Qualitätsjournalistin Tina Huber

Die Redaktorin im Ressort Gesellschaft von Tamedia schreibt über alles. Leider.

Ein Interview mit dem abgehalfterten Tyler Brûlé. Die Frage: «Wie viel Schlachthof steckt im Shampoo?» Smalltalk der Woche: «Kommt der Handschlag zurück?» Und aus aktuellem Anlass: «Milieubesuche sind absolut tabu», das Interview mit «einem früheren Kadermann», der angeblich «einordnet».

Andreas Russenberger hat seine Karriere bei der Credit Suisse an den Nagel gehängt und ist unter die Schriftsteller gegangen. Da kann er Aufmerksamkeit durchaus gebrauchen.

Wenn er von der von Kenntnissen über Banker und Bankster völlig unbeleckten Journalistin Tina Huber interviewt wird, kann er unwidersprochen Unsinn erzählen, als wäre er noch in der Medienstelle der Krisenbank angestellt: «99 Prozent der Angestellten in der Finanzbranche versuchen nichts weiter, als einen guten Job zu machen. Vincenz ist ein absoluter Ausnahmefall.»

Merke: bei Banken ist immer alles ein Ausnahmefall. Auch alles, was sich ständig wiederholt. Wie Fehlverhalten, Milliarden-Bussen, Milliarden-Flops, Bonusgier, abgehobenes Leben. Nein, setzt Russenberger dagegen: «Die Behauptung, dass Banken ein Hort von schlechten Charakteren seien, stimmt einfach nicht.»

Leider gibt es eine dermassen umfangreiche Liste von Ausnahmefällen …

Und wie steht es denn mit der bekannten Bonusgier? «Es ist die Aufgabe der Aktionäre und der Verwaltungsräte, eine nachhaltige Lohnstruktur zu schaffen.» Nur versagen die seit Jahrzehnten bei diesem Problem und ist diese Leier wirklich abgenutzt.

Richtig lustig wird es bei seiner weiteren Verteidigung von Millionenlöhnen für Milliardenverluste:

«Hinzu kommt: Wer Millionen verdient, kann damit ja auch Gutes tun; zum Beispiel spenden.»

Könnte, muss man da sagen, könnte.

Natürlich kann sich die Interviewerin die woke Frage nicht verkneifen, ob denn nicht mehr Frauen in Führungspositionen segensreich fürs Banking wären. Kein Problem für den Ex-Banker: «Ich will Ihre Frage nicht auf das Geschlecht reduzieren: Es wäre wünschenswert, dass das Management allgemein diverser wäre; in Bezug auf Alter, Geschlecht, Herkunft.»

Es ist immer zum Fremdschämen, wenn ein völlig unvorbereiteter Journalist sich von einem Gesprächspartner nach allen Regeln der Kunst übertölpeln lässt, einseifen, zumüllen. Es ist beunruhigend, dass solche journalistischen Niederlagen durch alle Kontrollinstanzen in sogenannten Qualitätsmedien rauschen und veröffentlicht werden.

Dass Investmentbanker mit wenigen Wörtern wie «fuck» und «shove it up your ass» einen ganzen Arbeitstag bestreiten können? Dass die Apotheken rund um die Bahnhofstrasse erfreuliche Umsätze mit Psychopharmaka, mit Uppern und Downern, mit allen Designerdrogen machen, die man sich nur vorstellen kann? Dass Private Banker, im unmenschlichen Konkurrenzkampf um Neugeld zu allem, buchstäblich zu allem bereit sind? Dass ab einer gewissen Führungsposition, spätestens als Managing Director Soziopathen und Psychopathen die Regel, nicht die Ausnahme sind? Dass im mörderischen Kampf um Positionserhalt oder gar Karriere in schrumpfenden Banken jedes Mittel recht ist? Dass der kurze Aufstieg und schnelle Fall des letzten VR-Präsidenten der CS wieder beweist, dass Heckenschützen und Intriganten und Machtmenschen herrschen?

Dass jeder Banker, spätestens nach dem dritten Champagner oder dem zweiten Strässchen Anekdoten erzählt, die wahr sind, aber kaum zu glauben? Von Gelagen, nächtlichen Sumpftouren, Ausflügen in alle Welt, in die halbseidene und in die Unterwelt, von willfährigen Dienstleistungen, immer im Kampf um Neugeld oder den Erhalt von UHNWI?

Aber Huber weiss sicherlich nicht einmal, wofür diese Abkürzung steht. Macht ja nix, aber vielleicht sollte sie besser die Tyler Brûlés dieser Welt interviewen. Deren Antworten könnten wenigstens unterhaltend sein, ob sie Realitätsbezug haben oder nicht, ist in ihrem Fall völlig egal.

 

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