Deutsche Kriegsberichterstattung

Der schneidig-ironische Ton ist bekannt. Ist er auch bekömmlich?

Dem friedliebenden Tamedia-Leser werden 20’000 Anschläge Kriegskracher serviert. Für den Haupttext sind Silke Bigalke und Florian Hassel verantwortlich: «Der Brandstifter versetzt die Welt in Schockstarre».

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Die beiden Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» wissen es genau: «Es gibt niemanden, der den russischen Präsidenten Wladimir Putin noch bremsen könnte. Während die Menschen in Moskau von der Propaganda aufgepeitscht werden, schwanken sie in Kiew zwischen Fassungslosigkeit und Fatalismus. Chronik eines angekündigten Krieges.»

So geht’s dann weiter:

«zwei bizarre TV-Auftritte, … Rede wurde praktisch zur Kriegserklärung … geriet regelrecht aus der Puste, so sehr echauffierte er sich über Kiew, über die USA, über die Nato».

Wir fassen zusammen. Ein bizarrer Brandstifter macht vor laufender Kamera eine Kriegserklärung und gerät regelrecht aus der Puste. Derweil ist die Welt in Schockstarre, die Ukraine fassungslos oder fatalistisch.

Es wird die Chronik eines selbst angekündigten Krieges geschrieben

Um dem Tamedia-Leser diese Erkenntnis zu vermitteln, braucht es die gesammelte Kompetenz von zwei SZ-Korrespondenten. Vincenzo Capodici von Tamedia, sonst nicht wirklich durch vertiefte Osteuropa-Kenntnisse aufgefallen, darf in einem Kasten die jüngere Geschichte der Ukraine nacherzählen.

Aber es geht ja schon längst um die «Chronik eines angekündigten Krieges». Nobelpreisträger Gabriel García Márquez würde auch zur Machete greifen, müsste er diese Verballhornung des Titels einer seiner Werke noch erleben.

Bruchstückhaft wird der Inhalt von Putins Rede wiedergegeben, der offenbar einen Ausflug in die Geschichte unternahm und erzählte, wie die Ukraine nach der Oktoberrevolution von 1917 zur Union der sozialistischen Sowjetrepubliken stiess. Bis sie 1991 unabhängig wurde.

Ein Wort der beiden Fachkräfte zur historischen Spaltung zwischen Ost- und Westukraine? Zum Verhalten vieler Ukrainer während der faschistischen Besetzung im Zweiten Weltkrieg? Personifiziert in Stepan Bandera, im Westen des Landes mit Denkmälern als Nationalheld verehrt, für den Osten (und Russland) ein Kollaborateur, Kriegsverbrecher und Antisemit, der in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.

Macht das die aggressive Politik Putins besser? Nein, aber vielleicht würden historische Erklärungen sie besser verständlich machen. Wobei verstehen ja nicht mit billigen verwechselt werden sollte.

Dröhnende Kriegsrhetorik zweier Deutscher

Aber wenn man schon mal 20’000 Buchstaben, eine ganze Doppelseite in Tamedia, Platz hat, muss der dann wirklich auf dröhnende Kriegsrhetorik verschwendet werden? Ergänzt um das übliche riesige Panzerbild und zwei Briefmarkenfotos, deren Legenden nochmal alles klar machen:

Zwei Präsidenten, zwei Bildlegenden.

Wie das deutsche Publikum auf solches Kriegsgeschrei reagiert, ist aus Schweizer Perspektive schwer zu beurteilen. Hierzulande befremdet es allerdings deutlich, dass ausgerechnet Deutsche so schneidig über den russischen Präsidenten herfallen.

Die Gnade der späten Geburt kann sie nicht ganz davor schützen, dass gerade für Deutsche etwas Taktgefühl oder Zurückhaltung angebracht wäre. Sicher zwei Eigenschaften, die dem deutschen Heeresjournalisten nicht gerade ans Herz gewachsen sind.

Deutsche Landser in Stalingrad.

Aber so lange ist es noch nicht her, dass das Volk der Dichter und Denker mit unvorstellbarer Brutalität über die Sowjetunion herfiel. Mit der festen Absicht, die Bevölkerung in den eroberten Gebieten schlichtweg auszurotten, bzw. als Arbeitssklaven sich zu Tode schuften zu lassen. Und als sich bei Stalingrad das Kriegsglück wendete, hinterliessen die deutschen Barbaren beim Rückzug dermassen verbrannte Erde und verübten so viele Greueltaten, dass die Wut der Rotarmisten, als sie deutschen Boden erreichten, zumindest verständlich erscheint.

Nachhilfe bei Gedächtnisverlust.

24 Millionen Tote kostete der Hitler-Wahn die UdSSR; zwei Generationen sind längst nicht genug, um die Erinnerung daran vollständig in den Hintergrund treten zu lassen. Aber es ist dem deutschen Kriegsberichterstatter nicht gegeben, das wenigstens im Hinterkopf zu behalten, während er über den «Brandstifter Putin» herfällt.

Ganz elend wird es, wenn solche Texte in der damals wie heute neutralen Eidgenossenschaft erscheinen. Nur weil sich, was den Medienclan Coninx-Supino betrifft, Schweiz auf Geiz reimt.

