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Mein Geld, dein Geld

8. April 2022/0 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Ist Russland bald pleite? Oder nicht? Die Medien machen Ramschverkauf.

Das Schöne an der sogenannte freien Presse ist: sie ist weitgehend frei von Kenntnissen. Selbst banale wirtschaftliche Fragen werden so oder so beantwortet.

Nehmen wir die nun nicht allzu schwierige Frage, ob Russland in eine Staatspleite schlittert oder nicht. Sollte man eigentlich beantworten können. Kann man. «Die Welt» ist sich sicher: «Moskaus Pleite steht unmittelbar bevor». Zwar im vorsichtigen Journalisten-Konjunktiv, aber dennoch mit klarer Zeitangabe: «Schon Anfang Mai könnte das nach Fläche größte Land der Welt als international zahlungsunfähig dastehen.»

Klare Prognose der «Welt»: nicht bald, sondern jetzt.

Da der Journalist weiss, dass seinem Sachverstand der Leser nicht unbedingt traut, zitiert er einen Fachmann: ««Investoren bekommen nicht ihr Geld. Ein Default ist ein Default», kommentiert Timothy Ash, Schwellenländerstratege bei Bluebay Asset Management.»

Nicht gegen diesen Schwellenländerstrategen, aber worin besteht genau dessen Qualifikation?

Der Verfasser des Artikels will dann doch auf Nummer sicher gehen und endet, im klaren Widerspruch zur Headline: «Beobachter weisen allerdings darauf hin, dass die Wertentwicklung des Rubels nicht zu einem Bankrott des Landes passen will. Die russische Währung notiert in Dollar und Euro jetzt wieder so hoch wie Ausbruch des Kriegs.» Kann man also so oder so sehen.

Wenn’s in der SZ steht, steht’s auch in Tamedia

Was die «Welt» weiss, echot natürlich auch die «Süddeutsche Zeitung»: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher.» Und das bedeutet, wir ahnen es, genau, dass das wirtschaftliche Kompetenzzentrum Tamedia hinter seiner Bezahlschranke weiss: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher». Hm, kongenial zum gleichen Resultat wie die SZ gekommen? Nein, Artikel per copy/paste übernommen und gegen Entgelt in der Schweiz angeboten.

Das Original in der «Süddeutschen».

Die Originalkopie von Tamedia. Man beachte die neu formulierte Headline …

Wenn es den Begriff journalistische Pleite gäbe, hier wäre er angebracht. Fröhlich gegen den Strom schwimmt wie meist die «Weltwoche». Hier weiss ein Peter Hänseler: «Es wird wohl einige Augenblicke dauern, aber alles Zwängen und Drohen des Westens wird nichts nützen. Russland wird seine Rohstoffe in Zukunft in Rubel verkaufen, was den Rubel stärken wird.» Er sieht die Zukunft ganz anders, nämlich rosig für den Rubel:

«Die erlassenen Sanktionen tun Russland zwar kurzfristig weh, die Konsequenzen für den Westen haben jedoch das Potenzial, die gesamte westliche Wirtschaftsordnung aus den Angeln zu heben und somit die Vorherrschaft des Westens zu beenden und durch ein System abzulösen, das ohne exorbitante Privilegien auskommt.»

Kann man so, so oder soso lala sehen

Dazu muss man wissen, dass laut WeWo Hänseler ein «Schweizer Anwalt und Unternehmer» sei, der seit 25 Jahren in Russland tätig sei und seit einem Jahr in Moskau lebe. «Er ist dort nicht erwerbstätig und pflegt keinerlei Kontakte zu Politik oder Grossfinanz.»

Nicht der Rubel, der Dollar ist am Ende. Meint der WeWo-Autor.

Lassen wir das einmal so stehen; man kann natürlich auch in Moskau dem süssen Nichtstun nachgehen und in der WeWo einen Artikel nach dem anderen absondern. Von dort weiss er Erstaunliches von seinen Gesprächen in seinem Bekanntenkreis zu berichten: «Einig sei man sich in der Einschätzung, dass der sogenannte Euromaidan 2014 ein amerikanischer Coup gewesen sei.» Daher kritisiere man auch in Moskau Putin: «Meine Gesprächspartner finden, Putin hätte bereits 2014 in der Ukraine eingreifen sollen.»

Immerhin, das Leben in der russischen Hauptstadt ist angenehm: «Gab es vor einem Vierteljahrhundert ein paar wenige und völlig überteuerte Restaurants in dieser Stadt, sind es heute über 20 000. Für jeden Geschmack, jede Küche und jedes Budget gibt es eine riesige Auswahl.» Aber nicht nur Gourmetfreuden hält Moskau bereit: «Die russische Seele ist so warm, dass der sibirische Winter keine Chance hat.»

Die russische Sääle lääbt

Ach, wussten wir es doch immer schon. Raue Schale, weicher Kern, ab der zweiten Flasche Wodka wird der Russe sentimental und umarmt jeden Fremden mit Tränen in den Augen: Druzhba (Freundschaft), Nasdrovje (Prosit), drug (Freund).

Einem solchen Schwurbler vertraut die WeWo ihre Berichterstattung über die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen an. Man muss leider sagen, dass Roger Köppel in dieser Angelegenheit ein unglückliches Händchen hat. Wie schon damals bei der UBS, deren Krise er für beendet erklären liess – am gleichen Tag, als die Bank um Staatshilfe betteln musste –, liess er eine andere Koryphäe am Tag des Überfalls auf die Ukraine sülzen, dass Putin nun wirklich im Westen ganz furchtbar missverstanden werde.

Denn der Totalversager Putin verkörpere «Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen», wusste Köppel damals.

Damit ist die Frage auch nicht beantwortet, ob Russland nun pleite geht oder der Rubel die neue Leitwährung wird? Richtig, doch dazu braucht es einen gesonderten Artikel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlagworte: Pleite, Prognose, Russland, Süddeutsche Zeitung, Tamedia, Weltwoche
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