt darin, dass diese Werke uns allen gehören, unabhängig von der Sprache, in der sie verfasst wurden. Nun sind es politische und wirtschaftliche Faktoren, die darüber entscheiden, ob ein Werk übersetzt und international wahrgenommen wird. Dies erklärt den Stellenwert der russischen Literatur in der Welt und vor allem den riesigen Nachholbedarf beim Übersetzen ukrainischer Literatur. Doch ist der weltliterarische Austausch kein Nullsummenspiel, in dem man den einen Texten Aufmerksamkeit entziehen muss, um sie anderen geben zu können.

    Zweierlei Unglück

    Der Einmarsch in der Ukraine ist ein Desaster für die russische Kultur. Das hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einem Interview mit russischen Journalisten klar zum Ausdruck gebracht: «Den grössten Schaden hat Wladimir Putin der russischen Sprache zugefügt.» Ein befreundeter russischer Schriftsteller sagte mir deprimiert: «Russland wird wie Nordkorea, nur schlechter organisiert.»

    Selbstverständlich ist das Unglück vieler Russen ein anderes als das, erschossen, zerbombt oder vergewaltigt zu werden. Doch auch das Leben in Russland ist lebensgefährlich, wenn man als junger Mann in Burjatien oder Dagestan geboren wurde und dann mit unlauteren Methoden in einen Kriegseinsatz geschickt wird. Oder wenn man Oppositionspolitiker ist. Oder wenn man als Journalistin über Korruption oder über die Machenschaften tschetschenischer Todesschwadronen schreibt. Die Liste liesse sich fortsetzen; vor allem wird sie von Tag zu Tag länger.

    Oksana Sabuschko will nicht zur Kenntnis nehmen, dass es regimekritische russische Autorinnen und Autoren wie Wladimir Sorokin, Ljudmila Ulitzkaja, Michail Schischkin, Sergei Lebedew oder Boris Akunin sind, die in den letzten Wochen die erhellendsten Statements zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine und zu den Verbrechen des Putin-Regimes publiziert haben. Überhaupt schaut sie auf die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts mit einer bemerkenswerten Brille: Es gibt nur ukrainische Opfer.

    Dabei weiss auch sie, dass nicht zuletzt russische Schriftsteller sich gegen den Totalitarismus gewehrt haben und ihm zum Opfer gefallen sind. Und sie sollte auch wissen, dass es ab dem frühen 19. Jahrhundert für Dichter im Zarenreich zum guten Ton gehörte, sich nicht mit der Macht zu solidarisieren. Dostojewski wurde zum Tode verurteilt, weil er in einem oppositionellen Diskussionszirkel verkehrte, er stand bis wenige Jahre vor seinem Tod unter Polizeiaufsicht. Bei Tolstoi gab es Hausdurchsuchungen; er wurde nur deshalb nicht verhaftet, weil er ein weltberühmter Autor war.

    Es stimmt allerdings: Dieselben Autoren waren oft genug blind für das imperiale Mindset, das sie in ihren Werken transportierten. Joseph Brodskys vielkritisiertes Scherzgedicht «Auf die Unabhängigkeit der Ukraine» von 1991 ist hier ein beredtes Zeugnis. Doch bei genauerer Hinsicht entpuppt es sich in seiner grotesken Übersteigerung nationaler Stereotype als Rollenlyrik: Es ist nicht die Stimme Brodskys, die hier den Ukrainern vorwirft, dass sie ihren Borschtsch künftig allein essen möchten. Derart primitiv denkt allenfalls die Sprecherin des russischen Aussenministeriums, Maria Sacharowa, die dem Publikum allen Ernstes weismachen wollte, das Nazitum der Ukrainer zeige sich nicht zuletzt darin, dass sie ihre Borschtsch-Rezepte nicht mit den Russen teilen wollten.

    Die russische Literatur ist vielfältig und divers. Sie versucht alle möglichen Sphären der menschlichen Erfahrung zu erfassen. Vor allem vereinfacht sie die Welt nicht unzulässig, sondern mutet uns Komplexität zu, eine Komplexität, die Oksana Sabuschko hinter ihrer ethnonationalistischen Brille nicht wahrhaben möchte.

    Jens Herlth lehrt Slawistik an der Universität Freiburg.

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  4. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Die NZZ hat in Ihrer Kampagne gegen Russland jede Scham verloren. Nun auch die russischen Dichter und Denker wie ein Fjodor Dostojewskij (1821-1881) als Wegbereiter von Krieg zu denunzieren, hat die Absicht das gesamte Russland zu verteufeln. Nichts an Russland soll noch akzeptabel sein und Anerkennung verdienen. Wo bei vergleichbarer Kritik, so wie etwa an einem afrikanischen Land, längst von Rassismus geschrien würde, scheint bei Russland keine noch so hanebüchene Schmähung verwerflich zu sein. Es läuft eine pauschale Hetze gegen alles Russische, die einen Joseph Goebbels begeistert hätte. Mit den diabolischen Russen wird nicht mehr gesprochen. Es ist noch nicht sehr lange her, dass Deutschland bei den Russen von „Untermenschen“ geredet hat. Im Ergebnis läuft die heutige schrankenlose Hass-Kampagne wieder darauf hinaus. In der Schweiz als Kampagnenleiter zuvorderst dabei: Die einst angesehene Neue Zürcher Zeitung.

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