Wandeln auf dünnem Eis

Ein veritabler Krimi: wurde in der NZZaS zensiert?

Medienkenner Kurt. W. Zimmermann liess in der «Weltwoche» eine kleine Bombe platzen. Chefredaktor Jonas Projer habe eine zweiteilige Story über das Liebesleben von Bundesrat Alain Berset gekippt.

«Reporter Hossli recherchierte monatelang über Bersets Liebesleben in seinem politischen Umfeld. Er redete mit mehreren Frauen, die intime Beziehungen zum Bundesrat hatten, unter anderem mit einer Diplomatin, einer Angestellten der Bundesverwaltung und einer Journalistin.»

Resultat: «Der erste Teil handelte von den diversen Gespielinnen des verheirateten Bundesrats und ging der Frage nach, ob Alain Berset dabei seine Macht und seine Privilegien missbraucht hatte. Im zweiten Teil ging Hossli auch auf das Thema ein, wie die Strafakten an die Öffentlichkeit gelangt waren, die im letzten Herbst die sogenannte Erpressungsaffäre Berset ausgelöst hatten.»

Soweit Zimmermann. Während die «Weltwoche» aus den ihr zugespielten Strafakten zitierte, trug Peter Hossli in der NZZaS noch das Detail nach, dass sich Berset von einem Liebeswochenende in Freiburg im Breisgau mit der Staatslimousine nach Bern zurückkutschieren liess. Allerdings ohne das in weitere Rechercheergebnisse einzubinden.

Man fragt sich nun, ob der Wechsel von Hossli an die Spitze der Journalistenschule von Ringier und der Abgang des Ressortleiters Hintergrund bei der NZZaS einen Zusammenhang mit dieser verhinderten Publikation haben.

Projer verteidigt sich in dieser ersten echten Bewährungsprobe in seinem Amt nicht sonderlich geschickt. Gegenüber Zimi soll er gesagt haben, dass er nicht bestätigen könne, dass es eine solche Berset-Story gegeben habe.

Nun tritt er auf persoenlich.com nach und erklärt, dass Artikel in der NZZaS erst dann publiziert würden, wenn eine Recherche hieb und stichfest sei und den hohen Qualitätsansprüchen der NZZ genüge.

Das heisst mit anderen Worten, dass das auf die Arbeit von Hossli nicht zutrifft, wenn nun allgemein akzeptiert ist, dass es die Recherche gab, der Artikel in zwei Teilen fertig geschrieben und laut Zimi juristisch überprüft vorlag und auch vom Ressortleiter Hintergrund befürwortet wurde.

Noch eins auf die Kinnlade von Projer

Hossli ist inzwischen zu Ringier gewechselt, auch Michael Furger ist von Bord gegangen und meldete sich auf Twitter zu Wort. Er kenne Hossli seit einigen Jahren und «keinen Journalisten, der höhere Qualitätsanforderungen an seine Arbeit stellt als er».

Das ist nun indirekt eins in die Kinnlade von Projer. Der hatte gerade die Chefredaktion auf- und umgeräumt und sich seiner Nummer zwei entledigt. Damit wollte er offenbar auch signalisieren: ich bin gekommen, um zu bleiben.

Es ist kein grosses Geheimnis, dass seine Einwechslung von «Blick TV» und seine Vergangenheit als Fernsehmann ohne grosse Printerfahrung nicht gerade Begeisterungsstürme bei der NZZaS-Redaktion auslöste. Zudem schmerzte die erst zweite Abservierung eines amtierenden Chefredaktors in der langen Geschichte der NZZ und der kurzen der NZZaS. Schliesslich gab es auch einen oder zwei interne Anwärter, die sich das Amt zugetraut hätten und auch gerne auf dem Chefsessel platzgenommen hätten.

Nun hat Zimmermann sicherlich nicht das Redaktionsarchiv der NZZaS geknackt und dort den Artikel von Hossli im Quarantänebereich gefunden. Natürlich wurde ihm das zugesteckt, und zwar entweder von Hossli selbst oder aus der Redaktion der Zeitung. Was bedeutet, dass wir an der Falkenstrasse so eine kleine Imitation der Verhältnisse in der Credit Suisse haben. Ein Heckenschütze versucht, Projer durch diese Indiskretion abzuschiessen.

Da ist die Frage, ob er – wie im Fall von Horta-Osório – noch mehr Pfeile im Köcher hat oder damit bereits am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist.

