Die Wüste lebt

Wir taten es nicht freiwillig. Aber ein Artikel des «Magazin» lohnt die Lektüre. Unfassbar.

Es gibt nichts Schöneres, als wenn Vorurteile zerbrechen. Also sagen wir so: Das «Magazin» unter Finn Canonica ist das tragischste Opfer eines sich ins Elend sparenden Journalismus. Ein Schatten früherer Grösse. Selbst der Abgang von Daniel Binswanger konnte daran nichts ändern.

Aber: «Warum sind wir so besessen von Genitalien?» ist ein grossartiger Essay der Berliner Schriftstellerin Nele Pollatschek.

«Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Journalistenkollegen und sagte: «Ich, als Schriftsteller…» Der Journalist unterbrach mich: «SchriftstellerIN». Da fiel es mir wieder ein. Ich bin ja kein Schriftsteller, ich bin ja eine Frau.»

Eigentlich ist das Thema gendergerechtes Deutsch zu Tode geschrieben worden (auch hier auf ZACKBUM). Umso verblüffender, dass ein Schriftsteller mit Elan, Frische und Humor dieser Perversion wahrlich den Todesstoss versetzt. Das abgedruckt zu haben, dafür gebührt dem «Magazin» grosses Lob. Es erst so lange nach Publikation gelesen zu haben, dafür gebührt ZACKBUM ein grosser Tadel. Aber wozu hat man gute Freunde, die Hinweise geben.

Jeder sollte das lesen, es ist heilsam

Aber wir leisten Abbitte. Jeder (auch jede, non-binär, transgender und eine der weiteren rund 160 Genderausformungen inbegriffen) sollte das lesen. Wer dann noch meint, gendern hätte irgendwas in der Sprache verloren, würde irgend etwas bringen, besser machen, bewirken, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ein Text wie eine Oase in der Wüste.

Natürlich kann man nun noch einwenden, dass uns der Text ausnehmend gefällt, weil er genau in unser Weltbild passen würde. Auch das ist nicht von der Hand zu weisen, aber in erster Linie gefällt das Essay, weil es intelligent, witzig, auf Niveau und herausragend gut geschrieben ist. Das würden wir auch über jeden Text sagen, der das Gendern als unabdingbar nötig für den Fortschritt der Menschheit bezeichnete. Wenn es ihn denn gäbe.

Besonders amüsant ist das Spielen mit verschiedenen Metaebenen, das einen federnden Text von einem gesinnungsschwer platten unterscheidet:

«Ich würde diesen Artikel übrigens gerne anfangen, ohne mehrmals auf mein Geschlecht zu verweisen, das geht keinen etwas an. Ich würde ihn gerne mit rationalen Argumenten gegen das Gendern anfangen. Täte ich das aber, würde ich sofort als Anti-Feminist gelesen werden und diejenigen, für die ich das schreibe, die guten, aufgeklärten Gerechtigkeitsliebenden, würden aufhören zu lesen.»

Dann kommt noch eine hübsche Prise Dialektik dazu. Die Autorin gibt zu, dass ihr Diskriminierung durchaus bekannt ist; als jüdischer Frau in Deutschland. Aber: «Ich gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiss, wie Diskriminierung sich anfühlt.»

Ein virtuoser Todesstoss

Nachdem Lele Pollatschek die üblichen Argumente gegen das Gendern fulminant abgeklatscht hat, setzt sie virtuos zum Todesstoss an:

«Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch.

Ich sage leider, denn Menschen, die gendern, sind mir doch eigentlich so nah. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.»

Das dekliniert sie nun vergnüglich durch, dabei hilft ihr die Aussenperspektive, die sie durch ihr Studium in Cambridge und Oxford gewann. Denn schon englischen Feministen ist die deutsche Manie, durch die Verwendung möglichst vieler Genderformen mehr Sprachgerechtigkeit herzustellen, mehr als suspekt.

«Wer aus meinem «Schriftsteller» ein «Schriftstellerin» macht, kann auch gleich «Vagina!» rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber.»

Es gibt auch ganze Denkgebäudeansiedelungen in der Wüste.

Aus der Vielzahl ihrer Argumente, wie die Aneignung von Begriffen richtig stattfinden könnte, sei nur eines herausgegriffen: «Genauso wie das Wort «US-President» für die ersten Jahrhunderte der amerikanischen Geschichte per Gesetz nur Weisse bezeichnen konnte und faktisch bis 2008 nur weisse Männer bezeichnet hat. Die Realität, also Barack Obama, hat die Sprache verändert.»

Realität und Sprache ist eine dialektische Wechselwirkung

Nicht die Verwendung des Begriffs Bundeskanzlerin hat dieses Amt auf Frauen erweitert. Sondern die Amtsausübung durch Angela Merkel. Damit hat Pollaschek den wesentlichen Punkt festgenagelt: die Realität verändert die Sprache, nicht die Sprache die Realität. Besser: Sprache kann dabei helfen, aber nicht der Genderwahn. Ihr Schlusswort kann man nur mit beiden Händen unterschreiben:

  • «In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnte aus «Fräuleins» «Frauen» wurden, können aus Frauen noch immer Menschen werden. Menschen, die Bücher schreiben, wir nennen sie dann Schriftsteller, Menschen die wählen, wir nennen sie dann Bürger, Menschen die regieren, wir nennen sie dann Kanzler oder Bundesrat, Menschen, die zu Gast sind, wir nennen sie dann Gäste. In dieser Welt würde ich sehr gerne leben.»

Auch im Death Valley blüht’s – nach einem Regenfall.

Wer nicht. Aber zurzeit sieht es eher danach aus, als ob wir uns von dieser Welt mit grossen Schritten entfernen würden. Allerdings auch nur in sehr elitären Zirkeln, deren Kriegstänze um den Popanz Gender eigentlich nicht wirklich interessieren.

 

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