Die Krise der Intellektuellen

Gerade wenn man sie bräuchte, verlieren sie ihre wichtigste Fähigkeit.

Für manche ist es ein Schimpfwort, für andere eine Auszeichnung. Eine richtige Definition gibt es eigentlich nicht; ein Intellektueller ist wohl ein gebildeter, kompetenter Mensch mit allgemeinen oder speziellen Kenntnissen, der sich meistens öffentlich kritisch oder zustimmend äussert.

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Vor allem aber sollte es jemand sein, der zu Differenzierungen fähig ist. Also das Gegenteil vom «terrible simplificateur», der sich in der Lage sieht, auch komplexeste Zusammenhänge auf ein einfaches Schwarzweiss runterzuhacken. Die Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis. Die Wirtschaft. Der Umweltschutz. Der Krieg in der Ukraine. Der Simplizist hat die einfachen, daher eingängigen Antworten.

Er braucht nicht mal ein Narrativ, Schlagwörter reichen. Wertungen laden sie zusätzlich und zwecks noch deutlicherer Erkennbarkeit auf. Als weiteres Mittel aus dem Nähkästchen der furchtbaren Vereinfachung kommt die Personalisierung zum Einsatz. Womit wir im Ukrainekrieg ein Erklärungsmodell gebastelt hätten, das hermetisch dicht, einfach, verständlich, für jeden überblickbar ist.

Mach’s einfach, mach’s falsch

Hier kämpft der böse Putin, der Schlächter, Wahnsinnige und Kriegsverbrecher, gegen den guten Selenskij, der Held, Staatsmann, der mutige Krieger.

Eigentlich wäre es nun die Aufgabe des Intellektuellen, dieses holzgeschnitzte, unzulängliche Abbild der Realität zu hinterfragen. Denn wenn etwas aus vielen tausend Jahren der betrachteten Geschichte und Gegenwart klar ist: es gibt nie Schwarzweiss. Die Wirklichkeit ist immer bunt, kompliziert, widersprüchlich, verwirrend.

Nun könnte man einwenden, dass es doch nicht jedem hirnwindungsmässig gegeben ist, nicht jeder Zeit für komplizierte Erklärungen komplexer Zusammenhänge hat. Schliesslich müsse auch ein ganzes Schlachtfeld wie die Ukraine in einem dreiminütigen Beitrag in der «Tagesschau» Platz finden. Eine Antwort in einem Soundbite von 15 Sekunden. Alles andere würde doch zu weit führen.

Man könnte eine Schwarzweiss-Welt für die Massen durchaus neben einer bunten Welt für freischwebende Intellektuelle unkommentiert lassen. Wenn solche Holzschnitzereien eben nicht immer zu gefährlichen Fehlschlüssen führen würden. Die Bewohner dieser einfach gestrickten Weltbilder nicht immer wieder ratlos zurückliesse, wenn es sich herausstellt, dass die Wirklichkeit eben nicht so einfach ist.

Die umgekehrte Beweisführung 

Das Dasein eines Intellektuellen sollte sich eigentlich – neben herausragender Wissensakkumulation und Fähigkeit zur Analyse – dadurch auszeichnen, dass er Fragen viel interessanter als Antworten findet. Dass Schwarzweiss spontan Allergie auslöst. Dass der Intellektuelle auch nicht davor zurückschreckt, unbequeme Frage zu stellen, gegen den Strom zu schwimmen. Dabei auch durchaus bereit ist, Irrtümer auf dem Weg zur besseren Erkenntnis in Kauf zu nehmen.

Zu diesem Besteck gehört so etwas Banales wie die in der Mathematik heimische umgekehrte Beweisführung. Also statt zu beweisen, dass etwas so ist, beweist man, dass das Gegenteil nicht sein kann. Die indirekte Beweisführung.

Das könnte zum Beispiel als Denkanlage sein: mal angenommen, Putin ist nicht ein wahnsinniger Schlächter, der im Blutrausch Länder überfällt, sie zerstört und von der Wiederherstellung eines zaristischen Imperiums träumt. Wenn er das nicht wäre, was ist er dann? Was will er? Was wäre für ihn ein Triumph?

