Fragen eines denkenden Laien

Afghanistan, du fernes Land des Nixverstan. Wieso beantwortet niemand banalste Fragen?

Seit den vorhersehbaren Terroranschlägen am Flughafen von Kabul geht die Tragödie ihren Gang, als sei sie von Sophokles geschrieben.

Aber genauso wenig, wie die meisten Schweizer Journalisten Sophokles ohne zu googeln kennen, sind und bleiben sie völlig unbeleckt von Kenntnissen über das Land am Hindukusch. Das ist nicht weiter schlimm, denn

es zeichnet ja den Journalisten aus, dass er nichts über alles oder alles über nichts weiss.

Auf jeden Fall eine klare Meinung dazu hat und mit dem beleidigten Bedauern des Ungehörten in alle Richtungen Kritiken, Zensuren und Besserwissereien verteilt. Auch das ist zwar nervig, aber nicht schlimm.

Fachwissen kann man sich ausleihen

Fachwissen kann sich der Journalist ja hereinholen, am besten, indem er einen Fachmann interviewt. Früher durfte der Spezialist auch noch etwas schreiben, aber dafür musste man ja ein Honorar zahlen, also fällt das weg; Interviews sind immer noch gratis. Meistens.

Also interviewt im «Tages-Anzeiger» ein gewisser Ronen Steinke einen gewissen «Islamwissenschaftler Behnam Said». Nur so als Beispiel herausgegriffen. Man sollte vielleicht wissen, dass Steinke natürlich nicht für Tamedia, sondern die «Süddeutsche Zeitung» arbeitet. Steinke hatte noch nie etwas mit Afghanistan zu tun, aber auch das macht ja nichts.

Islamwissenschaftler Said wiederum arbeitet für die Justizbehörde Hamburg und ist Autor mehrerer Bücher über Salafismus, den Islamischen Staat und Al-Kaida. Auch er hat mit Afghanistan nicht wirklich was am Hut.

Greifen wir nur eine Aussage heraus:

«Die afghanischen Taliban haben in erster Linie nationale Ziele.»

Das ist blühender Unsinn. Um das zu erkennen, genügt bereits die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der afghanischen Bevölkerung Paschtunen sind, rund 15 Millionen. In Pakistan hingegen leben 20 Millionen Paschtunen. Wie häufig in der Geschichte wurde dieses Volk durch eine willkürliche Grenzziehung, hier die sogenannte Durand-Linie, von den britischen Kolonialherren getrennt. Das war 1893, das Volk der Paschtunen existierte schon Jahrhunderte vorher.

Wer keine banalen Grundkenntnisse hat, versteht nichts

Wer das nicht versteht, versteht die Rolle Pakistans, immerhin eine Atommacht, nicht. Wer noch nie von Belutschistan gehört hat, versteht Pakistan nicht. Wer nicht weiss, dass für China Afghanistan und Pakistan nicht klar unterscheidbare Ländern sind, versteht das Handeln des wichtigsten Players in der afghanischen Tragödie nicht. Ach, und dann gibt es noch Indien und den schiitischen Iran, und eine Handvoll Ex-sowjetischer Staaten, die sich unter dem militärischen Schirm der UdSSR entschieden wohler fühlten als heute.

Nehmen wir noch Bodenschätze dazu, das Scheitern aller westlichen Interventionen, geographische Gegebenheiten wie der mögliche Zugang Chinas ans Meer, dann hätten wir doch einen interessanten Katalog von Fragen über die zukünftige Entwicklung Afghanistans.

Komplex genug: aus «Le Monde».

Dabei wollen wir sicherlich auch nicht den Steinzeit-Fundamentalismus, die Organisation als Stammesgesellschaft, radikal-religiöse Strömungen, offene oder versteckte Unterstützer jeder Form von internationalem Terrorismus und pragmatischere Machtmenschen innerhalb der Taliban vergessen.

Aber wie in jeder Herrschaftsform, bei der Staat und Religion aufs engste verwoben sind, ist kein zweckrationales und verlässliches Handeln zu erwarten. Hingegen ein absehbares Desaster. Die Schalmeienklänge aus Doha, mit denen sich viele westliche Medien einlullen lassen, zeugen nur von einer beeindruckenden Lernkurve der Taliban.

In nur 25 Jahren haben sie gelernt, dass das Foltern und Aufknüpfen des afghanischen Präsidenten und seine Zurschaustellung an einem Betonpfosten nach der Machtübernahme keine so gute Idee war. Sie haben aber auch gelernt, dass ihre radikale Auslegung der Scharia und die Behandlung von Frauen schlechter als ein Stück Vieh nur leise Proteste auslöste. Das Genick brach ihnen damals die Wahnsinnstat der Al-Kaida unter Bin Laden gegen die USA.

