Afghanistan rauchfrei

Rauchen und rasieren ist verboten. Es gibt Schlimmeres. Viel Schlimmeres.

Taliban light? Nach dem Desaster der militärischen Intervention in Afghanistan und der Katastrophe des Rückzugs beginnt das Schämen und Schönreden. «Die Taliban sind moderater geworden», echot es durch die Schweizer Medien*.

Man könne ihnen zwar nicht wirklich vertrauen, aber immerhin, bislang haben sie die empfindsamen westlichen Augen davor verschont, Bilder von zu Tode gefolterten und dann aufgeknüpften und öffentlich ausgestellten Leichen anschauen zu müssen.

Da es trotz moderner Kommunikationsmittel kaum Informationen aus den von ihnen besetzten Provinzen gibt, dringen nur Gerüchte von Massakern, Erschiessungen, drakonischen Unterdrückungsmassnahmen gegen Frauen an die Öffentlichkeit.

Eine afghanischen Telenovela. TV wird’s nicht mehr geben, dafür solche Szenen?

So soll bei der Suche nach einem Mitarbeiter der Deutschen Welle ein Familienmitglied von ihm erschossen und ein anderes schwer verletzt worden sein. Ist das der Beginn von gezielten Exekutionen von allen, die der Verbreitung moderner Gedanken beschuldigt werden?

Oder sind die Taliban inzwischen ein Club moderater Islamisten, denen das Wohl von allen, vor allem von Frauen, am Herzen liegt?

Verständige und nette ältere Bartträger? Die Führungsriege der Taliban.

Unterscheiden sich die 2021 siegreichen Taliban von denen, die 1996 die Macht ergriffen und ein freudloses Schreckensregime errichteten, unter dem vor allem Frauen zu leiden hatten? Haussklavinnen, zwangsverheiratet ab 12, kein Schulbesuch mehr, Verlassen des Hauses nur noch vollverschleiert und in männlicher Begleitung. Die Reduzierung der Frau zu einem Stück Vieh, der Willkür des männlichen Herrschers ausgeliefert.

Kabul, Anfang August. Inzwischen sind solche Bilder übermalt.

Das Symbol für diesen Steinzeit-Islam ist die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan. Ein Akt unglaublicher Barbarei gegen das Kulturerbe der Menschheit, gegen Kunstwerke, die seit dem 6. Jahrhundert alle Schreckensherrschaften überstanden hatten. Bis die fundamentalistischen Irren an die Macht kamen.

Reine Barbarei und völlige Kulturlosigkeit.

Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf. Der aktuelle Führer der fundamentalistischen Wahnsinnigen ist Hibattullah Akhundzada. Dank dem gigantischen Versagen aller westlichen Geheimdienste ist nur wenig über ihn bekannt. Bevor er 2016 zum neuen Führer ernannt wurde, war er religiöser Berater des Blutsäufers und früheren Kommandanten Mullah Mohammed Omar. Er ist einer der vielen Religionsschüler («Talib»), ausgebildet in den islamischen Medressen in Pakistan.

Was man über die oberste Führung der Gotteskrieger weiss …

Er wurde Mitglied der gefürchteten Religionspolizei der Taliban und Chefrichter der Schariagerichte während des Schreckensregimes von 1996 bis 2001. Einer seiner Söhne soll 2017 ein Selbstmordattentat auf einen afghanischen Militärposten verübt haben.

Er war also an vorderster Linie bei allen Schandtaten dabei, die während der ersten Talibanherrschaft verübt wurden. Vor der neuerlichen Machtübernahme soll Akhundzada in Doha gelebt haben, der Hauptstadt von Katar. Der Stadtstaat ist bekannt als einer der wichtigsten Unterstützer der Taliban in Afghanistan.

