«Die A…lochkarte gezogen»

In diesem Titelzitat ist die ganze Verlogenheit der Medien konzentriert.

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Es ist Rampenverkauf im Fall Vincenz. Der Prozess biegt in die Zielgerade ein; nach kürzerer oder längerer Schamfrist wird das Urteil verkündet. Danach wird appelliert, man sieht sich so in einem Jahr vor dem Obergericht Zürich, dann vor dem Bundesgericht. Wer weiss, vielleicht auch noch in Strassburg.

Die Aufmerksamkeits- und Erregungskurve hat ihren Höhepunkt überschritten. Zum Urteil ist der Stehsatz schon geschrieben. Unterbietet es deutlich die für die Hauptangeklagten geforderten sechs Jahre Knast, dann hat der Staatsanwalt eine weitere Klatsche abgeholt.

 

Bleibt es im unbedingten Bereich oder liegt es nur unwesentlich unter dem Strafantrag, dann haben die Beiden ihre wohlverdiente Strafe gekriegt, wird zu wildem Spesengebaren und dem Schaufeln in den eigenen Sack ein Riegel geschoben.

Ist noch etwas nicht ausgeschlachtet worden?

Aber vorher muss noch weg, was man noch im Archiv hat. Das ist nicht mehr allzu viel, nachdem drei Jahre lang eigentlich jedes Dokument, das während der elend langen Strafuntersuchung zum Vorschein kam und sich skandalisieren liess, den Weg in die Medien fand.

Verklemmt ein Wort nicht ausschreiben,
aber ungehemmt aus vertraulichen Protokollen zitieren …

Also Höhepunkt die gesamte Anklageschrift, die schneller in der Presse war als bei den Angeklagten. Dass das alles dem Amtsgeheimnis unterliegt, ach ja, ein paar müde Ermittlungsversuche gegen unbekannt, pro forma und aussichtslos.

Dabei hätte eine Überwachung der Kommunikationsmittel einschlägig bekannter Journalisten genügt, um das Offenkundige zu beweisen. Da weder Lukas Hässig noch Arthur Rutishauser in die elektronischen Archive eingebrochen sind, wurden ihnen all die saftigen Trouvaillen zugesteckt.

Angefangen mit einer dubiosen Banküberweisung, die unter klarem Bruch des theoretisch immer noch existierenden Bankgeheimnisses ihren Weg zu «Inside Paradeplatz» fand. Erst viel, viel später bequemten sich die Strafverfolgungsbehörden, Untersuchungshandlungen deswegen zu imitieren.

Ene mene, mu, wer war’s?

Zudem sind die möglichen Quellen an drei Fingern abzählbar. Die Staatsanwaltschaft, was bei dem Ausmass der geleakten Dokumente sehr unwahrscheinlich ist und keinerlei Präzedenzfälle kennt. Dass der Staatsanwalt die Medien und vor allem Rutishauser dafür instrumentalisierte, immer wieder das baldige Ende der Untersuchung anzukündigen – bis das so lächerlich wurde, dass es fortan unterblieb – geschenkt. Aber Weiterleitung von beschlagnahmten Unterlagen? Ausgeschlossen.

Kenntnis davon hatten die Beschuldigten, inzwischen Angeklagten. Plus deren Anwälte. Dass hier ein Interesse vorhanden sein könnte, oberpeinliche Details von Spesenrittertum und fragwürdigem Geschäftsgebaren an die Öffentlichkeit zu bringen, kann man ausschliessen.

Bleibt der dritte Finger. Auch ein Privatkläger hat vollständige Akteneinsicht. Raiffeisen ist Privatkläger und hat mit Vincenz und Stocker auch noch zivilrechtlich ein paar Hühnchen zu rupfen. Aber natürlich gilt die Unschuldsvermutung, of course.

Nun räumt Arthur Rutishauser in der aktuellen «SonntagsZeitung» noch die letzten Reste aus seinem Archiv weg und zitiert ausführlich aus Abhörprotokollen von Telefonaten, die zwischen den Hauptbeteiligten und auch dem damaligen CEO von Raiffeisen geführt wurden.

Dass der Beitrag lausig redigiert ist, Tipp- und Orthografiefehler enthält, den Nachfolger von Vincenz als seinen Vorgänger adressiert – alles Indizien für die zunehmende Qualitätsverluderung bei Tamedia.

Ohne Wissen der später Angeklagten wurden im Februar 2018, kurz vor ihrer Verhaftung, die Telefone von Pierin Vincenz und Beat Stocker abgehört. Anlass dazu bot eine Strafanzeige, die die Kreditkartenfirma Aduno eingereicht hatte.

Der interne Knatsch bei Investnet

Wenn die Protokolle echt sind, wovon man ausgehen muss, zeichnen sie die Auseinandersetzung nach, die zwischen den Gründern von Investnet und dem in Ungnade gefallenen Vincenz stattfanden. Der war an der Firma beteiligt und Präsident des Verwaltungsrats.

