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20min will sauber kommentieren

20. August 2021/6 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Überraschung. Vor dem Kommentieren steht nun das Registrieren.

Eine Ansage von der reichweitenstärksten Zeitung der Schweiz: «Kommentieren geht nur noch mit Login». Damit solle Schluss sein mit «anonymen, deplatzierten Aussagen».

Ansage mit Werbefilmchen für Vollblöde.

Wunderbar, schon ist das Internet wieder ein Stück sauberer und anständiger geworden. Oder nicht? Wohl eher nicht. Vor Kurzem erst versuchte die schreibende Sparmassnahmen der NZZaS, «20 Minuten» über die dortigen Kommentare an den Karren zu fahren. Pensionär Felix E. Müller holte die Faschismus-Keule hervor. Bei der Konkurrenz hätten sich mal wieder in den Kommentarspalten die Nazi-Vergleiche gehäuft; verwendet vor allem von Kritikern der Corona-Politik.

Schliesslich habe sich der Chefredaktor von «20 Minuten» veranlasst gesehen, dazu «Stellung zu nehmen», fabuliert Müller. Das sei aber gründlich in die Hose gegangen. Stimmte zwar nicht, und «20 Minuten»-Chefredaktor Gaudenz Looser holte im Dialog mit einem Vertreter der jüdischen Gemeinde in der Schweiz weit aus, um Notwendigkeit und Grenzen eines lebhaften Austauschs in den Kommentarspalten zu verteidigen:

«Wir machen das Kommentar-Management heute viel besser und aufwändiger als früher, wir haben ein geschultes Freischalterteam, das von einem eigenen Ressort eng betreut wird.»

Aber trotz all diesem Pipapoh scheinen die rund 10’000 Kommentare, die täglich einlaufen, das Freischalterteam zu überfordern. So wurde geradezu zackbum mit Wirkung sofort bekannt gegeben: «Die Einführung der Login-Pflicht für Kommentare hat zum Ziel, einen angeregten Austausch zwischen den Kommentarschreibenden in anständiger Tonalität zu ermöglichen.»

Endlich anständige Debatten in den Kommentaren?

Wenn das das Ziel sein soll, logischer Umkehrschluss, war das bis anhin nicht möglich. Nun muss man als mildernden Umstand anführen, dass das Kontrollieren von massenhaft Kommentaren zu den unappetitlicheren Aufgaben im Internet gehört. Je nach Thema und Stimmungslage müssen bis zur Hälfte aller Einsendungen in den Orkus befördert werden.

Denn früher musste sich der Kommentarschreiber die Mühe machen, ein Blatt Papier in die Schreibmaschine einzuspannen, darauf zu tippen: «Sie rechts-/linksradikales Arschloch, Sie haben doch keine Ahnung, Sie verdammter Trottel, wir werden Ihnen eins in die Fresse hauen; ein besorgter Bürger», das anschliessend eintüten, frankieren, adressieren und auf den Weg zu bringen, wobei es unweigerlich im Abfall landete.

Heutzutage kann sich der gleiche Amok eine Gratis-E-Mail zulegen und lospoltern. Verstösst er dabei gegen Regeln des Anstands oder des Strafgesetzbuchs, muss er normalerweise nicht viel befürchten, wenn er auch nur über rudimentäre Kenntnisse verfügt, die IP-Adresse seines Computers zu verschleiern.

Anpreisungen wie früher auf einer Kaffeefahrt.

Dementsprechend tiefergelegt sind viele Debatten, die Kommentatoren verbeissen sich schnell ineinander, führen Privatfehden, kommen meilenweit vom Thema ab und unweigerlich hagelt es Nazi-Vergleiche, früher oder später. Amoks krähen schnell «Zensur», pochen auf Meinungsfreiheit, und häufig gleicht eine Kommentarspalte einer Wirtshausschlägerei zu vorangeschrittener Nachtstunde, inklusive Lallen und Beschädigung des Inventars.

Nach 576 Kommentaren wurde hier abgeklemmt; geschlossen.

Hört sich toll an, ist es aber weniger

Allerdings lässt diese Massnahme von «20 Minuten» doch einige Fragen offen. Wir haben spasseshalber den Anmeldungsprozess durchexerziert. Wer in der Lage ist, eine neue Hotmail-Adresse zu generieren, ist als Peter Meier, Nickname Poltergeist, weiterhin problemlos dabei. Was könnte ihn neuerdings daran hindern, weiterhin zu rempeln: «Die Versager im Bundesrat sollten alle verhaftet werden»?

Kein Problem, dann weiter im Text …

Nicht mehr und nicht weniger, als ihn vorher daran hinderte, hindert nun. Also muss man die Massnahme wohl so verstehen, dass schon eine gewisse Prozentzahl von «20Min»-Lesern an der Hürde des Registrierprozesses scheitern wird. Ein anderer Prozentsatz wird vielleicht kurz zusammenzucken, ob «du blödes Arschloch», gekeift aus dem sicheren Schutz der Anonymität, nun auf ihn zurückfallen könnte.

Chefredaktor Looser nimmt exklusiv Stellung

Looser verteidigt die Massnahme auf Anfrage von ZACKBUM: «Algorithmen und Kontrolle sind nie perfekt und werden es auch künftig nie sein. Aber die Loginpflicht ist eines von vielen Elementen in unserer Qualitätssicherungsoffensive.» Die Massnahme sei schon Anfang dieses Jahres geplant gewesen, aber «es gab dann technische Issues mit der Login-Verknüpfung».

