Lesen bildet

Kommt nur darauf an, was. Eine kleine Auswahl von zeitgemässen Werken ausserhalb der Bestsellerlisten. Part II

Um alle Dünnbrettbohrer abzuschrecken, fangen wir gleich mit einem Gewaltswerk an. Frank Trentmann schreibt die «Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute». Er nennt das die «Herrschaft der Dinge». Zumindest in den entwickelten Teilen der Welt, aber auch immer mehr in die sogenannte Dritte Welt ausgreifend, haben wir eine Sammlung von Besitztümern angehäuft, wie sie in diesem Ausmass und in dieser Verbreitung historisch einmalig ist.

«Wie viel und was man konsumieren soll, ist eine der drängensten, aber auch verzwicktesten Fragen unserer Zeit

Haben und Sein, Konsumrausch, der Wert der Dinge, die Selbstdefinition durch Besitz, die Formen des Erwebs und der Distribution, der englische Historiker bohrt hier ein ziemlich dickes Brett. Im wahrsten Sinne des Wortes, 1100 Seiten. Selbst wenn man die ausführlichen Anmerkungen weglässt, hat man 933 Seiten vor sich.

1100 Seiten, Fr. 29.90 (Taschenbuch).

Für die Lektüre spricht, dass es gefällig geschrieben ist, nur gelegentlich zu verliebt in Details. Dafür spricht ebenfalls, dass das Werk bereits 2016 auf Englisch erschien und zwei Jahre später auf Deutsch – ohne dass es veraltet wäre oder an Singularität des Themas eingebüsst hätte.

Also schliessen wir uns für einmal der «Times» an: «Ein Meisterwerk der Forschung».

 

Zweite Empfehlung

Sozusagen mit dem Überbau der Gesellschaft befasst sich dagegen Terry Eagleton. Der Professor für englische Literatur in Manchester hat schon eine ganze Flotte von Büchern auf die Leser losgeschickt. Sein neustes Werk komplettiert den Begriff Konsum mit «Kultur».

Also mit der Antwort auf die Frage, welche Bedeutung Kultur eigentlich in der Gesellschaft hat, für den Einzelnen. Wie wichtig ist Kultur in dem, was wir als Zivilisation bezeichnen? Oder ganz banal: was ist eigentlich Kultur? Was passiert, wenn sie fehlt? Was hat man davon, wenn man als kultivierter Mensch bezeichnet werden kann?

Auch dieses Buch ist schon 2016 auf Englisch erschienen, als hätten sich die beiden Autoren abgesprochen. Eagleton entlässt den Leser aber bereits nach 200 Seiten aus seinem bereichernden Höhenflug von Herder, Schiller bis hin zur Postmoderne. Auch für der Kultur nicht gerade verfallene Menschen gewinnbringend. Eagleton zeigt da und dort eine erheiternde intellektuelle Schärfe des Vergleichs, in einer trockenen Art, wie sie nur ein Engländer hinkriegt:

«Fundamentalismus ist die Überzeugung derer, die sich von der Moderne abgehängt und gedemütigt fühlen, doch die Antriebe, die für diesen krankhaften Geisteszustand verantwortlich sind, sind ebenso wie jene, die den Multikulturalismus hervorgebracht haben, mitnichten kulturell.»

200 Seiten, Fr. 29.90 (gebunden).

 

Dritte Empfehlung

Sehr knackig geschrieben, wie es nur US-Professoren hinkriegen, ist hingegen «Calling Bullshit. The Art of Skepticism in a Data-Driven World». Der Evolutionsbiologe Carl T. Bergstrom und der Informationstechnologe Jevin D. West beginnen dort, wo der Begriff zum ersten Mal verwendet wurde: im Essay «On Bullshit» des Philosophen Harry Frankfurt. Von dort verfolgen sie das Problem bis ins Erscheinungsjahr 2020 weiter.

Schön didaktisch mit Beispielen illustriert versuchen sie, die vielen Erscheinungsformen von Bullshit in der Kommunikation aufzuspüren. Insbesondere, wenn er nicht als leicht durchschaubare Fake News Meinungen daherkommt, sondern im wissenschaftlichen Datenkleid.

Von «Spotting the Bullshit» bis zu «Refuting Bullshit» wollen sie dem Leser – typisch Amis – ein «how to» an die Hand geben. Das ist natürlich – wie meist – nicht unfehlbar, auch nach der Lektüre dieser 318 Seiten hat sich der Leser nicht in einen Bullshit-Detektor verwandelt, dem man kein X mehr für ein U vormachen kann.

318 Seiten, Fr. 19.90 (Taschenbuch).

Aber alleine illustrative Beispiele, wie mit Skalen in Grafiken manipuliert werden kann, lohnt die Lektüre. Ja, Englisch muss man leider können, denn, no bullshit, für eine deutsche Übersetzung hat’s noch nicht gereicht.

 

Vierte Empfehlung

Das ermöglicht den butterzarten Übergang zur letzten Empfehlung, auch wenn die sehr deutsch ist. «Wir Herrenmenschen» nennt Bartholomäus Grill seine «Reise in die deutsche Kolonialgeschichte». Oh je, noch einer, der uns die Verwendung von Begriffen wie Mohrenkopf verbieten will oder dafür plädiert, angeblich exkludierende und Mitmenschen mit afrikanischem Hintergrund verletztende Bezeichnungen und Bildwerke von Hausfassaden zu schlagen?

Eben nicht. Denn im Gegensatz zu all diesen «black lives matter»-Grölern, die damit zwar Betroffenheit markieren, aber eigentlich keine Ahnung haben, ausser dass sie mangels eigenem Leiden fremdes usurpieren wollen, weiss Grill, wovon er spricht.

Er berichtet seit 1993 aus Afrika, zunächst für die «Zeit», dann für den «Spiegel». Und wenn er «Reise» sagt, dann meint er das auch so. Er theoretisiert nicht zuerst, sondern er reiste. In die ehemaligen deutschen Kolonien. Die sich für eine solche Expedition besonders gut eignen, weil der deutsche Wunsch nach einem «Platz an der Sonne» nach dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende fand.

300 Seiten, Fr. 37.90 (gebunden).

Die Kolonialgeschichte ist die Geschichte von Verbrechen. Aber sie eignet sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht für ein Schwarzweissbild, wo Schwarz unbestreitbar gut, Weiss unabdingbar böse war.

«In der 1999 verabschiedeten Accra Declaration forderten prominente Afrikaner vom Westen 777 Billionen Wiedergutmachung für die verheerenden Folgen des Sklavenhandels und der kolonialen Plünderung. Die Tatsache, dass afrikanische Menschenjäger kräftig mitverdient haben, wird indes geleugnet. … Wer moralisch im Recht ist, nimmt es mit den historischen Fakten nicht so genau.»

Wer die Welt gerne so bunt, widersprüchlich, komplex und konkret beschrieben haben möchte, wie sie in Wirklichkeit ist, sollte das 2019 erschienene Buch lesen. Wer den Kopf neigen und Schuld empfinden will, sollte es lassen.

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