Steile Lernkurve nach unten

CH Media haut Blick-TV – völlig uneigennützig. Blick-TV keilt zurück. Völlig unnütz.

Die grossen Medienclans der Schweiz setzen auf unterschiedliche Strategien. Ringier auf internationalen Gemischtwarenladen mit hohem Digitalanteil. TX Group auf nationalen Gemischtwarenladen mit streng getrennten Profitcentern, die alle den gleichen Profitansprüchen genügen müssen. Sonst wird gespart, bis es kracht.

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CH Media setzt mehr auf die elektronische Karte. Keine grossen Handelsplattformen, dafür das grösste Kopfzeitungsmodell der Schweiz plus Radio und TV. Lassen wir die NZZ mal aussen vor.

Von dort kommt Francesco Benini, der wohl gerne Chefredaktor der NZZaS geworden wäre. Allerdings stand ihm Jonas Projer in der Sonne, der wiederum von «Blick TV» eingewechselt wurde. Also mindestens zwei Gründe für Benini, auf CH Media genau diesem TV-Experiment Ringiers kräftig eins über die Rübe zu geben.

«Die Erwartungen waren hoch – aber das Interesse klein: Blick-TV als Fernsehsender ist gescheitert», titelte CH Media am Freitag. Von 17 Nachrichtensendungen am Tag sei das Angebot auf drei geschrumpft. Zusammenfassung: «Blick-TV wollte ein lineares Fernsehen sein und produziert nun vor allem Abrufvideos.»

Auch der Markt habe nicht wie erwartet reagiert, schreibt Benini: «Mitarbeiter berichten, dass die Nutzerwerte für die Angestellten anfänglich sichtbar gewesen seien. Als sich herausgestellt habe, dass das Publikumsinteresse gering sei, hätten die Vorgesetzten die Statistik verschwinden lassen.»

Also alles in allem dürfte sich die «Herzensangelegenheit» des Ringier-CEO Marc Walder bald versenden, vermutet Benini: «Auch das Erreichen der kommerziellen Ziele rückte in weite Ferne. Für Blick-TV investierte Ringier einen Millionenbetrag – die genaue Summe nennt das Unternehmen nicht. Schon nach weniger als einem Jahr war klar, dass das Projekt redimensioniert werden muss. Marc Walder hatte Blick-TV am Anfang drei Jahre Zeit gegeben, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Die Vorgabe stellte sich schnell als unerreichbar heraus.»

Eine vernichtende Kritik kann noch verstärkt werden

Vernichtend, lässt sich das noch steigern? Aber ja. Dann, wenn die ansonsten unsichtbare Oberchefin der «Blick»-Gruppe das Wort ergreift. Richtig, die Rede ist von Ladina Heimgartner, Mitglied «Executive Board», «Head of Global Media» und «CEO der Blick-Gruppe».

Die Dame mit der ausklappbaren Visitenkarte fiel das letzte Mal unangenehm auf, als sie sich im verloren gegangenen Abstimmungskampf um die Medienmilliarde mit einer Meinungskolumne zu Wort meldete. Böse Zungen behaupten, dass sie damit einen kleinen, aber feinen Beitrag zur Ablehnung an der Urne leistete.

Sie ernannte damals das Geschenk an notleidende Medienclans kurzerhand zur «überlebenswichtigen Übergangslösung». Das veranlasst natürlich die Frage, ob nun Ringier und gar auch Heimgartner nicht länger überlebensfähig sind. Es gibt immerhin zwei Gründe, an der Zukunft von Ringier zu zweifeln. Eben das Fehlen dieser überlebenswichtigen Hilfe. Und das Wirken von Heimgartner.

Die wirft sich nämlich für «Blick-TV» in die Bresche, wobei sie als ehemalige TV-Frau auch eigentlich die nötigen Voraussetzungen mitbringen sollte. Mangels anderer Angebote ergreift sie dafür gerne die Gelegenheit, auf persoenlich.com zurückzuschlagen. Und wie: «Der Artikel ist in weiten Teilen tendenziös und in einigen Punkten sogar schlichtweg falsch». Zack und bum.

Falsch ist falsch. Oder so

Nun macht Heimgartner allerdings etwas, was wohl selbst beim Rätoromanischen TV nicht gern gesehen würde: sie dementiert Behauptungen, die gar nicht im Artikel aufgestellt wurden : «Unsere Zahlen sind so hoch wie nie, das gilt für die Views bei Breaking-News im Live und erst recht bei Videos on Demand (VoD).» Benini hat nicht das Gegenteil behauptet. Nur, dass die Messung der Zuschauerzahlen verschwunden sei. Und neue, konkrete Zahlen nennt Heimgartner nicht. Schliesslich habe man die Rechte an der Übertragung von Eishockey-Matches erworben, führt Heimgartner weiter ins Feld; «würden wir dies tun, wären die Zahlen schlecht? Sicher nicht».

Wir können dem Fettnäpfchen nicht ausweichen, dass es sich hier wohl um angewandte weibliche Logik handle. Denn der Erwerb von Ausstrahlungsrechten kann sowohl ein Zeichen für Wohlergehen wie auch für die Suche nach mehr Reichweite sein.

Dann lehnt sie sich bar jeder Logik weit aus dem Fenster: «Blick TV wollte nie ein linearer Fernsehsender sein, sondern war von Beginn an als Digitalangebot mit Fokus auf mobile Nutzung gedacht und wurde auch so beworben.»

Vielleicht sollte zur steilen Lernkurve von Heimgartner gehören, nicht linear dem Oberchefredaktor Christian Dorer zu widersprechen. Der sagte nämlich zur Lancierung von «Blick-TV»: «Blick TV wird zum CNN für die Schweiz: Es ist der erste Breaking-News-Sender des Landes, die Zuschauerinnen und Zuschauer erhalten News, Einordnung, Analysen und Unterhaltung – also alle bisherigen BLICK-Themen in TV-Form.»

Linear oder digital oder so

Nun ist CNN doch eher ein linearer TV-Sender, und genau den wollte «Blick-TV» nachahmen, indem verkündet wurde, dass es von 6 bis 23 Uhr zu jeder vollen Stunde «eine neue Sendung mit den aktuellsten Top-News» gebe.

Nach dieser verlorenen Schlacht weiss auch Heimgartner, dass Angriff die beste Verteidigung ist und keilt noch zurück. Man habe schliesslich dazugelernt: «Wer diese Lernkurve als Zeichen für «Scheitern» werte, habe die Grundregeln der digitalen Transformation nicht verstanden, so Heimgartner weiter. «Eine steile Lernkurve ist für uns ein Zeichen von Stärke. Wir sind stolz darauf.»»

17 Stunden Live-Programm wurde versprochen. Das riecht nach linear, sieht wie linear aus und ist linear. Oder war’s. Ist das vielleicht peinlich, wenn sich eine TV-Frau an den Begrifflichkeiten vergreift. Statt einfach zuzugeben: falsch gestartet, rumgerudert, neue Versuche. Lernkurve eben, allerdings bei horrenden Kosten. Besonders resilient, um ihren Lieblingsausdruck zu verwenden, scheint das nicht zu sein. Sie selbst ist’s allerdings sehr.

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