Bin Laden wurde in Pakistan zur Strecke gebracht

Dummerweise hatten die Taliban all diesen Terroristen im Namen Allahs bereitwillig Unterschlupf gewährt. Bin Laden wurde dann allerdings in Pakistan zur Strecke gebracht, wo er unter dem Schutz des pakistanischen Militärs und Geheimdienstes jahrelang friedlich leben konnte. Gegenüber der pakistanischen Militärjunta (die wahre Macht im Land) trauen sich die USA aber nicht so aufzutreten wie in Afghanistan; die Atombombe macht den ganzen Unterschied.

Wie jede Kampftruppe, die an die Macht gekommen ist, müssen die Taliban sich nun mit ganz banalen Themen herumschlagen, wozu der Finanzhaushalt des Landes gehört. Wie werden sie das managen, bekanntlich ist ihre Haupteinnahmequelle die Herstellung von und der Handel mit Opium. Bei den hier umgesetzten Milliardenbeträgen braucht es Finanzinstitute, die die Geldströme bewältigen und Drogengelder weisswaschen.

Das wäre nun ein kleiner Strauss von laienhaften, nur aus oberflächlicher Beschäftigung mit Afghanistan gewonnenen Themenfeldern.

Das führt zur banalen Frage eines Laien: Wieso bekommen wir dazu keine Antworten? Wieso kreisen wieder einmal 99 Prozent aller Beiträge um die Begriffe Terror, Burka, Steinzeit-Regime? Wieso werden die ewigen, wenigen, überschaubaren Fragen durch die Medienmühlen gedreht, bis sie zu Staub gemahlen sind und dem Publikum im Mund knirschen?

Zentralregierung? Lachhaft.

Banale Fragen eines Laien

Wieso werden diese Themenfelder nicht wenigstens skizziert, abgesteckt, untersucht? Vieles davon ist vom Schreibtisch in Zürich, in München, in Hamburg möglich. Statt arme Korrespondenten, die tausende Kilometer von Kabul entfernt sind, mit Fragen nach der Einschätzung der Lage am Flughafen zu belästigen.

China, Pakistan, Indien. Das sind die wichtigsten Player auf dem Spielfeld. Wird es den Paschtunen diesmal gelingen, den Traum eines eigenen Staates zu verwirklichen? Wird Pakistan implodieren (oder schlimmer noch: explodieren)? Geht Chinas Rechnung auf; Rohstoffe, Korridor ans Meer, Kontrolle?

Andere Seidenstrasse: der «Korridor». Gewusst?

Sind doch faszinierende Fragen. Könnte doch jeder drauf kommen, nicht nur der Laie von ZACKBUM. Letzte banale Frage: Wieso nicht? Ketzerische Überlegung: Könnte das vielleicht daran liegen, dass im Journalismus inzwischen an allem gespart wird – ausser an arroganter Dummheit, Selbstverliebtheit und aus Unsicherheit über die eigene Zukunft geborenem Desinteresse an der Welt?

11 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    TAmedia bemüht sich redlich die Ereignisse in Afghanistan einzuordnen. Aber Kabul ist weit entfernt, 5.150,41 km Luftlinie. Da sind die Münchner näher am Geschehen, besser informiert und Fastfood von der SZ ist in der «unabhängigen Schweizer Tageszeitung» immer willkommen. Sogar Büchertipps von den Deutschen: «Afghanistan verstehen – Das müssen Sie lesen», (man beachte den Befehlston) … «Wir präsentieren die wichtigsten Bücher für alle…», da kommt beim «Wir» noch etwas Etikettenschwindel dazu!

    Trotzdem, TAmedia kann auch richtig investigativ sein, aufdecken und erklären. Diese Woche durch 2 ältere Herren, Markus Wüest, Journalist, 59 und Johanes Bitzer, mit 71 noch Vorsteher und Chefarzt der Frauenklinik des Universitätsspital Basel. Die beiden haben entdeckt dass es bei ca 4 Mia Menschen weiblichen Geschlechts Unterscheide gibt, ««Es gibt nicht die eine Vulva – sie kann ganz verschieden aussehen». Das nenn ich doch mal wirklich investigativen und stringenten Journalismus, jeder Satz korrekt und niemand hat das gewusst. Fortsetzung folgt, nächste Story von Wüest: ««Es gibt nicht den einen Penis – er kann ganz verschieden aussehen». Wissen wir Männer die einmal eine Rekrutenschule absolviert haben, da wir beim Duschen geschaut haben wer den längeren hat. Aber für die Frauen ist der nächste «Wüest» schon interessant!

