Kleine Medien-Show

Man gönnt sich ja nix: Wie reagieren die Medien auf die Walder-Bombe?

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Eine grosse Münze in der Journalistenwährung ist der sogenannte Primeur. Schlichtweg: ich hab’s zuerst publiziert. Die neue Haarfarbe eines Popsternchens, das erste Foto eines neuen Autos – oder eine wirkliche Bombe.

Die Reaktion der Kollegen ist immer die gleiche: mit langen Zähnen und knirschend nachziehen. Aber zuerst abwarten, ob das wirklich die Runde macht.

Das war so, als die «Weltwoche» eine aussereheliche Affäre unseres Gesundheitsministers publik machte. Da herrschte zunächst tiefes Schweigen, bis dann die meisten Medien eine SDA-Meldung übernahmen. Versehen mit kritischen Kommentaren; Parteipolitik, Privatleben, unanständig, typisch Mörgeli halt.

Nun hat es einen viel näheren Einschlag gegeben. Ringier-CEO Marc Walder hat sich auf Video aufnehmen lassen, während er klarstellt, dass auf seinen Befehl hin Ringier-Medien weltweit die jeweiligen Regierungen bei ihrer Corona-Bekämpfung unterstützten.

Das ist im Fall Ungarns beispielsweise ausgesprochen putzig. Nun ist hier der Enthüller ein ehemaliger WeWo-Mann, federführend im Komitee gegen das Mediensubventionsgesetz, über das in etwas mehr als einem Monat abgestimmt wird.

Zudem hat er eine Kommunikationsagentur, arbeitet aber weiterhin als Journalist. Das sind natürlich alles kleine Hebelchen, um zwar über den Skandal berichten zu müssen, aber durchaus an Bote und Botschaft herumzumeckern.

Das tut beispielsweise der ehemalige NZZ-Medienjournalist Rainer Stadler: «Philipp Gut, der für den «Nebelspalter» und lokale Websites Marc Walders Aussagen skandalisierte, tritt als Journalist auf und betreibt gleichzeitigen Kommunikationsagentur. Er ist zudem Geschäftsführer eines Abstimmungskomitees gegen das Medienpaket. Der «Nebelspalter» verschweigt das. Solche Doppel- und Mehrfachrollen passen nicht zu einem unabhängigen Journalismus. Zumindest müssten sie offengelegt werden.»

Auch Tamedia setzt einen schrägen Ton

Das nennt man fokussieren auf das Wichtige. Tamedia setzt den Ton so: «Geleaktes Video: Ringier-Chef trimmte seine Medien auf Regierungskurs». Auch das befindet sich im Streubereich der Wahrheit. Das Video ist laut Aussage von Philipp Gut nicht geleakt, sondern war im Internet auffindbar. «Der Knaller ist ein Spätzünder», fährt Thomas Knellwolf fort, damit insinuierend, dass es bewusst kurz vor der Abstimmung über das Milliardensubventionspaket lanciert wurde.

Auch Knellwolf beschreibt weitere Zusammenhänge: «Nun beginnt die heisse Phase im Abstimmungskampf. Gut ist Geschäftsführer des Nein-Komitees. Zu den Mitgliedern des Komitees, das gegen mehr staatliche Unterstützung für die Verlage ist, gehören die Herausgeber von «Nebelspalter» und «Die Ostschweiz». Sie haben Guts Text in identischer Form wie auf der Komitee-Webseite veröffentlicht.»

Na und, kann man da nur sagen, na und? Knellwolf arbeitet für einen Konzern, der das Medienpaket lauthals unterstützt, weil er davon profitieren würde. Sein Text erschien in identischer Form in allen Tamedia-Kopfblättern.

«20 Minuten» referiert tapfer den Inhalt des Videos, um dann – Überraschung – Fachleute zu befragen. Zum Beispiel den «stellvertretenden Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich». Hinter dem umständlichen Titel verbirgt sich ein Institut mit schwerer politischer Schlagseite.

Daher sagt der Stellvertreter auch: «Das Video alleine reiche als Beweis für einen solchen Eingriff jedoch nicht aus. Dafür müsste man etwa abklären, ob die angebliche Weisung Walders Einfluss auf die Chefredaktion und den redaktionellen Alltag gehabt habe.»

Dann stellt er noch eine kühne Vermutung in den Raum:

«Wenn kurz vor der Abstimmung zum Mediengesetz ein solches Video geleakt wird, könnte es sich auch um Abstimmungspropaganda handeln.»

Na und, kann man auch hier nur sagen.

Nau.ch schreibt hingegen ganz auf der vorsichtigen Seite: «Das Video hat bereits nach drei Tagen mit Abstand die meisten «Views» auf dem YouTube-Kanal des Referendumskomitees. Geschäftsführer des Komitees ist der Kommunikationsberater und Journalist Philipp Gut, der gemäss «Tagesanzeiger» das Video veröffentlicht haben soll.»

Nun, Gut hat als Autor in seinen Beiträgen das Video tatsächlich veröffentlicht, das ist kein Ergebnis einer tiefen Recherche von Tamedia.

Was machen CH Media und NZZ, die zwei anderen letzten Mitspieler im Tageszeitungsgeschäft? Nichts. Einfach mal nichts.* Die zumindest bestfinanzierte Mediengruppe in der Schweiz? Auch SRF schweigt.

Nur «Inside Paradeplatz», obwohl das ja nicht das zentrale Thema ist, nimmt kein Blatt vor den Mund:

«Die Medien nicht als Gegengewicht und letzte Kontrollinstanz der Befehlshaber einer Gesellschaft, sondern als Assistenten und Ermöglicher – so Walders Interpretation seiner Rolle.»

