Dr. Strangelove lebt

Der richtige Moment, an einen genialen Film zu erinnern.

ZACKBUM versteht sich nicht zuletzt als bürgerliche Bildungsanstalt. Wir versuchen immer wieder, bedenkliche Lücken und Krater in der Allgemeinbildung der Leserschaft im Allgemeinen und von Medienschaffenden im Speziellen zu schliessen.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Mit gelegentlichen Hinweisen auf Egon Erwin Kisch, Lincoln Steffens, Kurt Tucholsky, Karl Kraus, Joseph Roth, Carl von Ossietzky und andere unerreichbare Vorbilder. Da ist bei den Journalisten meistens Hopfen und Malz verloren; selbst der geschenkte Kindle verstaubt in der Ecke, ein reales Buch, das hat meist mehr als sieben Siegel.

Also probieren wir es doch visuell, im Zeitalter von YouTube. Ein genialer Film des in einer Liga für sich spielenden Stanley Kubrick aus dem Jahre 1964 hat niemals seine Aktualität verloren. Aber seit der Invasion in der Ukraine bekommt er geradezu prophetische Gaben.

Wir sprechen natürlich von «Dr. Strangelove or: how I learned to stop worrying and love the bomb». Schon zu Zeiten des Kalten Kriegs konnte man der gegenseitigen Fähigkeit der beiden Supermächte USA und UdSSR, sich gegenseitig und dabei die ganze Welt zu vernichten, nur mit einer Satire beikommen. Denn wie sonst sollte man das Prinzip beschreiben, das der Welt das Überleben garantierte, dessen Abkürzung nicht umsonst MAD (für verrückt) lautete: mutual assured destruction. Gegenseitig versicherte Zerstörung, Gleichgewicht des Schreckens, oder einfach:

Wer zuerst auf den roten Knopf des Atomschlags drückt, stirbt als Zweiter.

Peter Sellers als US-Präsident.

In handlichen 93 Minuten wird diese Story erzählt: der geistesgestörte und impotente US-General Jack D. Ripper (Sterling Hayden in seiner wohl besten Rolle) erteilt den ihm unterstellten B-52-Bombern den Befehl, die Sowjetunion mit Atombomben anzugreifen. Im War Room wird daraufhin der US-Präsident davon unterrichtet (eine der insgesamt vier Rollen von Peter Sellers). Ein wilder General (grossartig George C. Scott) schlägt vor, gleich alles hinterherzuschicken, um die Chance zu ergreifen, die Roten ein für alle Mal fertigzumachen.

Sterling Hayden als Jack D. Ripper.

Unaufhaltsam dem Ende entgegen

Der Präsident informiert stattdessen die Sowjetunion über den Fehlangriff. Die teilt aber mit, dass sie eine Weltvernichtungsmaschine konstruiert habe, die auf einen solchen Angriff automatisch und nicht aufhaltbar mit dem totalen atomaren Gegenschlag reagieren würde. Daraufhin wird der Luftwaffenstützpunkt des verrückten Generals zurückerobert, und es gelingt, den Code für den Rückruf der Richtung UdSSR fliegenden Bomber zu behändigen.

Peter Sellers als Captain Kong.

Alle kehren daraufhin um, aber das Flugzeug des texanischen Captains «King» Kong wurde von einer Abwehrrakete getroffen, die seine Funkanlage zerstörte. Also fliegt die Maschine weiter. Kong löst höchstpersönlich den Abwurf der Atombombe aus, sitzt rittlings auf ihr und schwingt dabei seinen Cowboyhut.

Peter Sellers als Dr. Seltsam.

Währenddessen hat im War Room Dr. Seltsam seinen grossen Auftritt. Der ehemalige Nazi, nun im Dienst der USA, sitzt im Rollstuhl und erklärt, wie es möglich sein wird, in Bergwerken zu überleben und dort in den nächsten hundert Jahren die Zukunft der US-Gesellschaft zu sichern. Gelegentlich reckt er seine rechte Armprothese zum Hitlergruss, und am Schluss seines Vortrags stemmt er sich aus dem Rollstuhl und schreit: «Mein Führer, ich kann wieder gehen.»

George C. Scott als wilder General.

Der Film endet, untermalt vom Kriegsschlager «We’ll meet again», mit einer apokalyptischen Abfolge von Atombombenexplosionen.

Das war der Moment, wo die Satire ihre volle Wucht entfaltete. Denn gekitzelt von einer dichten Abfolge satirischer Szenen, die immer wieder Gelächter auslösen, bleibt dem Zuschauer hier das Lachen in der Kehle stecken.

Peter Sellers als englischer Verbindungsoffizier mit Ripper.

Denn alle Archetypen solcher Entscheidungen sind in diesem Film versammelt. Der impotente General, der willige Befehlsempfänger, der rücksichtslose Feldherr, der mit Skrupeln beladene oberste Entscheider, der verrückte Wissenschaftler. Vor allem aber die geradezu maschinell-präzise Verkettung sogenannter unglücklicher Umstände, die am Schluss zum unvermeidlichen Ende im atomaren Feuersturm führt.

Der Film ist, ein schwerer Schlag für die Gratis-Generation, im Internet nicht umsonst zu haben, kann aber mit wenigen Handgriffen gekauft und gestreamt werden. Diese anderthalb Stunden seien jedem (und jeder, auch Non-Binäre sind inkludiert) ganz warm ans Herz gelegt.

