Angsthase Scholz?

Der deutsche Bundeskanzler wird, wie der Schweizer Aussenminister, als schlapp kritisiert.

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Bundeskanzler Scholz, der Zögerer und Zauderer. Bundesrat Cassis, der nicht mal russische Kriegsverbrechen anprangern will. Dabei sollte man doch endlich schwere Waffen, alles Gerät in die Ukraine liefern, das das Land braucht, um sich gegen die Invasion Russlands zu wehren. Und überhaupt, die Sanktionen, da sollte die Schweiz völlig auf ihre Neutralität pfeifen und noch viel mehr und schärfere anwenden.

Wieso findet immer noch russischer Rohstoffhandel in der Schweiz statt? Gibt es noch einen Oligarchen, der es sich in seiner Villa in Gstaad oder Lausanne oder Genf gutgehen lässt? Gibt es noch russische Künstler, die kein Auftrittsverbot haben? Wann hört man endlich auf, Tschaikowski zu spielen oder Tolstoi zu lesen?

Selbst die sonst so friedlichen und sanften Grünen hören auf, Bäume zu umarmen, und fordern lautstark, dass sich die Schweiz endlich der NATO anschliessen sollte. Selbst CH Media Clanchef Peter Wanner ist auf dem Kriegspfad und fordert in allen seinen Blättern eine «klare Kante» gegen Putin; keine Weichheiten mehr, sich ja nicht erpressen lassen.

Russland ist die grösste Atommacht der Welt? Na und, man weiss doch, wohin Appeasement führt, halbgebildete Historiker sagen nur «München 1938». Da habe man schon einmal Diktatoren nachgegeben, in der Hoffnung damit den Frieden für diese Zeit zu retten. Und ein Jahr später brach Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun.

Also doch lieber klare Kante, und wieso zögert Scholz und eiert so rum? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach, wenn man etwas darüber nachdenkt, mit einem nicht verklebten Hirn. Selbst die «Weltwoche» findet inzwischen, Putin sei nicht ein «Unverstandener», sondern geht der Frage nach, welche Ähnlichkeiten er mit Hitler habe. Sozusagen eine Art Abbitte, dass sich Roger Köppel mal wieder in seinem ewigen Bemühen, gegen den Mainstream zu schwimmen, unter die Wasseroberfläche gedrückt hatte. Es ist halt nie eine gute Idee, einfach zu sagen: Wenn es die anderen so sehen, sehe ich das Gegenteil. Aus Prinzip. Worum geht’s eigentlich? Keine Ahnung, aber viel Meinung.

Nun erklärt sich Kanzler Scholz in einem Interview in aller Klarheit: «Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, die zu einem dritten Weltkrieg führt.» Hoppla, könnte es den geben, und wenn ja, wäre das kein Videospiel? Echt jetzt? Mit echten Toten überall, mit radioaktiver Strahlung und einer Welt, die bestensfalls wie in den «Mad Max»-Dystopien aussähe?

Es gibt nunmal einen Unterschied zwischen Hitler und Putin: der deutsche Massenmörder hatte keine Atombomben. Das macht Putin nicht sympathischer, aber gefährlicher.

Alle, die bereits «Putin-Versteher» denken, dürfen hier gerne mit der Lektüre aufhören.

Denn die nächsten Fragen drängen sich auf: Ist es die Ukraine wert, einen atomaren Schlagabtausch, einen finalen dritten Weltkrieg zu riskieren? Ist es eine gute Idee, für die Ukraine eine militärische Lösung anzustreben? Will man wieder in die Logik der Stellvertreterkriege zurückfallen? Als die USA in Vietnam einfielen, unterstützte das damals noch existierende kommunistische Lager natürlich die Gegner der USA. Als die Sowjetunion sich in Afghanistan engagierte, rüsteten die USA fundamentalistische Wahnsinnige mit Stinger-Raketen aus.

Nun ist Russland in der Ukraine eingefallen und hat sich, wie die USA in Vietnam, wie die UdSSR in Afghanistan, schwer verschätzt, was die Widerstandskraft der Einheimischen betrifft. Die werden nun zunehmend mit westlichen Waffen ausgerüstet, beim schweren Gerät wie Panzer greift man noch auf Bestände der Ex-UdSSR zurück, die in ehemaligen Ostblockstaaten lagern.

Die Ukraine hat einen Eilantrag zur Aufnahme in die EU gestellt. Der Beitritt zur NATO hat sogar Verfassungsrang. Mischt sich der Westen nun immer massiver in die militärischen Auseinandersetzungen ein, kann das in der absurden Kriegslogik bedeuten, dass Putin das ab einem gewissen Punkt mit einem direkten Eingreifen der NATO gleichsetzt. Um das Bild zu vervollständigen, muss man nur noch erwähnen, dass Russland dem Westen bei konventionellen Waffen unterlegen ist.

Wer jeden Versuch einer Verhandlungslösung unter Berücksichtigung der russischen Interessen als unverständliches Appeasement gegenüber einem skrupellosen Diktator denunziert, zeigt damit eine gewisse Realitätsferne. Im Gegensatz zum weltberühmten Linguisten und politischen Aktivisten Noam Chomsky. Mit unglaublicher Luzidität gibt der der «Weltwoche» ein Interview und sagt fundamental richtige Dinge:

«Es gibt nur zwei Möglichkeiten, einen Krieg zu beenden. Entweder mit einer Verhandlungslösung. Oder mit der Vernichtung der einen oder der anderen Seite.»

Was Chomsky auch in aller nüchternen Klarheit konstatiert: «Die USA sind ein Schurkenstaat, der mit grossem Abstand der führende Schurkenstaat dieser Welt ist – niemand kommt auch nur annähernd an uns heran. Und doch fordern wir Kriegsverbrecherprozesse gegen andere, ohne mit der Wimper zu zucken.»

