Wenn Zwerge wachsen wollen

Zusammenschluss der grossen Marktplätze in der Schweiz: zu spät, zu klein, zu wenig innovativ.

Es war ja überfällig, nun ist’s raus: TX Group, Ringier und Mobiliar werfen ihre Marktplätze zusammen. Also Homegate, Ricardo, Scout24, Tutti usw.

Dazu wurde noch General Atlantic ins Aktionariat geholt. Also ein Finanzinvestor, der rund 35 Milliarden US$ Assets under Management hält und rund um den Globus in einem Gemischtwarenladen Minderheitsanteile hält. Neben vielem anderen auch bei Airbnb, Uber oder der deutschen Flixbus. Daher soll wohl seine «langjährige internationale Expertise im Bereich der digitalen Marktplätze» kommen, was den Schweizer Betreibern offensichtlich abgeht.

«Bündeln, vorantreiben, Vorreiter, Expertise, Wachstum», und selbstverständlich: Die gesamthaft 1000 Angestellten der Marktplätze würden alle vom neuen Unternehmen übernommen, sagte die TX Sprecherin auf Anfrage.

Grosse Zahlen und kleine Zahlen

Lassen wir doch mal einfach ein paar Zahlen sprechen. Amazon hat einen Jahresumsatz von 386 Milliarden $. Alphabet, der Mutterkonzern von Google & Co., liegt bei 182,5 Milliarden. Alibaba dreht jährlich 109 Milliarden um, hat bereits eine eigene Währung, ist auch Zahlungsdienstleister, Warenhaus und wohl die grösste Gefahr für alle Mitbewerber.

Ricardo zum Beispiel stemmt einen Jahresumsatz, Achtung, Trommelwirbel – von 660 Millionen. Gut harte CHF, immerhin. Aber anderseits: 500 mal weniger als Amazon. Man muss noch hinzufügen, dass die meisten der «Schweizer» Marktportale von neuen oder ausländischen Firmen auf den Markt geworfen und dann für teures Geld von diesen Schweizer Konzernen aufgekauft wurden.

Nun machen also die Schweizer Zwerge eine kleine akrobatische Übung. Sie stellen sich aufeinander und meinen, so könnte dann ein Riese entstehen. Ein Scheinriese allerdings. Ein verspäteter, verschlafener, sich erst noch sortieren müssender Riese.

Das wird nix, kann man jetzt schon prognostizieren. Wer sich alleine von Google und Facebook & Co. 90 Prozent des Online-Marketing vom Brot nehmen lässt, dem ist sowieso nicht zu helfen. So schaut’s im Online-Werbekuchen aus. Brosamen für die Schweizer Multimediahäuser, fast der ganze Kuchen für die anderen.

The winner takes it all

Schon längst ist bekannt, dass auch Facebook, Google und Amazon den Schweizer Markt entdeckt haben. Zwar relativ klein und sprachdivers, aber mit einem ausnehmend zahlungskräftigen Publikum.

Also alles eine Frage der Logistik für Warenlieferungen und eine Frage des Aufwands für einen kräftigen Markteintritt, was die üblichen Plattformen betrifft.

Tauschen und Krimskrams, Produktekauf aus breitem Angebot, Wohnungen und Häuser, Autos und andere Fahrzeuge plus alles, was zur neuen Sharing-Ökonomie à la Airbnb oder Uber gehört.

Aber da gilt im Internet noch brutaler als in der Realwirtschaft: the winner takes it all. Beziehungsweise: der Platzhirsch vertreibt alle anderen. Denn wer etwas handeln möchte, kaufen oder verkaufen, der geht nicht auf die kleinste Handelsplattform. Auch nicht auf die zweitgrösste. Sondern auf die grösste, logisch. Denn dort erwartet er die grösste Auswahl oder das grösste potenzielle Publikum.

Besonders brutal hat sich das bereits bei den Suchmaschinen gezeigt. Als Google 1997 online ging, war das ein Anbieter unter anderen. Heutzutage ist Google im Westen Fast-Monopolist. Amazon machte am Anfang einen wöchentlichen Umsatz von 20’000 Dollar, ausschliesslich mit dem Verkauf von Büchern.

Auch bei sozialen Plattformen gab es ein wildes Durcheinander diverser Anbieter, bis es dann nur noch Facebook als Überplattform gab.

Wenn Zwerge auf Augenhöhe von Riesen klettern wollen

Was also die Schweizer Zwerge versuchen, ist eigentlich Folgendes. Es gibt bei den Brausen Coca-Cola. Zuvor wurden in der Schweiz ein paar Mini-Colas hergestellt. Marktanteil, im Vergleich zu Coca-Cola: nicht wirklich messbar. Also beschlossen die Mini-Hersteller, sich zusammenzuschliessen, um endlich Coca-Cola auf Augenhöhe begegnen zu können.

