Medienbern boomt – oder so

Auch kleine Erfolge soll man gross feiern. Gratuliere, «Hauptstadt».

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In der Hauptstadt, also in der Bundesstadt, also dort, wo der Bundesrat und das Parlament sitzen, gibt es Medien. Jedes Organ, das etwas auf sich hält, hat oder teilt sich einen Bundeshauskorrespondenten.

Alleine SRG hat 35 Mann vor Ort (natürlich, auch Frauen), die in den verschiedenen Landessprachen vor Kamera und Mikrophon parlieren. Dann gibt’s noch das Fusionsprodukt «Berner Bundeszeitung», obwohl die gleiche Sauce immer noch unter dem Header «Berner Zeitung» und «Der Bund» ausgeschüttet wird.

Schliesslich «Journal B» und das «Megafon» aus dem Hause Reitschule. Neu in diesem Reigen ist die «Hauptstadt». Mit Berner Geschwindigkeit wurde so ein Jahr nach der Ankündigung der Restfusion die Idee eines neuen Organs vorgestellt und flugs ein Crowdfunding eingeleitet.

Denn das gute alte Prinzip, zuerst liefern, dann kassieren, das gilt im Journalismus schon lange nicht mehr. Schliesslich hat die «Republik» vorgeführt, wie man auf einige schillernde Sprachblasen ein paar Millionen kassieren kann. Und wie auch «bajour» beweist, einen oder ein paar spendierwillige Millionäre findet man auch immer. Obwohl man das bedenklich und furchbar pfui findet, wenn der Millionär Blocher heisst.

Was alles so unter «Markttest» läuft …

Item, bislang scheint bei der «Hauptstadt» noch kein solcher Mäzen aufgetaucht zu sein. Deshalb vermeldet das Organ nach einem Monat Crowdfunding stolz: «Markttest bestanden. In nur einem Monat 3002 Hauptstädter*innen». Der Begriff Markttest scheint doch ziemlich dehnbar zu sein. Die «Hauptstadt» will nach eigenem Bekunden ein Publikum von rund 400’000 potenziellen Lesern bespassen.

Da sind 3002 nun doch eine ziemlich radikale, ziemlich verschwindende, ziemlich einsame Minderheit. Aber item, so schaut’s aus:

«-   2668 Menschen haben ein Jahres-Abo für 120 Franken gelöst
–   268 wurden Gönner-Abonnent*innen
–   34 vergünstigte Jahres-Abos wurden angemeldet
–   und 32 Unternehmen haben ein Firmen-Abo gelöst

Damit werden wir mit dem Crowdfunding brutto 401 025 Franken einnehmen.»

Wir lassen mal die Frage beiseite, ob das Zusagen oder getätigte Überweisungen sind. Erstaunlich ist, dass es entweder in Bern sehr wenig Armut gibt, mit bloss 32 vergünstigten Abos, oder aber, die Armen eher ungern die «Hauptstadt» lesen wollen.

5000 Bierdeckel: es wurde Übermenschliches geleistet.

Aber ob arm oder reich, niemand weiss, was auf ihn zukommen wird. Und diese Spannung wird auch noch ein ganzes Weilchen anhalten. Denn wir sind, letztes Mal dieser Scherz, in Bern. Das heisst, die «Hauptstadt» wird im März starten. Immerhin, man darf vermuten: im März 2022.

Bedürfnis vorhanden. Nach was?

Etwas kritisch muss man mit dieser Bemerkung umgehen:

«Daraus schliessen wir: Im Grossraum Bern ist das Bedürfnis nach «Neuem Berner Journalismus» vorhanden.»

Ob man das aus 3000 Zahlungswilligen schliessen kann? Wieso wird dieser «neue Berner Journalismus» nicht von den bereits existierenden Alternativmedien abgedeckt?

Die «Berner Zeitung» hat eine Auflage von 111’000 und 1,17 Millionen Unique Users pro Monat. Beim «Bund» sind es 67’650 und 825’000. Also insgesamt rund 2 Millionen Users im Monat, nur online. Da muss nun die «Hauptstadt» ziemlich tief Luft holen, dass man von ihrer Existenz überhaupt etwas bemerken wird.

Wir wünschen viel Erfolg und gehen bei der Beobachtung in den Winterschlaf …

 

 

 

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