Ist von diesem Personal tatsächlich zu erwarten, dass es in den letzten 20 Jahren eingesehen hat, dass eine Fortsetzung ihrer Schreckensherrschaft keine so gute Idee sei? Dass die Rechte von Frauen nun respektiert werden, es keine Rache an Unterstützern des Westens und deren Staatsapparat geben wird? Die angebliche Exekution von Armeeführern oder von sich ergebenden Truppenteilen seien nur üble Propagandalügen, Frauen könnten sogar Mitglied einer neuen Regierung werden, alles kein Ding mehr.

Dunkler Schatten über der Zukunft Afghanistans.

Nach dem Versagen der politischen und militärischen Führung des Westens in Afghanistan, nach einem schmählichen Rückzug, mehr einer Flucht aus Kabul, nach dem Verrat aller Menschen, die sich für moderne Ideen einsetzten, kommt nun das Versagen der Medien, vor allem im deutschsprachigen Raum. Denn eines haben die Taliban gelernt: mediales Auftreten ist die halbe Miete heutzutage. Bewirtschaftung der Social Media, Statements abgeben, die der Westen hören möchte, damit er sich ob seines Verrats weniger schämen muss.

Aus den Provinzen nach Kabul geflüchtet, hier vom Westen verraten …

Die wenigen Hintergrundanalysen, vor allem zum Finanzhaushalt der Taliban, denn Kriege kosten, sind aus der angelsächsischen Presse abgeschrieben. Die deutsche «Tagesschau» bemüht ihren «Afghanistan-Korrespondenten» – stationiert in Indien. Auch in der Schweiz werden Spezialisten und Analysten ausgegraben, die in irgend einer Form etwas mit Afghanistan zu tun haben, und sei es auch nur, einen Windhund zu halten.

Könnte er reden, würde er interviewt werden.

Selten war der interessierte Leser so sehr auf eigene Recherchen oder die Suche nach einigermassen verlässlichen Quellen angewiesen, die natürlich fast ausschliesslich auf Englisch erscheinen.

Eine Erklärung des Versagens …

 

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*Wer einigermassen verlässliche Informationen sucht und Englisch kann, zwei weitere Quellen neben den angelsächsischen Leitmedien:

Die «Voice of America» (von der US-Regierung finanziert) und «The Conversation», eine Kooperation englischsprachiger Universitäten.

 

 

2 KOMMENTARE
  1. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    Nicht alle mussten von angelsächsischen Medien abschreiben. TAmedia hatte Glück, dass hatten die Süddeutschen für sie getan. Andere Medien erinnerten sich an Erich Gysling und haben ihn zu Wort kommen lassen, TeleZüri. Den Vogel abgeschossen hat einmal mehr Wappler TV. Zu Afghanistan wurde unter anderem aus dem 3’000 km entfernten Amman berichtet. Die Korrespondentin dort sass stundenlang vor dem Fernsehen hat Al Jazeera und CNN geschaut und dann ihr Statement abgegeben. An Peinlichkeit nicht zu überbieten war «Wiederkehr» Urs Gredig in der Sendung «Gredig direkt». Sein Gast Ulrich Tilgener, seit Jahrzehnten ein profunder Kenner der Region. Gredig war nicht in der Lage seine Standardsätze ohne ein bis zwei «Äh, äh» zu formulieren. Journalismus auf Praktikantenniveau. Immerhin etwas entwickelt hat sich Gredig, er trägt keine Wyatt Earp-Weste mehr und strahlt noch mehr. Vermutlich weil er trotz mässiger Kompetenz und scheitern bei CNN Money sich 2020 wieder an die Honigtöpfe der ZwangsgebührenzahlerInnen retten konnte!

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Gemäss diversen Quellen haben nicht die Geheimdienste versagt, sondern die zuständigen Politiker. Wer, wie Deutschland, 2 Millionen EUR für Gender Mainstreaming in Afghanistan einsetzt, der will nur Erfolgsmeldungen zu diesem Thema hören.
    Es geht noch irrer wie dieser Tweet des US State Departments zeigt: «The State Department calls on the Taliban to form an “inclusive and representative government.» https://twitter.com/townhallcom/status/1427375455741558793

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