Peter Sellers als der verkörperte Wahnsinn.

Ähnlichkeiten mit realen Personen und Ereignissen sind nicht zufällig

Man sollte sich an den Film erinnern, wenn man den ukrainischen Präsidenten hört, der eine No-Fly-Zone über der Ukraine fordert, durchgesetzt von der NATO. Die das (bislang) zurückweist, weil es eine direkte Konfrontation mit Russland bedeuten würde. Man sollte sich daran erinnern, wenn der polnische Vizeregierungschef Kaczynski eine «NATO Friedensmission» fordert. Konkret ein bewaffnetes Eingreifen von NATO-Truppen auf dem Territorium der Ukraine.

Denn leider ist es so, dass alle die von Kubrick karikierten Typen von Entscheidungsträgern nicht nur schwarzweiss in diesem Film existieren. Sondern auch heute in Fleisch und Blut. Farbig in der Realität, aber genauso durchgeknallt wie Dr. Seltsam und Konsorten. Natürlich, dazu gehört auch der russische Präsident Wladimir Putin, zuvorderst sogar.

Denn er ist jetzt schon der grosse Verlierer, unabhängig davon, ob er den Krieg militärisch gewinnt oder nicht. Und Verlierer neigen zu irrationalen Reaktionen. Genau wie Kriegsgurgeln im Westen, während der ukrainische Präsident wenigstens mildernde Umstände bei seiner Forderung geltend machen kann. Deren Umsetzung aber die Welt ebenfalls einen kräftigen Schritt näher an die atomare Zerstörung bringen würde.

Denn was in diesem Film ganz harmlos beginnt, ist auch heute oberflächlich betrachtet harmlos. 2000 Kilometer von der Schweiz entfernt (24 Autostunden, ohne Schikanen) herrscht Krieg, wird um die Hauptstadt Kiew gekämpft. Lokal, ohne Einsatz von Atomwaffen. Gefährlicher war schon die Eroberung eines ukrainischen AKW, von denen es noch – neben Tschernobyl – drei weitere gibt. Deren mögliche Zerstörung würde eine atomare Katastrophe auslösen.

Oberhalb davon ist der Mechanismus der gegenseitigen Eskalation, die auch mal MAD ausser Kraft setzen kann. Denn MAD ist schon verrückt, aber richtig Verrückte könnten sich auch verleitet sehen, tatsächlich einen atomaren Schlagabtausch zu riskieren. Vielleicht sollte man daher den Film nicht am späten Abend schauen …

4 KOMMENTARE
  1. Niklaus Fehr
    Niklaus Fehr says:

    Ein Nachtrag zu besagtem Film. Wer von Dr. Strangelove noch nicht genug hat, dem sei ein zweiter Film mit dem genau gleichen Thema empfohlen. Ebenfalls von 1964, aber ohne überspitzte Satire: «Angriffsziel Moskau» (Originaltitel: Fail-Safe). Leider kann der nicht so einfach gratis angeschaut werden. Ich habe es geschafft, aber nur mit etwas Aufwand auf einer illegalen Seite. Darum hier keine Anleitung.

    Antworten
  2. Leni
    Leni says:

    Das hier:
    „Man sollte sich an den Film erinnern, wenn man den ukrainischen Präsidenten hört, der eine No-Fly-Zone über der Ukraine fordert, durchgesetzt von der NATO. Die das (bislang) zurückweist, weil es eine direkte Konfrontation mit Russland bedeuten würde. Man sollte sich daran erinnern, wenn der polnische Vizeregierungschef Kaczynski eine «NATO Friedensmission» fordert. Konkret ein bewaffnetes Eingreifen von NATO-Truppen auf dem Territorium der Ukraine.“

    bereitet mir in der Tat schlaflose Nächte. Ich habe den ukrainischen Präsidenten nie heroisiert, sehe aber den /die Kriegsverbrecher im Kreml, aber hoffe dennoch wirklich inständig, dass „der Westen“ weiterhin bei seiner Haltung bleibt und auch die reisefreudigen Herren ihre Füsse still halten. Die Rede gestern vor dem deutschen Bundestag hatte bei aller verständlichen Verzweiflung in meinen Augen schon auch einen sehr unguten Beigeschmack.

    Die genannten Autoren lassen sich vielfältig ergänzen, ich glaube, ich sollte mal wieder Böll, Victor Klemperers Tagebücher oder Nelly Sachs lesen…

    Antworten
  3. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Wolodymyr Selenskyj versucht mit allen und auch seinen schauspielerischen Mitteln weitere Akteure in den Krieg hineinzuziehen. Von seinem Standpunkt her durchaus nachvollziehbar. Um das Ziel zu erreichen werden perverse Bezeichnungen wie «Nato Friedensmission» kreiert. Auch die Mauer der DDR gegen die Bundesrepublik wurde von der SED als «Friedensgrenze» bezeichnet an welcher scharf geschossen wurde. Wir können als Bewohner dieser Erde nur auf Staatenlenker hoffen, die in heissen Situationen wie im Film «Dr. Strangelove» der amerikanische Präsident einen kühlen Kopf bewahren. Die Gefahr des Dritten Weltkrieges ist keineswegs gebannt.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.