Der Buchmacher

Klaus Wagenbach, der Unbeugsame und Geniale, ist mit 91 gestorben.

Die streng schwarzen Quarthefte bildeten lange Jahre den festen Bestandteil jeder besseren privaten Bibliothek. Milde Gaben von Günter Grass interessierten da weniger.

Aber Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin und auch Wolf Biermann, der Wendehals, der nach seinem Rausschmiss aus der DDR den Verleger schmählich im Stich liess, der ihm die Treue gehalten hatte.

Erich Fried, der mit seinen «Liebesgedichten» dem Verlag den ersten grossen Bestseller verschaffte. Verrückte Projekte wie die Shakespeare-Neuübersetzung durch Fried, dazu immer Heimat für heisse Themen. Das «Kursbuch» mit Hans Magnus Enzensberger, als der Suhrkamp-Verlag Schiss bekam.

Dann die Rotbücher, Ulrike Meinhof, das Manifest der RAF «Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa». Dann die Reihe SALTO, die zunehmende Lockerheit eines Verlegers, der nie verbiestert oder verbittert war, sowohl geistigen wie leiblichen Genüssen zugetan, wohl daher auch mit einer zunehmenden Liebe für Italien.

2014 feierte der Wagenbach-Verlag sein 50. Jubiläum. Auch den Weg vom Herzlinken und Systemgegner zum respektierten Überverleger legte Wagenbach ohne die geringsten Schäden zurück.


Schon 1975 gab er den Wagenbach Taschenbüchern zur Taufe das Motto auf den Weg:

«Lasst uns Denken und Laune anstiften statt vorschreiben. Und den Kopf schütteln, das heißt lockern

Besser kann man das nicht sagen. Solange es Menschen gibt, die sich kaum einen besseren Zeitvertreib vorstellen können, als von einem guten Buch in andere Seiten dieser Welt entführt zu werden, solange wird der Wagenbach Verlag weiterleben. Weil er immer wieder zeigt, dass zwischen zwei Buchdeckeln Welten, Bereicherung, Anregung und Unterhaltung Platz haben.

Also ist er unsterblich geworden, und was kann einem passionierten Buchmacher Besseres passieren. Dessen Sicht auf diese Welt früh durch eine intensive Beschäftigung mit dem Werk von Franz Kafka geprägt wurde.

Seine Kafka-Interpretationen, seine Biografie über den bis heute bannenden Autor des Abgründig-Unerklärlichen, daran kommt auch keiner vorbei, der sich mit einem Schriftsteller beschäftigen will, der so vieles erahnte und vorhersah, was erst nach seinem Tod schreckliche Wirklichkeit wurde.

Wagenbach hat viele Kinder gezeugt. Streng schwarz gekleidete, dann immer buntere, im Verlauf der Zeit wurde es eine Rasselbande. Nicht alles waren ganz grosse Würfe, aber so vieles und immer wieder und Neuentdeckungen.

Hier in der Schweiz kam Egon Ammann, der mein erstes Buch verlegte, Wagenbach wohl am nächsten. Zwei dionysische Figuren, bukolisch und lebensfroh, von barocken Sinnen, masslos, aber nie wahllos. Welch ein nie wieder erlebtes Glück des Autors, als Ammann sagte: «Sie haben hier Ihren Verlag gefunden, fühlen Sie sich zu Hause.»

Beide waren beseelt von einer ewigen Liebe, die erhört wurde: die Liebe zum guten Buch. Wer etwas auf sich hält, schmökert mal einen Abend lang durch die Wagenbach-Bände, die er in seiner eigenen Bibliothek hütet. Und man erinnere sich, welche Funkenflüge, welche Bereicherung, welche Geistesnahrung einem Wagenbach unermüdlich verschaffte.

Wer das nicht kann, der verdient es nicht, sich Literat oder Literaturkenner nennen zu dürfen. Wir wüssten da einige Kandidaten (auch Kandidatinnen), aber wir sind elegisch gestimmt und verzichten auf Namensnennungen.

Stattdessen: man werfe einfach einen Blick auf die Autorenliste des Verlags.

Dann neige man sein Haupt in tiefer Ehrfurcht und in leiser Beschämung, so viele nicht zu kennen. Aber so viele dann doch. Danke, Klaus Wagenbach, einfach danke.

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