Zudem ist die Redaktion verunsichert, wie und ob ein weiterer Zusammenschluss mit der NZZ-Stammmannschaft stattfinden wird. Sollte die NZZ den Weg von Tamedia gehen, braucht es eigentlich nur mehr einen Frühstückdirektor bei der NZZaS. Oder Eric Gujer regiert gleich direkt durch.

Wirrungen und Weiterungen

Diese bislang von Projer leicht verstolperte Affäre könnte Anlass bieten, so aufzuräumen. Dann wären seine Gegner zwar Projer losgeworden, dafür aber direkt in die harte Hand von Gujer gefallen.

Lustige Ausgangslage: wer bei der NZZaS möglichst viel Autonomie behalten möchte, muss eigentlich Projer unterstützen. Ob der ihm passt oder nicht. Projer wollte auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Lustig ebenfalls: Hossli sitzt nun auf einem fertiggeschriebenen Doppelstück, das zumindest die juristische Prüfung überstanden habe. Ob es qualitativ wirklich mässig ist? Das könnte man erst beurteilen, wenn es veröffentlicht würde. Auch er reagierte nicht auf eine Anfrage.

Nun ist es so, dass normalerweise der Autor im Besitz der Recht an seinen Werken ist. Nachdem Hossli bei der NZZaS nicht mehr in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, es ganz danach aussieht, dass er seine neue Stelle als Leiter der Journalistenschule bei Ringier nicht als Kurzzeitengagement sieht, könnte er natürlich …

Schon alleine, um zu belegen, dass einer, der Journalisten ausbildet, sich den Vorwurf nicht gefallen lassen kann, er liefere qualitativ ungenügende Artikel ab. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass das Haus Ringier und sein CEO dem Bundesrat Berset nicht unbedingt kritisch gegenüberstehen.

Man könnte es also so formulieren: würde Hossli seine Story anderweitig publizieren, hätte er ein zumindest arbeitsrechtliches Problemchen mit der NZZ. Zudem würde es dann wohl mit seinem Stellenantritt bei Ringier nichts. Also wird er das lassen.

Nun ist es unbestreitbar so, dass Christoph Mörgeli von der «Weltwoche» das Thema «Liebesleben eines Bundesrats» an die Öffentlichkeit brachte. So wie Zimi für seinen Artikel angefüttert wurde, bekam auch Mörgeli entsprechendes Material zugespielt. In beiden Fällen ist die spannende Frage: von wem?

22 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Das kommt dem A. Berset vermutlich gar nicht so ungelegen.
    Wenn sich die öffentlichkeit über Bettgeschichten aufregt, (solches schlägt allemal grosse wellen) kommt niemand auf die Idee ,den Superpannenladen BAG zu hinterfragen‚ der A. Berset hat in diesem Laden das vorletzte Wort, das Letzte hat der Gesamtbundesrat.
    Die ganze „Pandemie“ hat erheblich mehr Schaden angerichtet, als die Seitensprünge des an erster Stelle vor Ort verantwortlichem für das BAG.
    Beispiel warum wurden nicht kritische Stimmen in die Beratungen einbezogen
    Die entsprechende Debatte, abgewürgt, Fragen über Fragen.
    Warum fehlte es über zwei Jahren an relevanten Datenerhebungen und Daten?
    Ist das RKI tatsächlich der heilige Gral, haben wir in der Schweiz nicht auch herausragende entsprechend anerkannte Wissenschaftler und Labore, auf dem technisch neuesten Stand.
    Das Elektronenraster wurde, als Beispiel an der ETH entwickelt.
    Solange der A. Berset keine Vaterschaftsverpflichtungen aus der Bundeskasse begleicht.😉😊😂🤣🤣
    Naja auch der A. Berset schafft auf diesem Weg keinen 35 Milliarden „Schaden”.
    Wenn sich der Bettgeschichten Hype gelgt hat, ist auch die Pannenpandemie bald fergessen.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Voyeure, Neider, Moralisten, Unterdiebettdeckengucker des Landes vereinigt Euch. Startet eine Petition «Wir wollen mehr wissen über Bersets Fremdenverkehr!». Am besten noch die NZZ stürmen und Projer zur Herausgabe des Artikels zwingen. Vielleicht hilft noch der Mann mit Fellmütze und Büffelhörnern, bekannt aus der Kapitolstürmung, mit! Moralisten

    Wenn Bersets «Fremdenverkehr» sein politisches Handeln beeinflusst hat ist Publikation zwingend. Wenn nicht ist es nur Sache seiner Frau, von ihm und anderen betroffenen Frauen.

