Bock zum Gärtner

Res Strehle wühlt nochmals in der Vergangenheit von Emil Bührle. Statt in seiner eigenen.

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Gibt es noch Neues vom Waffenfabrikanten und Stifter der bedeutendsten Sammlung von Impressionisten ausserhalb Frankreichs? Es scheint, dass gewisse Kreise nicht ruhen wollen, bis dieser Ausstellungsmagnet des Erweiterungsbaus des Kunsthauses Zürich weggeschrieben ist. Da einzelne Kunstwerke bereits ausführlich – wenn auch vergeblich – skandalisiert wurden, der Lebenslauf Bührles zur Genüge dargestellt, seine Waffenlieferungen an Nazi-Deutschland (mit Einverständnis des Bundesrats und von ihm mit Krediten finanziert) genügend niedergemacht wurden, was bleibt?

Dieser Ansatz: «Bührle und seine Lakaien: Wie der Nazi-Profiteur mit dem Kunsthaus die Herzen der Schweizer Elite eroberte».

Auch das ist nicht gerade originell, und Strehle überschüttet und überfordert den Leser in seinem Artikel in «Republik»-Länge (22’791 A) mit einer Flut von Namen, eher zusammenhangslos aneinandergereiht. Das kommt eben davon, wenn ein ehemaliger Tagi-Chefredaktor in die Tasten greift: keiner traut sich, ihn anständig zu redigieren.

Im Wesentlichen will Strehle aufzeigen, wie es Bührle gelungen sei, sich mit Aktivitäten im kulturellen Bereich zu rehabilitieren und die Aufnahme in die besseren Kreise zu bewerkstelligen. Dabei ist ihm keine Häme zu billig: «Im Haus Bührle reichte ein Gärtner, der mit dem Fahrrad angeradelt kam, weil ihm der Patron die Anfahrtskosten der Strassenbahn nicht abgelten wollte.»

Auch wenn Bührle etwas nicht tat, bekommt er dafür von Strehle keine Absolution: «Bührle war klug genug gewesen, nur drei Jahre nach seiner Einbürgerung die «Eingabe der Zweihundert» nicht zu unterzeichnen.»

Besonders ein Dorn im unbestechlichen Auge Strahles sind sozialdemokratische Helfershelfer von Bührle:

«Die SP-Politiker halfen mit, den Waffenindustriellen in Zürich salonfähig zu machen, ähnlich wie ihre späteren Parteigenossen dessen Kunstsammlung allzu unbesehen mit einer eigenen Abteilung im Erweiterungsbau des Kunsthauses adeln würden.

Stadtpräsident Elmar Ledergerber setzt drei Jahrzehnte später die guten Beziehungen seiner Vorgänger zur Bührle-Familie fort und bahnt nach der Jahrtausendwende zusammen mit Walter Kielholz und Kunsthaus-Direktor Christoph Becker die Überführung der Bührle-Sammlung in einen Erweiterungsbau des Kunsthauses an.»

Was stört Strehle genau daran? Ganz zum Schluss lässt er die Katze aus dem Sack: «die zweitwichtigste Sammlung französischer Impressionisten weltweit, aber leider noch nicht unabhängig in ihrer Provenienz erforscht und beschönigend deklariert. Ein Mahnmal der jahrzehntealten Wahlverwandtschaft Emil Georg Bührles mit Zürichs Elite.»

Nichts gegen Vergangenheitsbewältigung und das neuerliche Umwühlen längst vergangener Taten oder Untaten. Nur: gerade Res Strehle wäre gefordert, das endlich einmal in eigener Sache zu tun. In Sachen der eigenen linksradikalen Vergangenheit. Die wurde mehrfach von der «Weltwoche» thematisiert. Aber ausser mit juristischen Massnahmen sah sich Strehle bis heute nicht dazu veranlasst, zu sich selbst Stellung zu nehmen.

Auch seine Haltung in der Vergangenheit war den damaligen Zeiten und Umständen geschuldet, und jeder hat das Recht auf Vergessen und Veränderung. Ausser, er seziert dermassen beckmesserisch die Vergangenheit eines anderen. Zitieren wir einmal anrüchige Aussagen des sich aufs hohe moralische Ross schwingenden Strehle aus anderen Zeiten:

«Im März 1993 etwa verfasste Strehle einen krachenden Nachruf auf die Schweizer Terroristin Barbara Kistler, der selbst der WoZ, die er 1981 mit gegründet hatte, zu weit ging. Die ­Redaktion lehnte die Veröffentlichung ab, auch weil die Einschätzungen offenbar nicht stimmten. Kistler, von Strehle liebevoll «Babs» genannt, hatte sich in der Türkei einer militanten leninistischen Splittergruppe angeschlossen. «Sie ist nicht im Bett gestorben, wie es ihr grösster Horror war», so Strehle, «sondern mit der Waffe in der Hand, wie es ihr Wunsch war.» Mit «der Konsequenz ihres Handelns» habe die Revolutionärin «für viele GenossInnen und FreundInnen einen Massstab gesetzt», schrieb Strehle. Er schloss den pathetischen Aufruf mit dem Guerilla-Gruss: «Barbara presente!» Laut der WOZ-Redaktion hatten zum fraglichen Zeitpunkt allerdings gar keine Kämpfe in dieser Region der Türkei stattgefunden. Doch Strehle liess sich von den Tatsachen nicht beirren: Er warf seinen Kollegen hinterher vor, «jegliche Solidarität» mit der Gewalttäterin vermissen zu lassen.»

Schon zuvor hatte Strehle ein recht lockeres Verhältnis zu Gewalt unter Beweis gestellt, revolutionäre Gewalt, versteht sich: Am 10. Januar 1986 erklärt er den Lesern, warum die portugiesische Terrorgruppe «Volkskräfte des 25. April» (FP-25), die die junge Demokratie – entstanden nach der friedlichen Nelkenrevolution 1974 – abschaffen wollte, mordend und brandschatzend das historisch Notwendige und ­moralisch Richtige tue.

««Revolutionäre Gewalt», so Strehle, sei « die Antwort auf die Repression des Staates, die den Arbeitern zeigen soll, dass es auch andere Formen des Klassenkampfes gibt». Vor «diesem Hintergrund» seien «die militärischen Aktionen der FP-25 zu verstehen: Erschies­sung von Unternehmern, Grossgrundbesitzern, Aktionen gegen die Nato und Geldbeschaffung». Minutiös vermerkt Terrorversteher Strehle eine Liste der Heldentaten, welche die FP-25 verübt hat: «6. 12. 82: Erschiessung des Unternehmers Monteiro Pereira, 19. 10. 83: Anschlag gegen das Arbeitsministerium, 7. 2. 84: Erbeutung von umgerechnet 2 Mio. Franken in Lissabon, 30. 4. 84: Anschlag auf einen Grossgrundbesitzer, 30. 5. 84: Erschiessung des Unternehmers Canha E Sá», und so fort. Das ist längst nicht alles: In der Manier des pflichtbewussten Buchhalters nennt Strehle ein Dutzend weiterer Terrorakte, darunter ein Angriff auf «BRD-Militärs». 

Strehle stimmt zu: Politische Gewalt ist inte­graler Bestandteil des sozialistischen Projekts. «Die Aktivitäten der FP-25 erfolgen nicht isoliert von anderen Formen des Klassenkampfes. Die FP-25 kämpfen für die Zerstörung des kapitalistischen Staates durch eine sozialistische Revolution, die sich in allen Strukturen der Arbeiter durch den lang andauernden täglichen Kampf entwickelt.»

Nun könnte man meinen, dass das halt längst vergangene linksradikale Haltungen eines im Marsch durch die Institutionen geläutert in der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» Angekommenen seien. Aber die alten Reflexe spielten auch noch viele Jahre danach.

Ein verpeiltes «Zentrum für politische Schönheit» wagte 2015 die launige Schlagzeile «Tötet Roger Köppel! Köppel Roger tötet!», das Strassenmagazin «Surprise» druckte diesen Mordaufruf ab und der Tagi-Mitarbeiter Andreas Tobler zeigte Verständnis für diesen «Theatermord», er könne als eine Reaktion auf Köppels Auftritt in der Talkshow «Menschen bei Maischberger» im deutschen Fernsehen «verstanden werden», wo er sich «in gewohnt pointierter Manier» geäussert habe.

Der «Tages-Anzeiger» verstand sich den höchsten journalistischen Standards verpflichtet, denen auch der Autor Tobler nachzuleben hätte. Res Strehle sah damals auf Anfrage in diesem «nachrichtlich und nicht reisserisch aufgemachten Beitrag» keine «journalistische Fehlleistung». Im Übrigen sei seine persönliche Meinung, dass der Mordaufruf «geschmacklos» sei.

Immerhin hatte sich seine Haltung zu Mord und Gewalt in der politischen Auseinandersetzung verändert. Aber über seine eigene Verwicklung mit der linksradikalen Szene in Zürich sagt Strehle bis heute nichts – oder nur Beschönigendes. Was er im Fall Bührles aufs schärfste kritisieren würde, erlaubt er sich selbst.

So wird der Bock, mit oder ohne Velo, zum Gärtner gemacht, werden zwei Massstäbe angelegt, feiert typisch linke Heuchelei, Doppelmoral Urständ.

 

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