Kann man weise werden?

Man kann’s zumindest versuchen und einem Leitmotiv nacheifern.

Von Adrian Venetz 
Was haben wir Schüler uns gelangweilt, als im Unterricht wieder mal ein Reclam-Büchlein auf den Tischen lag. Nach Goethe, Kleist und Schiller war diesmal ein gewisser Lessing an der Reihe. «Nathan der Weise» hiess das Stück. Wir lernten den Blankvers kennen, doch wussten wir wenig anzufangen mit diesem seltsamen Stil. Ein 16-Jähriger interessiert sich für vieles, aber gewiss nicht für den fünfhebigen Jambus. Dass das Stück schon tausendfach, landauf, landab zu Tode interpretiert wurde, machte die Sache nicht besser. Teenager wollen Neuland erkunden und nicht über Versen brüten, die älter sind als ihre Ururgrosseltern. Als dann eine Prüfung anstand, machte ich es wie immer: Ich bat die Streber in den vordersten Bänken um ihre Notizen und Zusammenfassungen. Gelesen hatte ich «Nathan der Weise» natürlich nicht. Ich hatte weiss Gott Besseres zu tun. Und ich war ein Meister darin, Prüfungen mit Minimalleistungen knapp zu bestehen. Von Nathan in Erinnerung geblieben war mir nur irgendwas mit einer Ringparabel. Offenbar war die wichtig.
Ein gutes Jahrzehnt später stand ich selbst als Deutschlehrer vor einer Schulklasse. Der Lehrplan kannte noch immer keine Gnade. Da war er wieder, dieser «Nathan». Das stets Vermiedene wurde unvermeidlich: Ich musste das Stück lesen. Wenn ein Lehrer mit seinen Schülern ein literarisches Werk behandelt, macht es sich gut, wenn der Lehrer das Werk kennt. Und so nahm ich mir an einem Wochenende Zeit für den «Nathan». Ich kämpfte mich durch die Seiten und entschied mich, den Schülern die Wahrheit zu sagen: dass man dieses öde Stück halt gelesen haben sollte, aber dass es im Grunde prätentiöser Blödsinn ist. Kommt hinzu: Ich wollte ein cooler Lehrer sein, und indem ich mich über Lessing lustig machte, holte ich gewiss Pluspunkte bei den Schülern.
Welche Kraft den Worten innewohnt
Trotzdem: Lesen musste ich es. Ich kämpfte mich weiter durch die Seiten. Und dann kam eben diese Ringparabel. Sie wissen schon: die Ringe als Religionen. Alle sind gleich, alles ist gut. Blabla. Ich gelangte zu jener Stelle, in der folgender Vers steht:
«Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach.»
Dann geschah es. Unvermittelt schnürte es mir den Hals zusammen. Tränen schossen mir in die Augen. Auf einen Schlag wurde mir bewusst, welche Kraft diesen Worten innewohnt. Wie schlicht sie sind! Und wie mächtig! Heute, 20 Jahre später, vergeht noch immer kaum ein Tag, an dem ich nicht daran denke: «Es eifre jeder seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach.» Der Satz ist eine Art Leitmotiv in meinem Leben geworden. Vermutlich, weil ich selbst am besten weiss, wie verdammt schwer es ist, das Handeln danach auszurichten.
Als ich den Schülern damals meine Begeisterung über die Ringparabel kundtat, ihnen zeigen wollte, wie hell und klar dieses Stück Literatur strahlt, blickte ich in ratlose, gelangweilte Gesichter. Mich ärgerte ihre Nonchalance, ihre Ignoranz, und so schickte ich mich an, ihnen die nachfolgenden Zeilen laut vorzulesen. «Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring› an Tag zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf›!» Ich kam nur bis zu «Sanftmut». Danach nahm es mir die Stimme. Ich schämte mich in Grund und Boden und musste einsehen, dass ich ein uncooler Lehrer war. Und dass sich 16-Jährige für vieles interessieren, aber gewiss nicht für den fünfhebigen Jambus.
Sanftmut, herzliche Verträglichkeit, Wohltun. Zum tausendsten Mal lese ich die Verse und zum tausendsten Mal ergreifen sie mich. Ich bin nicht religiös. Und doch dient mir die Ringparabel als Wegweiser für mein Leben. Sie holt mich stets auf den Boden zurück, wenn ich wieder mal – auch hier auf ZACKBUM – mit meinem grenzenlosen Zynismus und mit Angriffslust vorgebe, es besser zu wissen als alle anderen; wenn ich so tue, als wäre mein Ring der echte, jener, der die Wahrheit in sich trägt. Niemand trägt diesen Ring der Wahrheit und Unumstösslichkeit, egal ob wir über Corona, die Ukraine oder die Qualität der Medien streiten. Und so möchte ich diese kurze Osterpause auf Zackbum nutzen, um uns die Bedeutung und die Macht der Verse Lessings vor Augen zu halten, diese vielleicht einzig sinnhafte Wahrheit – auf dass Sanftmut, herzliche Verträglichkeit und Wohltun am Ende stets obsiegen mögen über die düsteren Regungen des menschlichen Gemüts. Vergessen wir das nie.
1 reply
  1. Leni
    Leni says:

    In dem Zyniker steckt ein sehr feinfühliger, nachdenklicher Mensch, das merkt man ziemlich schnell. Und dieser Beitrag zeigt es einmal mehr.
    Ich könnte aber auch anders formulieren: Wer Hunde liebt, kann kein schlechter Mensch sein 😉
    Meine Motivation ist im Gegensatz zu Ihrem der religiöse, genauer der christliche. Dennoch bemühe ich mich, im Sinne der Ringparabel für die Toleranz innerhalb und ausserhalb der Religionen einzutreten (wobei ich angesichts von manchem, was man so lesen muss, auch öfter an meine Grenzen komme und dann zu Ironie neige).
    Als Schülerin fand ich die Ringparabel übrigens toll. Heute wehre ich mich gegen eine Verkitschung des Inhalts. Sprachlich ist sie immer ein Genuss.
    Danke für dieses sehr ehrliche und auch persönliche Statement.

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