Nur: selbst wenn sich Coca-Cola auf den Bauch legen würde und die Schweizer Cola-Zwerge noch eine Leiter kriegten: es wäre immer noch nicht Augenhöhe.

Was wird geschehen? Das ist, wie das meiste in der Zukunft, unvorhersehbar. Aber: eine sichere Prognose gibt’s. Ende dieses Jahr werden es nicht mehr 1000 Angestellte beim neuen Anbieter sein. Das ist so wahr wie dass aus drei Digital-Zwergen kein «Digitalriese» entsteht.

7 KOMMENTARE
  1. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Interessant wird sein, was die Wettbewerbskommission zu diesem Deal sagen wird. Gerade eine Verschmelzung der beiden Immobilienportale Homegate und Immoscout 24 ist höchst problematisch und wettbewerbsverzerrend.

    Blicken wir einige Jahre zurück. Seit dem 1. Juli 2013 hielt die TX Group 75 % am zweitgrössten Ticketvermarkter der Schweiz namens STARTICKET. Es bestand damals eine Option, dass die damalige Tamedia weitere Aktien übernehmen konnte. Eine damals angestrebte Fusion der TX Group mit TICKETCORNER (50% gehört Ringier!) wurde aber von der Wettbewerbskommission untersagt. Am 9. Januar 2020 gab die TX Group bekannt, dass STARTICKET von See Tickets, einem Unternehmen von Vivendi Village, übernommen wurde.

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    • Eveline Maier
      Eveline Maier says:

      Die vier Protagonisten TX Group, Ringier, Mobiliar und General Atlantic haben in dieser neu zu gründenden Digital-Unternehmung ein Stimmrecht von je 25%.

      Es könnte sich folgedessen eine Patt-Situation ergeben in Entscheidungsfragen. Diese Frage wäre von (journalistischem) Interesse.

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Gut beobachtet Sam Thaier. Eine Fusion von Starticket und Ticketcorner damals abgelehnt wegen Wettbewerbsverzerrung.

      Wie lässt sich nun beispielsweise eine Fusion von Homegate und Immoscout 24 rechtfertigen?

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  2. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Interessant ist auch, dass das Portal Jobcloud (ein Gemeinschaftsunternehmen der beiden TX Group und Ringier) nicht in dieser neugegründeten digitalen Unternehmung Aufnahme findet.

    Die Strategie ist wohl, vorerst die grauen Mäuse (Tutti, Ricardo, Motoscout) mit blumigen Geschichten börsentauglich zu trimmen. Die lukrative Perle Jobcloud bleibt wohl länger bei den beiden Akteuren.

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  3. Christoph J. Walther
    Christoph J. Walther says:

    Zur Inspiration: Craigslist, eine der ersten und erfolgreichsten Kleinanzeigen-Plattformen, erreicht einen Umsatz von einer (geschätzten) Milliarde USD mit gerade mal 50 Mitarbeitern (man rechne…). Und ach ja: Der Gründer, Craig Newmark, spendet 200 Mio. USD für den Journalismus…

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  4. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Ch-Multimedia Häuser.
    Ach je, das sind doch diejenigen die von früh bis spät vom Digitalen Zeitalter schwadronieren und gleichzeitige selbst die Transformation längst verschlafen haben!
    Der Kerneffekt, das Ergebnis der Digitalisierung ist eine massive Steigerung der Produktivität resp. Aufwandseinspareffekte.
    Auch leider und besonders die Schweizer Wirtschaft hat das bis heute nicht begriffen und entsprechend angewendet und umgesetzt.
    Dafür wurden die Bruttovolumina insbesondere im Dienstleistungssektor sowie generell auf der Ebene Volkswirtschaft inklusive begleitende Faktoren irrwitzig aufgeblasen. Das ganze massiv gepuscht von halbgaren Knalltüten Ideologigesteuerten CH-Medien.
    Da wurden Kapazitäten aufgebaut, die können und sind auf dauer nicht haltbar.
    Was soll es, mit einem Dorfkrämer Ökonomieverständnis, Volks oder gar Globalwirtschaft gestalten und betreiben?
    Ob das schlüssig aufgeht und KANN ist denn doch sehr fraglich. Da stehen noch so einiges an scheinbaren Überraschungen vor der Türe.
    Zwischendurch durchs Gukloch schauen was sich vor der Türe so abspielt, könnte nicht
    schaden.
    Anmerkung mit klarsicht und nicht mit eingefärbten Brille-Gläsern.
    Wünsche allen einen erkenntnisreichen Tag.

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    • Tim Meier
      Tim Meier says:

      Digitalisierung ist, wenn 1000 Leute die von den Kunden erfassten Anzeigen reviewen? Eigene Inhalte werden auf diesen Marktplätzen ja nicht wirklich produziert.

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