Schreibende Sparmassnahme

Kaum etwas ist so billig wie ein pensionierter, aber immer noch mitteilungswilliger Journalist.

Leider ist billig oft auch wertlos. Besonders schön zeigt sich dieses Elend in der aktuellen Ausgabe der «NZZ am Sonntag». Die ersten drei Seiten des Bundes «Hintergrund» sind für Meinungen reserviert.

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Vorne dürfen die Redaktoren selbst, auf der nächsten Seite wird nicht zu selten einem Gastkommentator das Wort erteilt. Und in einem knappen Streifen wird das abgefüllt, was früher mal eine kompetente Medienkritik war, betreut von einem erfahrenen und langjährigen Redaktor, einer Koryphäe.

Andere Zeiten, aber nicht bessere

Die Zeiten ändern sich, leider nicht immer zum Besseren. Ein Zusammenprall von Licht und Elend ist hier zu beklagen. Als Gastkommentator macht sich der Professor der Uni St Gallen, Caspar Hirschi, ein paar intelligente Gedanken zur Frage, wieso eigentlich in der Schweiz keine blutigen Revolten mehr stattfinden. Er beginnt mit der guten Feststellung:

«Man kann nur verurteilen, was man verstanden hat. … Es ist die Voraussetzung dafür, dass man auch jenen gerecht wird, die man ins Unrecht setzt.»

Wo dieser Grundsatz nicht gelte, herrsche «Willkür», resümiert Hirschi.

Als abschreckendes Beispiel führt er den bekennenden Wutmoderator Sandro Brotz von der «Arena» an. Seine Überlegungen sind wissenswert:

«Es folgte eine Schaltung nach Einsiedeln, wo ein bärtiger Mann im weissen Chutteli eine Krumme paffte und ruhig der Fragen harrte, die da kommen mochten. Nur: Es kamen kaum Fragen. Erst forderte Brotz den Treichler auf, sich von den Krawallbrüdern auf dem Bundesplatz zu distanzieren, dann geisselte er die Ausschreitungen als «undemokratisch» und «unschweizerisch», schliesslich warf er ihm vor, den Rechtsstaat zu missachten und das Land zu spalten. Sandro Brotz inszenierte ein Verhör samt Verurteilung. Er wollte nichts verstehen und hatte nichts verstanden. Das Ganze hatte den absurden Effekt, dass der Interviewte die präzisierenden Nachfragen stellte und der Interviewer wie ein Spalter wirkte.»

Natürlich kannte Hirschi den Inhalt der Spalte rechts von seinen Ausführungen nicht, selbstverständlich hätte er dazu auch nicht Stellung nehmen dürfen. Obwohl sich das Beispiel mindestens so gut wie Brotz eignet, um zu exemplifizieren, was passiert, wenn verurteilt wird, ohne verstehen zu wollen, wie willkürlich absurde Schlüsse gezogen werden.

Was mal Medienkritik war, ist nur noch Flachsinn

Denn hier fährt Felix E. Müller die einstmals angesehene «Medienkritik» bei der NZZ gegen die Wand. Der langjährige Chefredaktor der NZZaS hat inzwischen viel Zeit und ist mitteilungsbedürftig, da pensioniert. Eine schlechte Mischung.

Er hat ein These, dann biegt er die Realität zu ihr hin. Eine üble Masche. Seine These: Putin beeinflusse «die hiesige Politik». Der krumme Weg zum angeblichen Beweis: Es gibt den TV-Sender «Russia Today». Natürlich so regierungstreu wie die SRG in der Schweiz. Seine deutsche Variante wurde vor Kurzem von YouTube gesperrt.

Putins Fake News Schleuder.

Denn, so schliesst der kalte Krieger Müller messerscharf: «Für das Ziel, den Westen zu desta­bilisieren, kam Corona wie gerufen. RT Deutsch etablierte sich sofort als Plattform für die Verbreitung von Fake-News über das Virus.»

Seit den Zeiten des «Zivilverteidigungsbüchleins» und den Warnungen vor dem subversiven Treiben eines «Willi Wühler» hörte man solchen Unsinn nicht mehr. Nächster wackeliger Schritt in der Beweisführung: die schädlichen Auswirkungen der «Destabilisierung» sehe man in den «Kommentarspalten» von «Weltwoche», «Nebelspalter» und – erstaunlich – «20 Minuten».

Deutsch, aber Propaganda für Putin.

Eine blecherne Pointe nach kurzer Strecke

Nun ist der Platz für diese Kolumne sehr beschränkt, ist’s der Autor auch, muss er schleunigst zur krachenden Schlusspointe kommen: Es liesse sich «mit nur geringer Zuspitzung» nämlich sagen, dass

«die Freiheitstrychler in ihrer herzhaften Naivität dazu beitragen, hierzulande die Botschaft des Kremls lautstark zu verbreiten, und damit helfen, im Sinne Putins auch die schweizerische Regierung zu schwächen».

Echt jetzt? Wirklich wahr? Ein paar urchige Bauern mit umgehängten Kuhglocken verbreiten naiv nicht nur die Botschaft des Kreml, sie schwächen gar unsere Landesregierung und bekommen nächstens von Putin persönlich den Lenin-Orden verliehen?

Wird man das auf der stolzen Brust der Treichler sehen?

Wohl nur der Platzmangel hielt Müller davon ab, mit der im Kalten Krieg üblichen Aufforderung zu enden: «Moskau einfach!» Vielleicht könnte die NZZaS auch noch etwas am Qualitätsmanagement arbeiten. Oder einfach Pensionäre in den wohlverdienten Ruhestand entlassen. Ruhe im Sinn von schweigen.

 

 

2 KOMMENTARE
  1. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    Die Kritik von Caspar Hirschi bezüglich dem parteiischen, primitiven Gebaren von Brotz hat auch mich überrascht. Der Kommentar steht völlig quer in der Landschaft der NZZaS. Oder, wie Andreas Tobler sagen würde, er widerspreche «dem Qualitätsanspruch der «NZZ am Sonntag» – und der linksliberalen Positionierung des Blattes».

    Niveaulos und strunzdumm, was Felix E. Müller eine Spalte nebenan rauslässt. Getrieben von einem blinden, verbitterten Hass gegen die SVP scheint er tatsächlich noch immer nicht begriffen zu haben, dass genau diese herablassende, snobistische Haltung sein Milieu und die FDP dorthin befördert haben, wo sie aktuell stehen. Man verspürt Mitleid mit solchen Typen.

    Dabei hat doch Paul Widmer kurz zuvor in der NZZ in einem Gastkommentar einleuchtend die Sachlage erklärt.

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