My oh my

Sein Blues war so gültig, dass wir gar nicht dachten, dass er verstummen könnte.

Wer sich den Künstlernamen Endo Anaconda gibt, kann mit der Sprache spielen wie mit einer Geliebten.

Er hat nichts ausgelassen. Den Schmerz, die Drogen, das verpfuschte Leben, das erfüllte Leben, das pralle Leben.

Er konnte seine Musik reduzieren, weil er selbst so ein barocker Mensch war. Seine Begleitband spielte das Einfache, das so verdammt schwer zu spielen ist.

Er brauchte kein Gehabe und kein Gehampel. Er sang nicht, er lebte seine Lieder.

Er ist gar nicht weg. Sicher nicht. Wir wissen doch, wo er jetzt ist. Natürlich, in Wallisellen. Denn wer es schafft, diesem Unort Seele und Schmerz zu geben, der ist gar nicht weg. Der ist auch nicht in elysischen Gefilden, und schon gar nicht in der Hölle.

Man muss nur darauf achten, wenn man durch Wallisellen fährt. Im Augenwinkel, als Schatten, als übergrosse Gestalt steht da einer, trägt einen Hut, wie ihn sonst nur Leonard Cohen mit Würde anhatte.

Ist gepflegt schlampig angezogen, macht aus jedem Ton ein kleines Kunstwerk, macht aus Asphalt Poesie, aus Asche ein Feuer, aus betoniertem Grauen ein Gedicht. Aus einem Gedicht ein Lied, und das bleibt. Aus Momenten kleine Ewigkeiten machen, aus Vergänglichem Gültiges, das können nur wenige Künstler. So wie er.

Seine Stimme bleibt. Sein Leid, seine Leidenschaft. Weil er nicht sang, sondern sich in seine Lieder hineinwarf. Mit allem, was er hatte. Und damit sein Publikum eroberte. Aber nicht besiegte, sondern bereicherte.

Selbst ein Walliseller wusste nach einem Konzert von Endo, dass Leben Leidenschaft ist. Sehnsucht, scheitern, besser scheitern. Traurig-komisch scheitern, aber damit über sich hinauswachsen. In die Höhen, wo Poesie auf den Schwingen des Liedes fliegt.

Er hat uns alle erhoben, dafür sind wir zutiefst dankbar und bleiben berührt.

6. September 1955,  † 1. Februar 2022.

5 KOMMENTARE
  1. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Das war eine der letzten Rampensauen. Live erlebt vor bald 20 Jahren und dabei gedacht, der macht bald den Abgang auf der Bühne. In der Pause am Stehtischchen hat der zufällig dazugestossene Shiver dann bestätigt, dass der Endo immer so abgeht. RIP.

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  2. Renfer Hans A.
    Renfer Hans A. says:

    Herr Zeyer, schreiben Sie doch mehr solche Texte – siehe auch betr. Christopher Clark – als sich tagtäglich über die untauglichen Federfuchser zu ärgern und das dann noch zu Papier bringen (müssen!?).
    Gruss

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  3. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Habe vergangenen November noch ein Konzert mit Endo und seiner Band in der Kulturschachtle Adliswil erleben dürfen. Mit ergrautem Bart, er sah alt, fast ein bisschen gruuselig aus, etwas müde.
    Aber er war immer noch der Poet, der Sänger, der Grantler, der Feine, der Wütende, der Wortgewaltige, der Leise, der Empfindliche, der Philosoph, der Süchtige, der Gescheiterte, der Aufsteher,der Liebesuchende, der Kritiker der mit wenigen Worten Missstände geiselte. Aber immer Endo, der auf der Bühne immer alles gab, für den das Publikum Teil seines Ichs waren, nicht nur Einnahmen! Ein grosser Künstler, von SRF SRG fast totgeschwiegen weil er nicht Mainstream, seichte Lieder lieferte.

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  4. rainer kuhn
    rainer kuhn says:

    «… macht aus Asphalt Poesie, aus Asche ein Feuer, aus betoniertem Grauen ein Gedicht. Aus einem Gedicht ein Lied, und das bleibt. Aus Momenten kleine Ewigkeiten machen, aus Vergänglichem Gültiges, das können nur wenige Künstler. So wie er.» WOW – Und Zeilen wie diese zum Abschied, das können nur wenige Schreiber. So wie Sie, Herr Zeyer. Danke. Was für ein schöner Start in einen sonnigen Sonntag.

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  5. René Küng
    René Küng says:

    Schön. Und traurig, wie ein kratziger, beissender, ehrlicher Widerhaken unserer auf Schein getrimmter Gesellschaft erst nach dem Ableben sein Denkmal von tiefer, poetischer Schönheit bekommt.
    Aber die, die das, was er liebevoll aber gnadenlos wegraspelte an Verlogenheit unserer gutbürgerlichen Heuchelei, lesen my oh my so wenig, wie sie Ihn zu Lebzeiten leiden, lieben, respektieren und hören wollten, konnten.
    Kommt mir fast so vor, wie ein Nachruf auf Zeyer.
    Aber das hat hoffentlich noch Zeit, wer bleibt denn sonst noch auf zack?
    Merci.

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