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    • Hans von Atzigen
      Hans von Atzigen says:

      Hopla einheit der Materie, Taliban und Sexualkunde.
      Kommt davon wenn man den Oswald-Kolle,oder den Kinsy-Raport verpasst hat.
      Oder zb. die Memoiren der Fannyhill. (Und noch viel mehr.)
      (Letzteres so nebenbei von einem Mann vor rund 200 Jahren im Knast geschrieben.)
      Logo dann braucht man Nachilfe vom Tagi und muss sich
      im Militär als, rest Schwamm drüber.
      Ach ja das mit Afghanistan sehr empfehlenswert die Titel des Peter Scholl-Latour.
      Veteran des Indochinakrieges als Fremdenläginär für Frankreich im Einsatz.
      2002 Erschienen der Titel.
      Kampf dem Terror Kampf dem Isalm?
      Chronik eines unbegrenzten Krieges.

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    • Hans von Atzigen
      Hans von Atzigen says:

      Nachtrag:
      Wenn schon Literatur Empfehlungen.
      Samuel P.Huntington.
      Kampf der Kulturen.
      Die Linke kocht schon bei der erwähnung des Titels.
      Warum wohl ? Weil er die Dinge klar und ungeschminkt beim Namen nennt.

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  2. Henri Leuzinger
    Henri Leuzinger says:

    Bemerkenswert übrigens auch die Haltung des Schweizer Fernsehens und der ARD in der Tagesschau vom 26.8.2021. Die Nahostkorrespondentin Anita Bünter, Amman, gab Informationen zum besten, die sie anderen Nachrichtendiensten und Sendern entnahm – second hand news, wenn überhaupt, Annahmen, Vermutungen, Gemeinplätze udgl.
    Die ARD hingegen interviewte den Schweizer Journalisten Franz Marty in Kabul.

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  3. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Hinweis: Es gibt den erstaunlichen Schweizer Journalisten Franz Marty, der als einer der wenigen noch in der Hauptstadt Afghanistans geblieben ist. Der Mann mit üppigem Bart (Tarnung?), lebt seit 2014 dort. Alle weltweiten Medien wollen nun Interviews mit ihm, seit der Taliban-Übernahme des Landes.

    Man höre sich seinen NZZ-Podcast an vom 25.8.2021:

    https://www.nzz.ch/podcast/wer-kuemmert-sich-in-afghanistan-um-den-strom-und-duerfen-aerztinnen-jetzt-noch-arbeiten-ein-schweizer-berichtet-aus-kabul-ld.1641986

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    • Laura Pitini
      Laura Pitini says:

      Der Freelance-Journalist Franz Marty ist jetzt omnipresent. Ob ARD, Huff-Post, France 24, Weltwoche, Guardian schreibt er auch für die Jane’s Defence Weekly in Grossbritannien.

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Vorher noch nie was gehört von diesem Franz J. Marty. Jetzt überall auf Sendung. Seine interessante Biographie, die ich in der HuffPost gefunden habe:

      Franz J. Marty is a Swiss freelance journalist currently based in Kabul, Afghanistan.

      After graduating from the University of Zurich, Switzerland, in 2010 with a law degree (including inter alia public international law) with the highest possible ratings (summa cum laude) he worked mainly in Public Prosecution in Switzerland.

      In 2013 he went to Tajikistan where he completed a six-month Tajiki language course at the Tajik National University in the capital Dushanbe and also intensively travelled through the country. Following his studies in Dushanbe, he trekked completely on his own through the Pamir in the eastern Tajik Province of Badakhshan and the remote Wakhan Corridor in Afghanistan. From there he returned via land and sea through Uzbekistan, Turkmenistan, Iran, the United Arab Emirates, Saudi Arabia, Jordan, Egypt, Malta and Italy back home to Switzerland, whereas he stayed for three months in Iran completing a Farsi language course at the University of Isfahan. Thereby and during his earlier travels in Russia he gained unique in-depth insight into these countries.

      He speaks German, English, French, Persian (Tajiki, Dari, Farsi) and Russian. During his travels he began to write. Since December 2014 he works full time as a freelance journalist in Kabul, Afghanistan. He covers a wide range of topics, but is mainly interested in geopolitical and security issues.

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      • Sam Thaier
        Sam Thaier says:

        Einen solch reichen und engagierten Lebenslauf (analog Franz Marty) wünschte ich mir beispielsweise für Aleksandra Hiltmann vom Tagesanzeiger. Dies in Vertretung all dieser erregten Frauen, die dieses peinliche Tamedia-Pamphlet unterschrieben haben.

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  4. Beth Sager
    Beth Sager says:

    Finde es ausgezeichnet, unter der Prämisse eines «denkenden Laien» kluge Fragen zu stellen.

    Die oft selbsternannten «Afghanistan-Experten» sollen so aus ihrer bequemen Komfortzone entführt werden.

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