Dagegen könnte man einwenden: was soll das, wozu soll das nützen, das ist doch einfach sinnlose Gedankenspielerei, überflüssig wie ein zweiter Kropf. Aber auch dieser Einwand ist krachend falsch. Wenn es gelingt, die wirkliche Motive und Gründe des Handelns von Putin aus ihm heraus zu erklären, kann man sich sinnvoll überlegen, mit welchen Angeboten man die Katastrophe in der Ukraine möglichst schnell beenden kann.

In Krisenzeiten werden Intellektuelle schwach

Denn es gibt ja nicht umsonst den Begriff des Pyrrhus-Sieges. Wenn also der Krieg, die Schlacht gewonnen wird, aber der Frieden, die Folgen sind schlimmer als eine Niederlage. Ein handliches und aktuelles Beispiel, wie sich Intellektuelle nützlich machen könnten.

Es ist aber auch aus der Geschichte bekannt, besonders hässlich und widerlich in den beiden Weltkriegen sichtbar, dass sich viele Intellektuelle in Krisenzeiten den Simplifizierern anschliessen. Statt Nachdenklichkeit und Analyse Hurrapatriotismus. Statt Zweifel und Fragen gebrüllte Antworten.

Natürlich gab es immer Widerstandsnester von Intellektuellen, die sich der allgemeinen Hysterie nicht anschlossen. Sie wurden immer beschimpft und niedergemacht, nicht zuletzt als Vaterlandsverräter, Helferhelfer des Feindes, Versteher und Schönredner. Erst im Nachhinein wurden sie gelegentlich als aufrechte Kämpfer rehabilitiert.

Auch heute steigt die Hysterie stündlich, schwindet der Platz für um Erkenntnis ringende Debatte. Auch kleine Würstchen spüren plötzlich den Mantel der Geschichte um sich wehen, blubbern von Zeitenwende, historischem Bruch und tun so, als wäre noch nie geschehen, was gerade geschieht. Das gibt ihnen den Anschein von Bedeutung, von Wichtigkeit. Ein Trugbild wie Schatten an der Wand.

Besonders widerlich sind dabei die Zeitgeist-Surfer, die gelenkig gängige Narrative bedienen und sich damit eine Position als «Spezialist», «Koryphäe», «Soziologe», «Russland-Kenner» erobern. Denn schlimmer als Schwarzweissschnitzer sind Intellektuelle, die mitschnitzen, statt ihre eigentlich Aufgabe wahrzunehmen. Nachzudenken, Fragen zu stellen, Erkenntnisse gewinnen, im Steinbruch der Wirklichkeit, die alles ist. Ausser schwarzweiss und simpel.

3 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Es braucht noch einige Zeit bis sich die Intellektuellen trauen bei der Ukraine, dem mässig funkionierenden Staatsapparat und der teilweise korrupten Elite, genau hinzuschauen. Noch sind sie in der Betroffenheitsschlaufe, wie viele JournalistenInnen die täglich zuhauf mehrere Seiten ohne wirklich neue Erkenntnisse produzieren.

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  2. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Wo es ganz sicher keine Intellektuellen gibt, sind die heutigen Redaktionen unserer Medien mit Ausnahme eines Wochenblatts. Schmerzlich ist der geistige Absturz besonders der NZZ, die sich in der Ukraine-Krise vom links-populistischen Tagi durch nichts mehr unterscheidet. Früher hatte man die NZZ im Restaurant mit einem gewissen Stolz aufgeschlagen. Man wähnte sich ein bisschen zu den Intellektuellen zu gehören. Macht aber nichts, denn heute schaut man aufs Handy.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Bei der Ausnahme kann ich nur raten, die Weltwoche? Wen ja erstaunt das weil ihr intellektueller Anspruch sehr tief ist! Da gibt es wirklich keinen Unterschied zu anderen Redaktionen, ausser die einen beackern den linken Kuchen, die anderen den rechten!

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