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Das Vokabular  wird rezykliert

4. März 2022/3 Kommentare/in Allgemein, Kolumne/von René Zeyer

Wer meint, die Vergangenheit sei tot: sie ist nicht mal vergangen.

Mit Abscheu blickt der moderne, aufgeklärte Zeitgenossen auf die Medienlandschaft zurück, die den Ersten Weltkrieg mit herbeischrieb und anschliessend mit Hurra-Patriotismus befeuerte.

Einige Begriffe wie Patriotismus, Feld der Ehre, Defätist, Volksverräter oder Vaterlandsverräter sind etwas aus der Mode gekommen. Der Hitler-Faschismus ergänzte zudem das Wörterbuch des Unmenschen um einige Begriffe, die bis heute dermassen angebräunt sind, dass es niemand wagt, von einem Endsieg oder einem totalen Krieg zu schwafeln.

Aber es bleiben noch genügend Möglichkeiten, die damaligen Dümmlichkeiten in die Jetztzeit zu transportieren.

Wie in jeder Schwarzweiss-Szenerie braucht es einen Helden. Also eigentlich viele Helden, überstrahlt von einem Superhelden. Dafür ist der ehemalige Komiker und Schauspieler Wolodymyr Selenskyj prädestiniert. Politische Unerfahrenheit, ohne Programm gewählt worden, Abhängigkeit vom Oligarchen Ihor Kolomojskyj; Briefkastenfirma auf einer Steueroase – was soll’s.

Held gegen Schurke, das ewige Narrativ

Nun ist Selenskyj der Held, der tapfere Widerstandskämpfer, von Putin unterschätzt, der im telegenen militärgrünen Shirt auftretende Anführer, der weiss, wie man knackige One-Liner präsentiert. So sagte er aufs Angebot, ihn sicher ausser Landes zu transportieren, dass er keine Mitfahrgelegenheit brauche, sondern Waffen.

Dagegen wirkt natürlich der humorlose, wenig charismatische, herrische und zu Monologen neigende Präsident Putin wie der geborene Verlierer.

Einen Helden, einen Schurken hat das Stück. Aber das Publikum darf natürlich nicht einfach stumm im Saal das Geschehen auf der Weltbühne verfolgen. Es ist zum aktiven Eingreifen aufgefordert. Wie das? Nun, die englische Verteidigungsministerin empfiehlt zum Beispiel, sich bewaffnet dem Widerstand gegen die Invasion anzuschliessen. Ist zwar illegal und gefährlich, aber ein Beispiel dafür, was zu Zeiten des Ersten Weltkriegs noch nicht so im Schwang war: ein Zeichen setzen.

Zeichen setzen ist ganz wichtig geworden.

Noch besser ist nur, andere dazu aufzufordern. Das ist das Geschäft der Politiker.

Neben dem unablässigen Zeichensetzen und dem unverbrüchlich Solidarischsein ist ein gnadenloser Boykott von allem Russischen gefordert. Sportler? Ausschliessen. Künstler? Boykottieren. Lebensmittel? Nicht mehr kaufen. Russische Literatur, Kunst, Musik? Nur dann erlaubt, wenn sie putin-kritisch ist.

Drittes Ingredienz in diesem Gebräu: klare Kante gegen Putin-Versteher. Die sind noch schlimmer als zuvor die Corona-Leugner. Gar nicht beachten. Ausgrenzen. Verachten. Differenzierung und Verständnis und Analyse, das war gestern. Heute ist Bekenntnis gefragt. Klare Verurteilung. Distanzierung. Beschreibung von Abscheu, bedingungslose Verurteilung.

Jeder, der ein nachdenkliches Wort wagt, weder billigen, noch verurteilen, sondern verstehen will: Putins Helfershelfer, Fünfte Kolonne, Moskau einfach, wieder mal.

Gibt es heute mehr Dummheit als vor 100 Jahren?

Schwappt das unendliche Meer der Dummheit heutzutage höher als vor 100 Jahren? Es könnte einem so vorkommen, aber das ist auch eine Fehlanalyse. Der Meerespegel ist wohl immer noch gleichhoch wie damals. Nur schwappt einem dieser Schlamm in die eigene Wohnung, ergiesst sich aus allen elektronischen und digitalen Medien, quillt aus dem Bildschirm des Computers oder des Smartphones. Verstärkt sich, gischtet auf in den Echokammern der sozialen Medien.

Wenn man sieht, liest, hört, bekommt man häufig das dringende Bedürfnis, sich länger unter die Dusche zu stellen.

Wenn die Vergangenheit nicht mal vergangen ist, wiederholt sie sich dann auch? Erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Atomwaffen. Sie wurden eingesetzt. Das stimmt nicht fürchterlich optimistisch heute.

Schlagworte: Dummheit, Erster Weltkrieg, Held, Putin, Putin-Versteher, Schurke, Selinskyj, Zeichen setzen
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/11/Short1.jpeg 291 627 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-03-04 06:00:222022-03-03 10:05:30Das Vokabular  wird rezykliert
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3 Kommentare
  1. Adrian Venetz
    Adrian Venetz sagte:
    4. März 2022 um 10:00

    Herausragendes Interview hierzu übrigens auf «Persönlich»:
    http://www.persoenlich.com/prcorporate-communication/marken-sind-keine-parteien

    Antworten
  2. Tim Meier
    Tim Meier sagte:
    4. März 2022 um 7:12

    Heute Held, im Oktober 2021 noch in den Pandora-Papers erwähnt: https://www.tagesanzeiger.ch/die-spuren-der-offshore-firmen-fuehren-zum-ukrainischen-praesidenten-961511780025. Written by SZ, published by Tamedia.
    Die Cancel Culture wütet, nun generell gegen das Russische und Russen. Fehlen noch die Bilder von Pro-Putin Aufmärschen in Moskau. Die gibt’s nicht, trotz massiver PR. Was zum Schluss führt, dass heute mehr, deutlich mehr Dummheit herrscht als vor 100 Jahren.
    «Zeichen setzen» und Vodka aus den Regalen räumen. Well done, Coop. Hauptsache, die garantiert nicht «nachhaltig» aus Peru eingeflogenen Spargeln bleiben im Sortiment. Heucheln auf der Zeitgeist-Welle.

    Antworten
  3. Adrian Venetz
    Adrian Venetz sagte:
    4. März 2022 um 6:48

    Einen Unterschied zu früher gibt es. Wir haben jetzt noch den Scheisshaufen namens Twitter in unseren Reihen. Hier kann man das eigene Profil mit den Landesfarben der Ukraine ausschmücken, mit Hashtags zu Solidarität aufrufen und sich dann abends sanft in den Schlaf wiegen in der Gewissheit, ein Zeichen gesetzt zu haben und auf der Seite der Guten zu stehen.

    «Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen. Es ist so leicht, und es führt zu nichts.» (Canetti)

    Antworten

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