Man sieht, wenn man sehen will: Das mediale Gebelfer und die Forderungen nach mehr Sanktionen, mehr Boykotten, mehr Waffenlieferungen, mehr Flüchtlingen, mehr Kriegsverbrecherprozessen haben nur ein Gutes: solche medialen Forderungen von Leitartiklern abwärts haben null Wirkung. Wer nimmt denn diese Kommentatoren noch ernst. Aber die Berichterstattung lullt natürlich Volkes Stimme ein, setzt eine gewisse Grundströmung in der Bevölkerung.

Und führt beispielsweise, laut Chomsky, dazu, dass über ein Drittel der US-Bevölkerung für einen Krieg bereit sind, selbst wenn das ein Atomkrieg wäre.

Seit es Atomwaffen gibt und seit sie einige Staaten besitzen, sind alle alten Regeln der militärischen Auseinandersetzung ausser Kraft gesetzt. Vor einem atomaren Vernichtungssturm schützte uns bislang nur die banale Erkenntnis: wer hier als Erster schiesst, stirbt als Zweiter.

Ob diese Erkenntnis aber, bei all den Kriegsgurgeln, Sandkastengenerälen, Sandkastenstrategen, in der breiten Bevölkerung die Oberhand behält?

 

 

 

8 KOMMENTARE
  1. René Küng
    René Küng says:

    Es gäbe noch ein paar andere Unterschiede zwischen Hitler und Putin, damals und heute. Deutschstämmige Bevölkerungsgruppen wurden von Polen, der Tschechei, (Österreich !) nicht ab 1930 bombardiert, terrorisiert – bevor Adolf dort einmarschierte.
    Nichts geändert (und ganz im Gegensatz zu ’null Wirkung›) hat sich bei der Mobilisierung der Bevölkerung für Krieg. Und nicht nur Chomsky erschrickt mit der Feststellung von 30% Atomkriegswilligen mit atlantischer Distanz. Im zackbum Forum rufen Lehrer zum totalen Einsatz auf: ‹Oder, meine Präferenz, man stellt sich dem Aggressor mit geballter militärischer Macht entgegen.›
    Anstatt ‹Venetz an die Front› stelle ich mich da lieber noch einmal verbal voll ins Feuer: Herr Zeyer, schützen Sie doch solche Menschen auch vor sich selber – das zackbum Forum als Plattform zum Aufruf für den totalen (europäischen) Krieg, das schmerzt physisch.

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  2. Hans Kunz
    Hans Kunz says:

    Herr Zeyer, Sie irren. Es war nicht der deutsche, sondern der österreichische Massenmörder. Das wird in den Medien seit Jahren kategorisch unterschlagen. Leider liess sich das deutsche Volk von diesem Eingewanderten verblenden.

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    • Ludwig Detusch
      Ludwig Detusch says:

      Das ist gehupft wie gesprungen – Österreich und Deutschland gehören in diesem Fall in denselben Sack. Hitler fühlte sich (wie viele damalige Deutsch-Österreicher) als Deutscher, die Reichsdeutschen akzeptierten ihn als Deutschen und er erhielt am 25. Februar 1932 auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Kann man noch deutscher sein? Vermutlich nur als Jurist und Erbsenzähler.

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  3. Leni
    Leni says:

    Scholz und Cassis steigen, was diese Dinge angeht, täglich in meiner Achtung.

    Tatsächlich hatte ich noch nie so deutlich wie in den letzten Wochen das Gefühl, dass die ganze Welt spinnt. Man kann doch nicht einfach völlig gedankenlos einen Welt- und/oder Atomkrieg herbeirufen wollen. „Ja notfalls, wenn es eben nicht anders geht… blabla“. Ja bestimmt.

    Nichts für ungut, aber ich hänge an meinem Leben und dem meiner Kinder und meiner Liebsten. Und ich glaube auch einfach nicht, dass alle, die zur Zeit so dumm daherreden, bereit sind, ihr eigenes Leben und das ihrer Nächsten zu opfern oder als traumatisierte Kriegskrüppel oder monatelang in einem Bunker inmitten einer atomar verstrahlten Welt zu leben.

    Ich habe sehr wohl die Berichte meiner Eltern (damals noch Kinder) und meines Grossvaters (jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft) darüber im Kopf, was Krieg bedeutet. Mit Heldentum hat das alles nichts zu tun.

    Danke für den Artikel.

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      • Leni
        Leni says:

        Putin ist nicht Hitler.
        Und die Gefahr eines Atomkriegs bestand in der Form damals auch noch nicht.

        Ich finde diese nun einsetzende „unglaubliche Betroffenheit“ auch in gewisser Weise sehr merkwürdig,
        Weltweit werden täglich Menschen in Kriegsgebieten vertrieben und gefoltert, Frauen werden brutal vergewaltigt und Kinder verhungern und sterben. Juckt kein Schwein, ist ja weit weg und wird auch nicht im Fernsehen gezeigt (es sei denn, die Geflüchteten wollen hierher kommen, dann heisst es: „Das Boot ist voll!“. Damit hat man hier schon das Todesurteil für unzählige Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg unterschrieben).

        Die Alternative besteht auch m.E. nicht aus „Sichzurücklehnen“ oder „militärische Aggression mit aller Gewalt“, sondern aus dem Weg der Verhandlungen.

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      • Beat Morf
        Beat Morf says:

        Weil sie eben nicht so gedacht haben, ist Er im Führerbunker und die Übrigen auf dem Schlachtfeld gestorben.
        Venetz lesen Sie ihren Osteraufsatz nochmal.

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