Wieso soll denn ein solches Registrieren mehr Anstand bewirken? «Weil den Kommentierenden bewusster ist, dass sie nicht anonym sind. Unangebrachte Inhalte können so auch leichter juristische Folgen haben.» Und möglicherweise weniger Traffic? «Das nehmen wir in Kauf.

Eine tiefere Anzahl Kommentare erlaubt uns eine bessere Kontrolle. Der Anteil der Kommentare, die wegen Kapazitätsgrenzen nicht manuell freigeschaltet werden können, dürfte damit sinken.»

Wie aber bspw. der Amok-Journalist Reda El Arbi beweist, muss man kein Halbanalphabet und Volltrottel sein, um mit Kommentaren in den strafrechtlichen Bereich zu gelangen.

Abschreckendes Beispiel? Reda El Arbi.

Es gibt wohl eine Grenze, an der alle Versuche scheitern, etwas Anstand und Benehmen in die Welt der Kommentare und der Social Media zu bringen. Aber beim zunehmenden Sittenzerfall ist jede Massnahme zu begrüssen.

Schlagworte: 20 Minuten, Gaudenz Looser, Kommentarfunktion, Reda el Arbi, Registrierung
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/08/Komment5.jpeg 413 651 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2021-08-20 07:30:202021-08-20 06:41:4920min will sauber kommentieren
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6 Kommentare
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner sagte:
    20. August 2021 um 9:15

    Warum «Qualitätssicherungsoffensive» nur in den Kommentarspalten? Warum nicht bei «20Minuten»?

    Antworten
    • Pedro "el Dividendo" Subventino
      Pedro "el Dividendo" Subventino sagte:
      20. August 2021 um 10:57

      Bei der Glückspost für Werbeagenturen und andere Sauerbierverkäufer, persoenlich.com, lässt sich nachlesen dass 20min durchaus an der journalistischen Qualität arbeitet bzw. was man im Hause Supino-Coninx eben davon versteht (spoiler: nicht viel):
      ««Wir investieren viel in die journalistische Qualität. So engagiert sich unser 20-köpfiges Social Responsibility Board für die Verwendung einer nicht verletzenden Sprache und kooperiert dafür auch mit externen Organisationen», sagt Marcel Kohler, Geschäftsführer 20 Minuten.»
      https://www.persoenlich.com/medien/kommentieren-nur-noch-mit-login-moglich
      Man höre und staune: Im Jahre 2021 ist journalistische Qualität gleichbedeutend mit nicht verletzender Sprache, der Rest ist Nebensache.

      Antworten
      • Tim Meier
        Tim Meier sagte:
        20. August 2021 um 14:49

        «20-köpfiges Social Responsibility Board» mit der Hauptqualifikation «Textverständnis 3. Klasse»?
        Kein Wunder, müssen bei der SZ massig Artikel eingekauft werden. Die eigenen Leute kriegen nicht wirklich was auf die Reihe.
        Hier noch ein Beispiel für «nicht verletzende Sprache». Textverständnis 1. Klasse: https://annalena-baerbock.de/leichte-sprache/

        Antworten
      • Victor Brunner
        Victor Brunner sagte:
        20. August 2021 um 16:39

        Immerhin hat Pietro Supin in den letzten 1 1/2 Jahren nicht mehr von Qualitätsjournalismus geschwafelt. Wahrscheinlich hat er gemerkt dass nur noch wenige bei TAmedia diesem Anspruch gerecht werden. Mit Priska Amstutz und ihren Cheerleadern ist der Zug für anspruchsvolle LeserInnnen eh abgefahren!

        Antworten
  2. G. Scheidt
    G. Scheidt sagte:
    20. August 2021 um 9:00

    Wenn ich die „Anti-Hate-Speech-Aktivist_*Innen“ Reda El Arbi und Jolanda Spiess-Hegglin sehe, kommen mir rein assoziativ automatisch die geifernden Pornojäger aus den 1970er und 80er Jahren in den Sinn. Ältere Semester werden sich ebenfalls noch an die erinnern.

    Nacht für Nacht wühlten sie, Maulwürfen gleich, tiefer und tiefer im Schmutz und Schund. Statt im Netz zu surfen, streiften sie freilich noch ganz analog auf ihren «Schweinszügen» durch die nächtliche Innenstadt und bekämpften die Besitzer und Mitarbeiter von Sexkinos, Peep-Shows und Pornoläden mit Strafanzeigen, Psychoterror und gar mit Selbstjustiz. Und das alles im Namen der Moral. Mit einer beachtlichen Portion Fanatismus – und in allergrösster Lusteuphorie.

    Irgendwann entpuppten sich die frommen Pornojäger, die sich als Rächer der Pornoindustrie-Opfer gerierten, als eifrige Pornosammler – so wie sich heute einige Anti-Hate-Speech-Aktivisten als primitive Pöbler outen, die den Mob (Follower genannt) gegen ihre Feinde aufhetzen.

    Die Moralprediger – oder wie sie heute heissen – Anti-Hate-Speech-Aktivisten waren und sind freilich nur eins: selbstgerechte Spiessbürger.
    Und sie wollen das Gleiche: Unterordnung.

    Antworten
  3. Peter Muster
    Peter Muster sagte:
    20. August 2021 um 8:45

    Es gibt wohl keine Massnahme, welche Anstand und Benehmen einiger weniger Menschen nachhaltig verbessert. Wer jedoch glaubt, er oder sie wäre mit einer anonymen Mail Adresse und einer verschleierten IP wirklich anonym, der irrt. Es ist ausserdem zu hoffen, dass sich die anständigen Menschen, welche sich zu benehmen wissen, aktiver zu Wort melden… das hilft auch.

    Antworten

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