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    • Jürg Streuli
      Jürg Streuli says:

      Das Amt eines Bundesrates erfordert durch seine Vorbildfunktion auch charakterliche Qualitäten. Gilt sogar für SP-Bundesräte, was jedoch bei Berset keineswegs gegeben ist.

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    • Adrian Venetz
      Adrian Venetz says:

      Da bin ich etwas anderer Meinung, Herr Brunner. Beispiel: Wenn Armin Laschet, im Glauben unbeobachtet zu sein, während eines Gedenkens an Flutopfer feixt und lacht, dann ist das weder verboten, noch bestimmt es seine Politik. Und trotzdem fragen sich die Bürger – ganz zu Recht – ob dieser Mann das Format hat, oberster Magistrat zu sein.

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    • Beat Morf
      Beat Morf says:

      Grundsätzlich bin ich Ihrer Auffassung, sofern Sie diese Sicht auch bei den SVP-Exponenten anwenden. Da bin ich mir bei Ihnen nicht so sicher.

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    • Vergissmeinnicht
      Vergissmeinnicht says:

      Es geht nicht um die Moral. Sondern um die verspielte Glaubwürdigkeit. Zusätzlich wiegt die Tatsache schwer, dass sich BR Berset erpressbar macht. Sein Rücktritt oder nicht mehr gewählt zu werden ist die logische Konsequenz. Daß er auf Kosten der Steuerzahler, die Fahrten seiner frivolen Schäferstündchen via Spesen abrechnet ist nicht Rechtens.

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      • Andi Volkart
        Andi Volkart says:

        …Und mein Eindruck ist, dass diese Frauengeschichten benutzt werden, um den BR Berset auf Linie zu halten, respektive Corona-Politik zu betreiben.

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  3. Niklaus Fehr
    Niklaus Fehr says:

    Dass Bundesräte nicht zu den Intelligentesten gehören, damit müssen wir leben. Das ist systembedingt. Aber Charakter sollten sie haben. Allein schon das Wissen um die Existenz dieser Reportage wird die politische Karriere von Berset beenden.

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  4. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Diese Erpressbarkeit unserer Exekutivpolitiker macht mir grosse Angst.

    Kommt mir die Künstlerin Margaretha Geertruida Zelle in den Sinn, die Männerherzen schwach machte und dafür büssen musste.

    Ihr Künstlername war damals Mata Hari. Wegen ihrer Spionagetätigkeit für die Deutschen wurde sie am 25. Juli 1917 wegen Doppelspionage und Hochverrats von den Richtern eines französischen Militärgerichts zum Tode verurteilt und am 15. Oktober in Vincennes hingerichtet.

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  5. Marcella Kunz
    Marcella Kunz says:

    Berset ist einer dieser geschniegelten Linkspolitiker, die bei der ebenso linken Journaille besonders gut ankommen und unter Artenschutz stehen. Weitere Exemplare dieser Spezies: Ex-Aussenminister Maas, Wermuth, Molina, der schöne Sánchez etc.

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  6. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Erbärmlich wie die Leserschaft schon wieder manipuliert wird. Die schmutzigen Affären eines amtierenden Bundesrates gehören in einer Demokratie ohne Wenn und Aber auf den Tisch. Besonders wenn selbst eklatanter Machtmissbrauch wie im Falle der Polizei-Kampftruppe gegen die ehemalige Geliebte von Berset dazugehört. Dies bedeutet die Niedertracht eines Amtsträgers sondergleichen! Was wäre in den Medien und bei den scheinheiligen Linken wohl los, wenn es bei diesen unappetitlichen Affären um einen SVP-Bundesrat ginge? Die Zeitungen hätten eine tagelange Titelgeschichte und die Linken würden Demonstrationen organisieren.

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  7. Vergissmeinnicht
    Vergissmeinnicht says:

    Das waren noch Zeiten, als ich täglich die alte Tante, mit Interesse gelesen habe. Der Einheitsbrei von heute, ist müßig. Daß die Leser nicht erfahren dürfen, daß wir einen Bundesrat haben, der durch zahlreiche Affären erpressbar ist, kommt einem Armutszeugnis gleich. Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wie lange Projer noch bei der Tante bleiben darf?

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