Man wollte sich nun dringend von ihm trennen, während Vincenz frustriert feststellte, dass er ja die «Arschlochkarte gezogen» habe. Das sei auch so, bestätigte einer der Investnet-Gründer gegenüber Stocker.

Dann geben die Aufzeichnungen ein eigentlich übliches Gefeilsche wieder; Vincenz wollte 20 Millionen plus spätere Gewinnbeteiligung von 15 Millionen für seinen Ausstieg, Investnet wollte nur 10 Millionen zahlen. Dann wurde Druck aufgesetzt; das Angebot gelte noch 24 Stunden, dann sei Schluss. Vincenz lehnte ab und bestand auf mindestens 32 Millionen.

Eigentlich wollte er Anfang März sich ein, zwei Wochen Ferien in der Karibik und eventuell in Brasilien gönnen. Stattdessen wurden Vincenz und Stocker am 27. Februar verhaftet und blieben bis 12. Juni 2018 in U-Haft.

Das beendete das Gefeilsche sozusagen mit anderen Mitteln. Zudem sind die beiden bis heute mit Raiffeisen über Kreuz, dabei geht es um über 100 Millionen Franken. Hintergrund sind komplizierte Vertragswerke. Grundlagenirrtum, Aktionärsbindungsverträge, Juristenfutter satt.

Wo eigentlich die Musik spielt …

Aber auf diese Zusammenhänge wird kaum bis nie hingewiesen. Es siegt das fast kindische Vergnügen, immer wieder aus streng vertraulichen, durch das Amtsgeheimnis geschützten Dokumenten und Protokollen zu zitieren.

Immerhin, Rufschädigung findet dadurch nicht mehr statt; der Ruf von Vincenz ist vollständig und unwiderruflich ruiniert. Natürlich gilt für ihn – kicher, gröl, schenkelklopf – weiterhin die Unschuldsvermutung.

Für Rutishauser allerdings nicht. Nur macht das ihm nix.

5 KOMMENTARE
  1. Andi Volkart
    Andi Volkart says:

    Noch eine absurde Idee am Rande: Würde Raiffaisen als Bank sich die Filmrechte und das Merchandising zum Fall Vincenz sichern, könnten allfällige Verluste wieder andersweitig eingefahren werden. Die Persönlichkeitsrechte von Vincenz könnten ja umgangen werden, indem er einfach im Drehbuch umbenannt würde.
    Viele C-Promis, die wir heute kennen, sind damals aus dem TV-Event von O.J. Simpsons aus den 90er-Jahren hervor gegangen, z.B. der Kardashian-Clan. Damals war der Verteidiger auch der beste Freund von O.J. Simpsons.

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  2. Jean-Louis Frossard
    Jean-Louis Frossard says:

    Der Ausdruck «Arschkarte ziehen» kommt aus der Welt des Fussballs: Der Schiedsrichter zieht die (gelbe oder rote) Karte aus der Tasche an seinem Gesäss, um jemanden zu verwarnen oder vom Platz zu weisen.

    Also nix «Arschlochkarte», und schon gar nicht «Arschlockarte», wie hier im Titel geschrieben…

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    • René Zeyer
      René Zeyer says:

      Red. Richtig, aber weiss der Besserwisser auch, wieso sie der Schiedsrichter früher in der Gesäßtasche trug? Weil zu Zeiten des Schwarzweiss-TV sonst der Zuschauer nicht sofort gewusst hätte, ob es eine rote Karte (vom Gesäss) oder eine gelbe (aus der Brusttasche) war …

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      • Valentin Vieli
        Valentin Vieli says:

        Die Fussballtheorie mit der Arschlochkarte (rote Karte im Gesäss des Schiris, gelbe Karte in der Brusttasche) ist die eine Version. Hat übrigens mit dem Schwarzweiss-TV allein nichts zu tun. Die Gefahr des Verwechselns wäre auch heute noch zu gross, wenn der Schiri beide Karten in der Brusttasche hätte.

        Es gibt auch noch eine andere Herleitung. Die vertritt Elmar Seebold im Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache. Die Wendung entstamme dem Kartenspiel, weil der Betroffene die Karte selbst zieht (anders als der Fußballer, wo der Schiedsrichter die Karte zieht). Die Wendung wäre damit gleichwertig mit der älteren Redewendung „den schwarzen Peter ziehen“.

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  3. Tim Meier
    Tim Meier says:

    So bedienen die «Qualitätsmedien» die niederen Instinkte. Den kriminellen Teil erledigen die Datendiebe und Durchstecher. Das Zusammenbasteln von «Informationen» aus den Datenhaufen wird von den Alchemisten in den «Desks» angerichtet. Das scheint trotz allem nicht so erfüllend zu sein. So toben sich die Protagonisten aus dieser Küche in ihrer Freizeit (?) auch noch ungehemmt auf Twitter aus. Firmen, die Wert auf ihre Reputation legen, hätten solchen Aktivismus schon längstens gestoppt.

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