 

 

5 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Sehr guter Artikel!
    Ach heute Morgen waren das Konserven,Geschichte der letzten 25 Jahre, oder etwas neues???
    Serbien, Irack,Lybien,Syrien, Afghanistan.
    DAS war nicht soooooo schlau hmmmmm der lachende dritte hmmmmm China.
    Die übernehmen sicher gerne, mit der Versorgung der Islamischen Welt.
    Gruss von der neuen Seidenstrasse.
    Im Genzug dürfen die jede Menge Öl liefern.
    Die wirtschaftlich schleichend absaufenden USA-EU können sich das zunehmend weniger leisten.
    Hmmmm Regenerative Energien jooo dummmm nur das auch hier vorrangig China, der Hardware Lieferant ist.
    Eigene Kapazitäten aufbauen, hmmmmm mit Krediten von den Chinesen oder was???
    Ob da die Blondiene in Brüssel etwas handfestes mit Ihrer grünen Mondlandung, in der ,,Birne» hat ???

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Der Ukraine-Konflikt beweist einmal mehr die Armseligkeit von TAmedia. Praktisch über das ganze Mittelland wird die Auffassung der SZ Redaktion, die deutsche Perspektive, verbreitet! Zwischenhinein einmal ein Lebenszeichen von Christof Münger. Münger, wer? Nach TA Impressum leitet Münger das Ressort International. Besser würde heissen: Artikeleinkäufer ohne Anspruch bei den Blattmachern in München, Ansprechpartnerin Judith Wittwer.

    Wahrscheinlich als eine Art Cumuluspunkte bekommt TAmedia von der SZ noch Abfallprodukte. Gestern online und heute in in der Print-Ausgabe zu lesen: «Ist Hawaii Toast sexistisch?». Lead: «Der Historiker Gunther Hirschfelder über die Wokeness am Wok –…» Heute der Artikel online mit wenigen Änderungen unter dem Titel: Kulinarik-Debatte «Ist Jamie Olivers Chicken Curry politisch inkorrekt?», zu lesen. Swiss Finish nach TAmedia, das gleiche Elaborat unter verschiedenen Titeln!
    «Wokeness am Wok…», Sprache als Hype!

    Ist die Zwetschgenwähe, die Basler Mehlsuppe, die Cremeschnitte, die Polenta, die Lasagne, die Jakobsmuschel die Zigarre sexistisch? Bestimmt machen sich ein paar Nesthäckchen und Dani Böniger schon Gedanken wo sie Sexismus in unserer Küche verorten können. Sofort verbieten, die Austern, erinnern an Vaginas und daher extrem sexistisch.

    Arthur Rutishauser hat kürzlich zurecht Zensur bejammert. Besser er würde sich mit dem Niedergang des Tages-Anzeiger, an dem er, Supino, und die Schülerzeitung Chefredaktion Mitschuld haben, befassen. Spartipp an den Verleger: es braucht keine Rutishauser, Stäuble, Amstutz. Es genügen Szczesniak und Hemmel als Chefredaktorinnen. Vorteil: billiger, noch williger, Frauenquote in der Chefredaktion 100%, Nesthäckchen begeistert, Qualität und Kompetenz des TA gleichbleibend.

    Leider ist der Autor des Artikels in der Schweizer Geschichte nahe beim Hurrapatriotismus. Er schreibt «wenn solche Texte in der damals wie heute neutralen Eidgenossenschaft erscheinen». Die Schweiz ist und war nie wirklich neutral. Das politische Handeln war immer opportunistisch und wenn noch verdient werden konnte gab es wenig Grenzen!

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  3. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Und die sogenannte «Kriegsberichterstattung» geht im Live-Ticker weiter. Besser: es wird weiterverbreitet, was offizielle Stellen aus Ukraine und Russland kommunizieren. Der Wahrheitsgehalt tendiert, wie immer in solchen Situationen, gegen Null. Kein Nachfolger von Peter Arnett vor Ort. Mutmassungen aus den Verrichtungsboxen. Alles unter dem Label «Qualitätsjournalismus».

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  4. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Gestern Abend im deutschen Bild TV wäre Josef Goebbels des Lobes voll gewesen. Da wurde gegen Russland gehetzt und drakonische Bestrafung gefordert. Das Wort von den zu bestrafenden „Untermenschen“ konnte gerade noch knapp vermieden werden. Harte Strafen sollen auch Gerhard Schröder den Russenversteher treffen. Roger Köppel war der Einzige, welcher auf einsamem Posten tapfer dagegenhielt. Doch sein Einwand, dass seit 1989 nicht die Russen gegen den Westen auf dem Vormarsch sind, sondern im Gegenteil die Nato-Truppen weit nach Osten vorrücken, stiess bei den Deutschen auf komplettes Unverständnis. Offenbar nichts gelernt aus dem Zweiten Weltkrieg.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Die baltischen und andere Staaten wollten einfach Sicherheit, Aufschwung, ein freies Leben. Sie hatten genug von den Sowjetimperalisten, deren Nomenklatura, deren Unfähigkeit einen grossen Staat zu führen. Russland war für sie keine valable Alternative mehr. Sie hatten genug von der Diktatur aus Moskau!

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