Ferndiagnose – Fehldiagnose?

Christoph Gurk sitzt in Buenos Aires (Argentinien). Und schreibt über Honduras.

Gurk «berichtet für die SZ aus Lateinamerika». Das ist gross. Dazu gehört auch Zentralamerika, und da fanden in Honduras Präsidentschaftswahlen statt. Die Distanz zwischen dem Wohnsitz von Gurk bis zur hügeligen honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa beträgt Luftlinie 6211 km.

Die Distanz von Hammerfest ganz im Norden Norwegens bis nach Athen beträgt als Fahrstrecke rund 5000 km. Ob eine Berichterstattung vom Polarkreis über Wahlen in Griechenland viel Sinn machen würde?

Nun serviert auch das Qualitätsorgan «Tages-Anzeiger» und somit ganz Tamedia mit all ihren Kopfblättern diesen Bericht ihren zahlenden Lesern. Zuvor hatte sich Gurk in feministischen Kreisen einen Namen geschaffen durch einen Artikel über die brasilianische Impfhymne «Bum Bum Tam Tam».

Darin gehe es um Blasinstrumente, «vor allem aber um den Bumbum, den Hintern, den man bewegen soll». Das einschlägige Video lässt keine Fragen offen.

Diesmal geht es Gurk aber darum, dass «die frühere First Lady auf dem Weg zur Macht» sei. Das war sie bis 2007, in den vergangenen 14 Jahren ist sie Oppositionsführerin und mindestens einmal um den Wahlsieg betrogene Kandidatin sowie eigenständige Politikerin. In einem Land, das wie kaum ein anderes unter den USA gelitten hat. Als Basis für den schmutzigen Krieg gegen die Sandinisten in Nicaragua, als die noch links waren.

Die US-Botschaft in Tegucigalpa ist eine Festung und war für viele Jahre der wahre Sitz der Macht, nicht etwa der Präsidentenpalast.

Nun trägt Gurk aus der Ferne seine Bedenken vor, ob Xiomara Castro (nicht verwandt oder verschwägert) diesmal die Vereidigung erleben wird. Dabei haben ihn die Ereignisse bereits etwas überholt, aber er gibt selbst zu:

«Zu kompliziert ist die politische Lage im Land.»

Deshalb beschränkt er sich darauf, nur Dinge wiederzugeben, die jeder Tamedia-Leser mit einer kurzen Google-Suche auch selbst finden kann. Oder aber, er begibt sich in die Hände der BBC, die nicht nur einen Zentralamerika-Korrespondenten hat, sondern auch drauskommt.

Sicherlich sind honduranische Präsidentschaftswahlen (Bern – Tegucigalpa 9208 km) nicht für viele von brennendem Interesse. Aber wenn im ins Elend gesparten Journalismus schon ein Artikel darüber erscheint, sollte der vielleicht mehr als eine Ferndiagnose mit Allgemeinplätzen enthalten.

Es könnte allerdings auch sein, dass Gurk schlichtweg Schiss vor einer Landung auf dem Flughafen von Tegucigalpa hat, die wirklich nichts für Menschen mit Flugangst ist.

 

1 reply
  1. Daniel Röthlisberger
    Daniel Röthlisberger says:

    finde auch, wenn schon Wahlen sind- muss man vor Ort sein. Sonst könnte dieses «Männlein» auch hier in der Limmatstadt sitzen, kostet dann weniger.
    Als Leser möchte man ja die «InsiderNews» – die vom Ort kommen. der Rest ist eh alles abgeschrieben
    Föteli kann man auch aus der Datenbank holen, aktuelle Fotos vor Ort würde mich interessieren.
    Wichtig ist doch; was denken die Leute vor Ort, wie ist die Stimmung. was meint das Volk allgemein.. Welche «Untöne» gibts. eben , VOR Ort sein. nicht am andern Ende des Kontinents !
    Sparen halt. aber eben man hat ja einen Korrespondenten vor «Ort», der weiss alles.

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