Werte, Werte, Werte

Tut man. Tut man nicht. Ist so. Kann auch ganz anders sein.

In stürmischen Zeiten wandeln sich die Werte. Der im Theatersaal des Volkshauses stattfindende Prozess gegen den gefallenen Bankerstar Pierin Vincenz musste noch dislozieren, wenn am Abend der «Schwanensee» von einer russischen Ballett-Truppe gegeben wurde.

Wäre wenige Wochen später undenkbar; schon die Präsenz der russischen Sopranistin Anna Netrebko im Zürcher Opernhaus wird als unerträglich empfunden.

Wodka, Blini, Kaviar, russisches Neujahr, beliebte Gaumen- und Festfreuden. Geschäfte mit Russland machen? Aber gerne, solange der Rubel rollt. Arbeiten für russische Unternehmen in der Schweiz? Warum nicht. Roter Teppich für Oligarchen? Unbedingt, was die alleine in einem Restaurant liegenlassen, sagenhaft. In Hotels waren sie nicht allzu gerne gesehen. Zwar ausgabenfreudige Gäste, aber mit oder ohne Alkoholeinfluss war das Verhalten nicht immer mitteleuropäischen Standards entsprechend.

St. Moritz, Genf, Gstaad, undenkbar in der Saison, dass nicht reiche Russen geschmacklose Pelzmäntel zur Schau stellen. Schliesslich Schweizer Geldhäuser. Die Betreuung von UHNWI, der obersten Klasse von Privatkunden, konnte zwar schwer auf die Leber gehen, aber da flogen dann nur so die Dutzenden von Millionen. Mit entsprechenden Kick-backs, Fees, Verwaltungsgebühren, Anlageanstrengungen.

Urlaub in Russland? Unbedingt; St. Petersburg, Moskau, selbst Chabarowsk, transsibirische Eisenbahn, muss man erlebt haben. Zudem völkerverbindende Beziehungen zwischen Schweizern und Russen; wer Blondgefärbtes mag, wieso nicht.

Ging alles, entsprach problemlos unseren Werten. Das rote Reich des Bösen, der russische Bär als Feindbild, die Militärmaschine als Angstmacher, ach was. Sicher, ein lupenreiner Demokrat ist Präsident Putin nicht, aber schliesslich war ja Russland noch nie wirklich eine Demokratie. Andere Länder, andere Sitten, muss man tolerieren. Solange der Rubel rollt.

Und jetzt? Umwertung aller Werte. Wie kann man nur. Bolschoi-Ballett? Pfui. Russische Sänger? Igitt. Russische Sportler? Sollen zu Hause bleiben. Behinderte russische Sportler? Sollen behindert zu Hause bleiben. Wodka, Kaviar, Blinis: Sollen auch in Russland bleiben. Geschäfte machen? Niemals, mit diesem Verbrecher. Für russische Firmen in der Schweiz arbeiten? Selber schuld, wenn man dann auf der Strasse steht.

So wetterwendisch sind  solche Werte.

3 KOMMENTARE
  1. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Mit der unsäglichen «Cancel Culture» sind viele «Werte» vor die Hunde gegangen. Die Russen sind die neuen Ungeimpften. Die Ausgrenzer und Zeichensetzer sind meistens dieselben Leute, die sonst überall Diskriminierung witttern.

    Antworten
  2. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Die finnische Stadt Rovaniemi hat dem russischen Murmansk die Städtepartnerschaft aufgekündigt. Westliche Spediteure wollen die Container von Asien trotz grossen Nachteilen nicht mehr mit der Eisenbahn durch Russland nach Europa transportieren. Russen werden auch in der Schweiz in der Öffentlichkeit angefeindet und so weiter. Wo waren alle diese heftigen Reaktionen als die Amis den Irak und Libyen unter fadenscheinigen Vorwänden angegriffen und ins Chaos gestürzt haben? Bei den vielen Drohnenangriffen des heiligen Barak Obama mit getöteten Zivilisten? Von Vietnam, Laos und Kambodscha gar nicht zu reden. Die jetzige totale Dämonisierung von Putin und Russland liegt weit im irrationalen Bereich.

    Antworten
    • René Küng
      René Küng says:

      Herr Streuli aufgepasst. Sippenhaft.
      Selbst hier auf dem ‹gebildeten›, Welt- und Meinungsoffenen zackbum Portal tummeln sich genug, die alles, was die westliche Gicht, Entschuldigung, Sicht, in Frage stellt, runter schreiben.
      Wer will sich denn sein WohlfühlDasein schon verrütteln lassen?
      70 Jahren mit profitieren, die Augen vor Unrecht von uns ‹Guten› verschliessen, da lässt der Westler (mac schlägt ‹Nestler› vor, auch nicht schlecht) nicht gerne von diesem heilen, bequemen Weltbild los.
      Unter dem Toben der Masse knickt auch die Attitüde des ’sperbers› ein, wer wagt es noch, sowohl die Tyrannei von oben und die Tyrannei der manipulierten Masse von unten zu thematisieren?
      Zur Version: ’nicht die Meinung der Redaktion›, aber wir lassen unseres Kollegen Meinung (und sie kannten ‹ihren› Müller lange genug, gaben ihm Raum solange Russland auch verstehen chic war) auch zu, hat’s nicht gereicht.
      Aber übelste Hetzer der anderen Sorte haben die sperber die letzten zwei Jahre munter in ihrem Kollegium wüten lassen. Anstandsregeln werden nur bei den Kommentaren nach Gusto angewendet, Ramseier und andere durften voll Rohr diffamieren….
      Nicht nur die westliche Masse hat immer noch nicht gemerkt, dass unsere Zeit des gefüttert und mit profitierens zu Ende geht. Auch die immer dünner werdende Schicht der ‹oberen Kader› aus allen Bereichen, Politik, Behörden, Medien, Wirtschaft etc meinen noch, durch brav kuschen könnten sie ihre ‹freie› Haut retten.
      Die sind wirklich nur als Verwalter der Tyrannei vorgesehen.
      Die Frage die bleibt, Herr Streuli: wer eliminiert (und wie?) die verbliebenen ‹Friedestörer›, die digitale Kontrolle von oben, oder das Wegklatschen von unten?
      Wahrscheinlich ‹demokratische› Anpassungen mit law&order unter dem Applaus der maskierten Massen.

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.