Dass die mediale Behandlung des Mediensubventionsgesetzes schwierig würde, weil sich ausser der NZZ-Redaktion alle grossen Medienhäuser dafür ausgesprochen haben und davon profitieren würden, war klar.

Aber was hier in der Berichterstattung über den Walder-Skandal passiert, übertrifft die kühnsten Befürchtungen.

Ist diese verhaltene, teilweise fiese Reaktion einfach auf Futterneid zurückzuführen? Ist es denkbar, dass so zurückhaltend und kritisch berichtet wird, weil CH Media und Tamedia klare Befürworter der zusätzlichen Milliardensubvention sind?

Oder aber, das könnte es sein, man hat in diesen Verlagshäusern Schiss, dass auch mal ein Video auftauchen könnte, auf dem Tamedia-Boss Pietro Supino oder CH-Media-Clanchef Peter Wanner in aller Deutlichkeit sagen würden, dass es gar nicht gelitten wäre, wenn in ihrem Einflussbereich kritisch über die Steuermilliarde berichtet würde.

Diese Videos sind nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Bislang. Für den Fall: ZACKBUM ist auch in der Lage, Bewegtbilder in seine Webseite einzubinden

 

*Die NZZ hat inzwischen zum Zweihänder gegriffen auch CH Media und SRF berichteten. ZACKBUM liefert nach …

4 KOMMENTARE
  1. Friedrich Davide
    Friedrich Davide says:

    Sehr interessant dabei das Verhalten unseres Staatssenders. Tagesschauhauptausgabe vom 03. Januar 2022. Auf SRF Rede und Gegenrede zum Medienpaket mit Millius von der Ostschweiz, Jacoby zun Tsüri, Fokus ausschliesslich auf Förderung der Onlinemedien, kaum brisant, mässig relevant, kein Wort zu P. Gut. Parallel dazu auf RTS auch ein Beitrag zum Medienpaket, Thema Walders peinlicher journalistischer Fauxpas. Zudem lässt man P. Gut zu Worte kommen und im Hintergrund sind auch Ausschnitte aus besagtem Video mit CEO Walder zu sehen. Interessant, wie Wappler TV es schafft, brav über die Abstimmung zu (des-)informieren, dabei die brisanten und relevanten Fakten mehr oder weniger plump weglässt. Schreckung des Publikums unerwünscht.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Geehrter Lüond, in einem Punkt bin ich anderer Meinung. Walder ist Journalist und Medienmann, er weiss was Worte auslösen können. Er hat es nicht gut gemeint. Seine Absicht war die Konzernjournalisten auf Linie zu bringen und über Berset und das BAG gefällig zu berichten. Parallen gibt es. Schon über Ex BR Leuthard wurde immer gefällig und schönfärberisch berichtet, dafür wusste der Konzern über viele Internas des BR Bescheid!

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  3. Robert Müller
    Robert Müller says:

    „Die Chefredakteure wissen in der Regel auch ohne Zuruf von aussen, was sie zu tun habe“…das kann man den Herren Dorer und Cavelty nun wirklich attestieren. Sie versuchten sich mit ihren teils abstrusen Tiraden gegen Massnahmenkritiker regelrecht zu überbieten. So nach dem Motto: Schau her Chef, jetzt hau ich aber richtig drauf.

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  4. Karl Lüönd
    Karl Lüönd says:

    So einig waren sich NZZ und die Tamedia-Zeitungen schon lange nicht mehr. Ringier-Konzernchef hat so etwas wie eine Stallorder für die publizistische Behandlung der Pandemie erlassen, und das ist pfui. Der Verleger ist zwar gut genug, das wirtschaftliche Risiko der ganzen Veranstaltung zu tragen, aber inhaltlich einmischen soll er sich gefälligst nicht.
    Natürlich wurde das Video an die Konkurrenz durchgestochen. Diese bewahrte den Fund monatelang auf und liesss ihn genau zu dem Moment los, als damit maximale politische Wirkung zu erzielen war: fünf Wochen vor der Abstimmung über die Medienhilfe. Schaut her, so manipulieren die bösen Verleger ihre wackeren Journalisten! Merksch öppis?
    Markus Walder, der selber lange genug Journalist war, hat es einfach gut gemeint und schlecht gemacht. Er hätte sich gescheiter auf die beiden seit vielen Jahren in allen Medienkonzernen gebräuchlichen Methoden der lautlosen Lenkung von Redaktionen verlassen. Erstens die Auswahl der Chefredaktoren, die ja unter anderem auf ihren Stuhl gelangen, weil sie mit dem Verleger politisch meist übereinstimmen. Übersax war der letzte Ringier-Chefredaktor, der bei seinen politischen Positionsbezügen keine Rücksicht auf die Gefühle des Verlegers nahm. Er überlebte jahrelang, weil er Erfolg hatte.
    Zweitens ist an das Phänomen des vorauseilenden Gehorsams zu denken. Chefredaktoren wissen in der Regel auch ohne Zuruf von aussen, was sie zu tun habe bzw. was von ihnen erwartet wird. Es genügen ein paar Bemerkungen beim Kaffee oder einem Abendessen. In wichtigen Fällen greift zum Beispiel auch beim Tagi der Chefredaktor persönlich in die publizistische Harfe und gibt die inhaltliche Marschrichtung vor. Und die ihm unterstellten Kamele folgen ihm – schön bei Fuss und ganz ohne Stallorder.
    Karl Lüönd, Winterthur

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